Antennenkuppeln der ehemaligen US-amerikanischen Abhörbasis Bad Aibling Station der NSA. | REUTERS
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Russische Spionage Wie im Kalten Krieg

Stand: 13.04.2021 12:00 Uhr

Russlands Geheimdienste sind zuletzt vor allem durch Cyberangriffe aufgefallen. Aber auch Methoden aus dem Kalten Krieg kommen noch zum Einsatz - etwa der Agentenfunk.

Von Florian Flade, WDR, und Georg Mascolo, NDR/WDR

Sie sollen sich regelmäßig auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums im Süden Roms getroffen haben - der stellvertretende Militärattaché der russischen Botschaft und seine mutmaßliche Quelle, ein italienischer Fregattenkapitän. Der Italiener soll geheime NATO-Dokumente in seinem Büro abfotografiert und die Speicherkarte seines Smartphones dann an den Russen verkauft haben.

Florian Flade
Georg Mascolo

Am 30. März hat die italienische Polizei zugegriffen. Beim abendlichen Treffen in einem Auto auf dem Parkplatz wurden der Russe und der Italiener festgenommen. Eine Speicherkarte wurde sichergestellt, darauf waren 181 Fotos von Dokumenten, viele davon als geheim eingestuft. Auch 5000 Euro fand die Polizei, die der italienische Offizier für den Verrat bekommen haben soll.

Mittlerweile wurde der russische Agentenführer von den Behörden in Italien des Landes verwiesen. Die Ehefrau des Fregattenkapitäns wird in italienischen Medien zitiert, ihr Mann sei kein Verräter. Wenn überhaupt, dann habe der hoch verschuldete Vater von vier Kindern das Geld nur "aus Verzweiflung" angenommen.

Ausmaß überrascht immer wieder

Der aktuelle Fall aus Italien wirft ein Schlaglicht auf Russlands Spionageaktivitäten in Europa. Und er verdeutlicht, dass Moskaus Geheimdienste keineswegs nur mit Hackerangriffen versuchen, brisante Informationen zu erbeuten. Sie setzen noch immer auch auf die Spionagetaktiken aus dem Kalten Krieg - und zwar in einem Ausmaß, das sogar erfahrene Beamte der Spionageabwehr in Deutschland immer wieder überrascht.

Moskaus Spione werben weiterhin menschliche Quellen an, nutzen deren Schwächen aus und führen sie über viele Jahre. Auch den Einsatz von Spionen, die unter falscher Identität in einem Zielland spitzeln, manchmal sogar über Jahrzehnte, gibt es noch immer - ebenso wie den berühmten Agentenfunk.

Agentenfunk in modernisierter Form

Jene antiquierte Technik, bei der Codewörter über Kurzwellen übermittelt werden, ist ein Relikt des Kalten Krieges. Sie existiert bis heute, wenn auch in etwas modernisierter Form. Noch immer erweist sich der Funk als effektiver und ziemlich sicherer Kommunikationskanal. Wo der Absender der Funksignale sitzt, lässt sich zwar ziemlich genau bestimmen. Für wen die kodierten Meldungen bestimmt sind, ist allerdings völlig unklar - denn empfangen kann sie eigentlich jeder.

Ein Fall aus Österreich rief jüngst Erinnerungen an den Agentenfunk wach. Martin M., ein pensionierter Oberst des Bundesheeres aus Salzburg, soll 25 Jahre lang Geheimnisse an den russischen Militärgeheimdienst GRU verraten und dafür 280.000 Euro bekommen haben. Mit seinen Moskauer Führungsoffizieren traf sich der 71-Jährige wohl regelmäßig im Ausland, in der Slowakei, Tschechien und Kroatien, oder kommunizierte über einen "toten Briefkasten" auf Zypern. Aber nicht nur.

Funksignale aus Moskau

Bei den Ermittlungen machte die österreichische Spionageabwehr einen ungewöhnlichen Fund: einen kleinen, recht unscheinbaren Koffer. Darin war Elektronik verbaut, die auf den ersten Blick ziemlich veraltet wirkte. Mit diesem Koffercomputer konnte sich Martin M. mit dem russischen Militärsatelliten Strela-3 verbinden und verschlüsselte Nachrichten empfangen und versenden. Gefunden wurde bei dem Spitzel zudem eine Liste mit Zeitangaben, wann genau der Satellit bei seiner Umkreisung der Erde über Österreich stand.

Dass er tatsächlich Staatsgeheimnisse preisgegeben habe, bestritt Martin M. in dem Prozess vor dem Landgericht Salzburg, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Das Gericht sah es anders und verurteilte ihn im Juni 2020 wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen zu drei Jahren Gefängnis.

Bis heute überwacht das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gemeinsam mit der Bundespolizei die Funksignale aus Moskau. Anders als früher werden heute jedoch keine Zahlenreihen mehr zu einer bestimmten Zeit von einer mysteriösen Stimme aus dem Äther vorgelesen, sondern die Signale kommen mittlerweile in Stößen oder Salven, die dann mit einem Code entschlüsselt werden können. In der Spionageabwehr des Verfassungsschutzes ist man sich sicher, dass es auch hierzulande noch Empfänger der Funkbefehle gibt. "Es sind vermutlich eher die Spione der älteren Baujahre", sagt ein erfahrener Geheimdienstler.

Unscheinbares Doppelleben in Hessen

Spione wie die Anschlags etwa: Im Oktober 2011 stürmten Elitepolizisten der GSG 9 ein Einfamilienhaus im hessischen Marburg und nahmen einen Mann und eine Frau fest. Es war der wohl spektakulärsten Spionagefall in Deutschland nach Ende des Kaltes Krieges. Andreas und Heidrun Anschlag waren russische Spione. Sie wurden Ende der 1980er-Jahre in die Bundesrepublik eingeschleust, gaben vor, Österreicher zu sein, geboren und aufgewachsen angeblich in Südamerika.

In Wahrheit aber waren sie bestens ausgebildete Spione des sowjetischen KGB, später dann für den neuen russischen Auslandsgeheimdienst SWR tätig. In Deutschland lebte das Paar mehr als zwei Jahrzehnte ein unscheinbares Doppelleben. Er arbeitete als Ingenieur bei einem Autozulieferer, war viel im Ausland unterwegs, sie war Hausfrau. Die gemeinsame Tochter ahnte angeblich lange nichts von der wahren Identität der Eltern, deren eigentliche Aufgabe es war, geheime Informationen über die NATO und EU zu beschaffen.

Computer mit Kurzwellenempfänger verbunden

Die Befehle ihrer Auftraggeber in Russland bekamen die Anschlags nicht etwa über verschlüsselte E-Mails oder Chats, sondern vor allem über Agentenfunk. Als die Polizei das Haus der Spione stürmte, saß Heidrun Anschlag gerade am Computer, der mit einem Kurzwellenempfänger verbunden war. Sie versuchte noch, das Gerät zu zertreten, als sie festgenommen wurde.

Im Juli 2013 wurden Andreas und Heidrun Anschlag vom Oberlandesgericht Stuttgart wegen Agententätigkeit zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Einen Agentenaustausch hatte der Kreml ablehnt, die Anschlags kamen später dennoch nacheinander frühzeitig frei. Sie wurden von Mitarbeitern des russischen Konsulats in Bonn am Gefängnis abgeholt, mit neuen Pässen ausgestattet und flogen nach Russland, wo sie als Ausbilder für Spione tätig gewesen sein sollen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. März 2021 um 13:00 Uhr.