Andres Manuel Lopez Obrador und seine Frau Beatriz Gutierrez | dpa
Exklusiv

Mexiko Spionage-Software außer Kontrolle

Stand: 20.07.2021 06:00 Uhr

In Mexiko ist die Spionagesoftware "Pegasus" wohl exzessiv zum Einsatz gekommen. Mehrere Tausend Handys waren im Visier, darunter Nummern von Journalisten und aus dem Umfeld des heutigen Präsidenten.

Von Christian Baars, Florian Flade und Georg Mascolo, NDR/WDR

Kaum ein Land - abgesehen von Kriegsgebieten wie Syrien, Afghanistan oder Libyen - ist für Journalisten gefährlicher als Mexiko. Alleine im vergangenen Jahr wurden dort neun Journalisten ermordet, drei wurden innerhalb nur eines Monats erschossen. Für viele der Attentate werden Drogenkartelle verantwortlich gemacht. Zahlreiche Morde sind jedoch bis heute nicht aufgeklärt.

Zu den Opfern zählt der mexikanische Journalist Cecilio Pineda Birto. Am 02. März 2017 wartete er auf sein Auto, das in der Waschanlage nebenan gereinigt wurde, als die Mörder kamen. Sie erschossen den 38-jährigen freischaffenden Reporter und verschwanden unerkannt. Sein Handy tauchte nie wieder auf.

Birto starb in Ciudad Altamirano, einem Ort im Süden Mexikos, in der Region Tierra Caliente, die als Hochburg rivalisierender Drogenbanden gilt. Nur wenige Stunden vor seinem Tod hatte der Journalist in einem Facebook-Livestream die örtliche Polizei und Lokalpolitiker beschuldigt, mit einem der Gangbosse verstrickt zu sein. Immer wieder berichtete er über derartige Verstrickungen und wurde deshalb bedroht und möglicherweise überwacht.

"Pegasus-Projekt"

Im Mittelpunkt der Recherche steht die Software "Pegasus", die von der israelische Firma NSO entwickelt wurde. Nach eigenen Angaben stellt sie das Programm nur staatlichen Stellen zur Verfolgung von Kriminellen oder Terroristen zur Verfügung.

Im Rahmen des "Pegasus-Projekts" haben Journalist:innen eine Liste von mehr als 50.000 Telefonnummern analysiert, zu denen die Pariser Non-Profit-Organisation Forbidden Stories und Amnesty International Zugang bekommen hatten. Bei den Nummern handelt es sich um Ziele, die Kunden der Firma als mögliche Ziele für Überwachungsmaßnahmen eingegeben haben.

An der Recherche beteiligt waren in Deutschland die Wochenzeitung "Die Zeit", die "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR. Weltweit waren Medien wie die "Washington Post" in den USA, der britische "Guardian" sowie "Le Monde" in Frankreich beteleigt. Koordiniert wurde die Zusammenarbeit von Forbidden Stories. Das Security Lab von Amnesty International trug technische Unterstützung und die forensische Analysen von Handys bei.

50.000 Telefonnummern anvisiert

Die Handynummer von Birto findet sich auf einer langen Liste, die ein internationales Journalistenkonsortium, zu dem NDR, WDR, "Süddeutsche Zeitung" (SZ) und "Zeit" gehören, auswerten konnte. Es handelt sich um potenzielle Ausspähziele , die Kunden der israelischen Technologiefirma NSO ausgewählt haben.

Sie sollten offenbar mit der Spionagesoftware "Pegasus" überwacht werden, auch Birto. In vielen Staaten der Welt kommt die umstrittene Software den Recherchen zufolge zum Einsatz, und zwar nicht nur um Terroristen und Kriminelle zu überwachen, sondern auch Journalisten, Menschenrechtler und Politiker.

Aserbaidschan ist wohl ein Kunde von NSO, ebenso Ruanda, Saudi-Arabien, Marokko, Kasachstan und Ungarn. In keinem Land aber, so zumindest lässt es die Liste der rund 50.000 Telefonnummern vermuten, wurden mehr Ziele für eine Überwachung ausgewählt als in Mexiko. Alleine zwischen 2016 und 2017 wurden dort 15.000 Menschen ins Visier genommen. In dem Datensatz, der im Zuge des "Pegasus-Projekts" ausgewertet wurde, befinden sich die Telefonnummern von 26 mexikanischen Journalisten, etwa der frühere Bürochef der "New York Times", ebenso eine CNN-Produzentin.

Angehörige wurden zum Ziel

Offenbar interessierten sich die Überwacher noch für eine andere Person: André Manuel López Obrador, der heutige Präsident Mexikos - und zwar zu einer Zeit, als der heute 67-Jährige noch Oppositionsführer war. Obradors Handynummer findet sich zwar nicht auf der Liste der Abhörziele, jedoch die seiner Frau - einer Journalistin - seiner Brüder und seiner Kinder.

Auch die Nummern seines Social-Media-Beauftragten, seines Fahrers und des Arztes, der ihn 2013 nach einem Herzinfarkt operierte, wurden offensichtlich ausgewählt. Insgesamt mehr als 40 Personen aus dem Umfeld des heutigen Präsidenten sollen zeitweise Ausspähziele gewesen sein. In wie vielen Fällen es tatsächlich zu einer Überwachung mit der "Pegasus"-Software kam, ist allerdings unklar.

Unter den Ausspähzielen finden sich auffällig viele mexikanische Politiker, dazu zählen allein rund zwei Dutzend Gouverneure.

Mafiaboss "El Chapo" auf der Erfolgsliste

Schon vor Jahren wurde bekannt, dass Mexiko wohl einer der ersten Kunden der israelischen Firma NSO Group war. Für die dortigen Behörden war die Spionagesoftware wohl auch ein attraktives Werkzeug im Kampf gegen die Drogenkartelle. Zunächst kauften die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft im Jahr 2015 das "Pegasus"-Programm.

Später sollen dann auch der Geheimdienst Centro de Investigación y Seguridad Nacional (CISEN) und das Verteidigungsministerium Secretaría de la Defensa Nacional (SEDENA) die Software erworben haben. Auf der Erfolgsliste: Mafiaboss "El Chapo". NSO will sich bis heute nicht zu den Geschäftsbeziehungen mit Behörden in Mexiko äußern.

In früheren Interviews allerdings machte Firmenchef Shalev Hulio mehrfach Andeutungen, dass die Spionagesoftware von NSO unter anderem dabei geholfen haben soll, den berüchtigten Drogenboss Joaquín Archivaldo Guzmán Loera alias "El Chapo" zu fassen.

Der Kopf des gefürchteten Sinaloa-Kartells soll zwar aus Sicherheitsgründen kein Handy besessen haben. Dies aber half ihm offenbar nichts. "Sie haben El Chapo gefangen, weil sie seinen Anwalt überwachten", sagte NSO-Gründer Hulio im vergangenen Jahr der "Zeit".

Ob dies zutreffend ist, bleibt unklar. Die israelische Software-Firma aber betont, die Überwachungssoftware werde tagtäglich sehr erfolgreich im Kampf gegen Drogenhändler, Terroristen und andere Schwerkriminelle eingesetzt. Jeglicher Missbrauch der Software werde untersucht und geahndet. Es würden auch Verträge gekündigt, wenn sich so etwas bestätige. NSO teilt zudem mit, dass man die überwachten Ziele der Kunden nicht kenne.

Spuren auf den Handys von Journalisten

Die IT-Experten von Amnesty International und dem Citizen Lab der Universtität Toronto konnten auf den Handys von 26 mexikanischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Spuren des "Pegasus"-Trojaners forensisch nachweisen.

Mexikos Behörden versprachen bereits 2017, nach dem ersten Bekanntwerden dieser Überwachungsaktionen, den möglichen Missbrauch aufzuklären. Bis heute gibt es dazu keinen Bericht. Der mexikanische Präsident Obrador hat sich auf eine aktuelle Anfrage zu den Vorgängen nicht geäußert.

An der Recherche zu diesem Text waren Boris Herrmann, Hannes Munzinger, Frederik Obermaier, Paloma de Dinechin, Nina Lakani, Mary Beth Sheridan , und Mathieu Tourliere beteiligt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Juli 2021 um 12:47 Uhr.