Eine Person hält FDP-Werbemittel während einer Wahlkampfveranstaltung in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) in den Händen. | dpa
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Tom Rohrböck FDP Hessen untersucht Kontakte zu AfD-Berater

Stand: 27.07.2021 15:24 Uhr

Ein Politikberater der AfD hat nach Recherchen von NDR, WDR und "Zeit" auch zu FDP-Funktionären ein enges Kontaktnetz geknüpft. In Hessen traf sich nun das FDP-Präsidium zu einer Krisensitzung und arbeitet die Verflechtungen auf.

Sebastian Pittelkow
Katja Riedel

Von Sebastian Pittelkow und Katja Riedel (NDR/WDR)

Ein Schreiben von höchster Dringlichkeit hat kürzlich gleich mehrere Funktionäre der hessischen FDP erreicht. Überschrieben war es mit dem Betreff "In eigener Sache". Es bezog sich auf einen Fragenkatalog von NDR, WDR und "Zeit", den die Hessen-FDP sogleich und völlig unüblich vor der Berichterstattung auf ihre Internetseite stellte.

In dem Schreiben ging es um geschäftliche und persönliche Verflechtungen etlicher hessischer FDP-Funktionäre zum dubiosen AfD-Strippenzieher Tom Rohrböck. Darin forderte die hessische FDP nun die genannten Funktionäre auf, sich von Rohrböck, dessen Umfeld und Gedankengut zu distanzieren - schriftlich.

Man wolle unterstreichen, dass die FDP eine klare Haltung "zur AfD und den Machenschaften" dieses "Beraters" habe - wohl auch, weil jeglicher Kontakt zwischen AfD und FDP seit der von der AfD ermöglichten Wahl von Thomas Kemmerich zum Thüringer Ministerpräsidenten für die Partei im Wahlkampfjahr schädlich sein könnte.

Begegnung auf einem Gasthof bei Salzburg

Unterzeichnet hatte das Schreiben an die Parteikollegen die hessische Landesvorsitzende und Parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-Bundestagsfraktion Bettina Stark-Watzinger, nach einer eilig einberufenen Sondersitzung des hessischen FDP-Parteipräsidiums.

Auch Stark-Watzinger selbst ist Tom Rohrböck bereits persönlich begegnet. Ende Januar 2020 reiste sie nach Österreich. In einem Gasthof bei Salzburg traf sie auf liberale Parteikollegen und deutsche Unternehmer. Zugegen waren aber auch Politiker der rechtspopulistischen FPÖ und der AfD. Organisiert hatte den Abend Rohrböck. Das zeigen WhatsApp-Nachrichten, die NDR, WDR und "Zeit" vorliegen.

Erfolg bei der AfD

Für den politischen Berater Rohrböck ist dieser Abend eines von vielen Treffen, bei denen er in den vergangenen Jahren rechte, konservative oder liberale Politiker zusammenbrachte. Immer wieder versuchte er, Einfluss auf solche Parteien zu nehmen.

Gelungen ist ihm dies wohl vor allem bei der AfD. Recherchen von NDR, WDR und "Zeit" enthüllten kürzlich die Berateraffäre der AfD. Demnach lud Rohrböck Spitzenfunktionäre der Partei in Luxushotels ein, bot ihnen immer wieder politische Unterstützung und Geld an.

Selbst mit der Frontfrau der AfD, Alice Weidel, war er mehr als zwei Jahre lang in Kontakt. Der AfD-Vorstand richtete in der Causa Rohrböck eine Untersuchungskommission ein. Mandatsträger müssen sich binnen vier Wochen schriftlich zu ihrem Rohrböck-Verhältnis erklären.

"Austausch zu Wirtschaftsthemen"

Bettina Stark-Watzinger selbst betont, dass sie bei der Veranstaltung bei Salzburg nicht gewusst habe, dass sie dort auch auf Rechtspopulisten treffen würde. Sie habe dort mit der Bundestagsabgeordneten der AfD, Birgit Mahlsack-Winkemann, gesprochen. Ein Foto zeigt sie zudem mit Markus Plenk, der bis 2019 bayerischer Fraktionsvorsitzender der AfD war und dann aus der Partei austrat.

"Diese Anwesenheit war aber für mich ein Grund, die Veranstaltung nach meinem Vortrag schnell zu verlassen", sagt Stark-Watzinger. Sie habe gedacht, dass es um einen "Austausch zu Wirtschaftsthemen" über Fintech und Bitcoins gehen solle. Mit Rohrböck habe sie erst auf der Veranstaltung Kontakt gehabt, Teilnahme und Anreise habe ihr Wahlkreisbüro organisiert.   

Büro-Mitarbeiterin im Dunstkreis Rohrböcks

In dem Wahlkreisbüro arbeitete bis vor kurzem noch Martina S., eine Kommunalpolitikerin der FDP, die einen Ortsverband leitet. S. bewegt sich offenbar seit Längerem in Rohrböcks Dunstkreis. Noch im März ließ sie sich vom Onlineportal "Hessen Depesche" interviewen, das Rohrböck steuert.

Portale wie dieses sind das Herz eines komplizierten Firmengeflechts, mit dem der Berater Kontakte in die liberale und rechte Politik knüpfte und pflegte. Bereits 2017 hatten hr Info und das Branchenmagazin "journalist" über Kontakte von FDP-Politikern zu Online-Portalen aus dem Umfeld Rohrböcks berichtet.

Martina S. soll zudem für eine Internetseite gearbeitet haben, die nach demselben Muster gestrickt ist wie etliche Internetportale aus dem Firmenkosmos Rohrböcks. Auf der Seite erschienen wiederholt Artikel zu ähnlichen Themen, die sich auch auf anderen Rohrböck-Portalen fanden. Nachdem Stark-Watzinger von diesen Berührungspunkten erfuhr, habe sie S. "unverzüglich gekündigt". Martina S. ließ eine Anfrage unbeantwortet.

Geheimes AfD-Netzwerk: was will Strippenzieher Tom Rohrböck?

Rohrböck warb auch mit Kontakten zur FDP.

Bekanntschaft aus Kindertagen

Rohrböck ist der mutmaßliche Strippenzieher eines Firmennetzwerks, das bis nach Großbritannien, Liechtenstein und Österreich reicht. Einige Politiker wurden sogar Geschäftsführer von Kleinverlagen oder Investmentfirmen. In Handelsregistern und Firmenprospekten tauchen in diesem Zusammenhang auch Namen von Politikern der FDP auf. So wurde der heutige Chef der hessischen FDP-Landtagsfraktion, René Rock, als Beirat einer Holding angepriesen. Rock dementiert: Er habe dem Beirat nicht angehört.

Rock und Rohrböck kennen sich seit Kindertagen aus dem hessischen Seligenstadt. Früher waren sie auch geschäftlich verbunden. Zusammen hatten sie in den 90er-Jahren das Lokalblatt "Forum-Magazin" aufgebaut. Rock teilt mit, er habe im "Forum-Magazin" Anzeigen verkauft, Texte geschrieben und das Heft gelayoutet. Später erwarb Rock Aktien an einer Investmentfirma Rohrböcks, wurde deren Vorstand und Geschäftsführer einer anderen Firma. Er habe keinen Vertrag bekommen und habe nie Einblick in die wirtschaftliche Situation erhalten und darum auf seine Abberufung bestanden.

Zusammenarbeit mit hessischen FDP-Politikern

Der Kontakt habe sich in den vergangenen Jahren aufgrund des "geschäftlichen Gebarens von Herrn Rohrböck" reduziert, sagt Rock. Eine Zusammenarbeit gebe es heute nicht mehr. In einer Textnachricht an einen österreichischen Politiker schrieb Rohrböck noch 2018 von einem Auftrag der FDP Hessen, Kontakte zu österreichischen Liberalen herzustellen. Und er legte nach: "Also von unserer Seite ist der Zugang zu Rock und Lindner geebnet." Gemeint sind René Rock und offenbar FDP-Chef Christian Lindner. Lindner dementiert den Kontakt und eine Zusammenarbeit mit dem Politikberater. Auch die FDP Hessen sagt, sie habe Rohrböck nie einen Auftrag erteilt.

Mit hessischen FDP-Politikern arbeitete Rohrböck nachweislich bis vor Kurzem zusammen. Zum Beispiel mit Katja Adler. Sie möchte dieses Jahr über einen aussichtsreichen Listenplatz in den Bundestag einziehen. 2019 traf sich Adler gemeinsam mit Rohrböck und einem Politiker der österreichischen NEOS in Salzburg. Bis Juni 2021 schrieb sie eine Kolumne für eine weitere Postille aus dem Kosmos von Rohrböck. "Tom" kenne sie noch "aus dem letzten Jahrtausend", so Adler. Als er sie fragte, ob sie nicht gern politische Kommentare schreiben würde, habe sie eingewilligt. Für Ihre Artikel will sie nie ein Honorar erhalten haben.

Rohrböck selbst ließ sämtliche Anfragen unbeantwortet.