Magnetresonanztomograph (MRT) | Bildquelle: dpa

Kontrastmittel-Skandal Alarm bei den Krankenkassen

Stand: 08.08.2019 20:30 Uhr

Nachdem NDR, WDR und SZ über hohe Zusatzgewinne für Radiologen bei Kontrastmitteln berichtet haben, verlangt das Gesundheitsministerium Aufklärung von den Ortskrankenkassen. Experten sehen das Patientenwohl gefährdet.

Von Markus Grill, NDR/WDR

Die hohen Gewinne mit Kontrastmitteln zulasten der Krankenkassen sorgen für Unruhe im Bundesgesundheitsministerium und bei den Krankenkassen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will sich zwar gegenwärtig nicht dazu äußern. Sein Sprecher bestätigt aber, dass das Ministerium unmittelbar nach der Veröffentlichung einen Brief an den AOK Bundesverband geschrieben und um Aufklärung über die "hohen Zusatzgewinne" für niedergelassene Radiologen in fünf Bundesländern gebeten hat. "Wenn wir auf Missstände hingewiesen werden, verschließen wir nicht die Augen", sagte der Sprecher.

NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) hatten auf Basis von internen Unterlagen aus Radiologiepraxen und von Pharmaherstellern berichtet, dass Ärzte Kontrastmittel für Aufnahmen in Computertomografen (CT) oder Magnetresonanztomografen (MRT) günstig einkaufen und ein Vielfaches des Preises in Form von Pauschalen von den Krankenkassen erstattet bekommen.

Kontrastmittel - Hohe Gewinnspannen für Radiologen
tagesschau 17:00 Uhr, 01.08.2019, Johannes Edelhoff / Markus Grill, NDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Gefahr durch unnötige, aber lukrative Untersuchungen

Mit jedem MRT- oder CT-Gerät können Radiologen auf diese Weise knapp 100.000 Euro Gewinn im Jahr machen. Nach Schätzung kostet dies die Versicherten jährlich knapp 200 Millionen Euro.

Der finanzielle Anreiz führt offenbar auch dazu, dass Ärzte in Bundesländern mit den lukrativen Pauschalen bei ihren Patienten häufiger Untersuchungen mit Kontrastmitteln durchführen als in anderen Bundesländern - und somit häufiger, als es medizinisch nötig wäre. Die Mittel bergen aber, wie jedes Medikament, Gesundheitsrisiken.

Aufschläge von mehreren Hundert Prozent

AOK-Schild
galerie

Die Ortskrankenkassen untersuchen die gezahlten Preise für Kontrastmittel.

Alarmiert durch die Berichte, rief der AOK Bundesverband schon Anfang dieser Woche alle seine Mitglieder zu einer Telefonkonferenz zusammen. Nach Information von NDR, WDR und SZ nannte die Vertreterin Bayerns konkrete Preise für ihr Bundesland während der Telefonkonferenz.

Demnach kaufen Radiologen in Bayern MRT-Kontrastmittel im Durchschnitt für 880 Euro pro Liter ein und bekommen dafür 3900 Euro von den Krankenkassen erstattet. Pro Patient ergibt das einen Gewinn von rund 45 Euro. CT-Kontrastmittel kaufen die bayerischen Ärzte demnach für 110 Euro pro Liter und erhalten 470 Euro von den Kassen erstattet.

Auf Anfrage will die AOK Bayern auch im Namen der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern die Preise weder bestätigen noch dementieren. Schriftlich teilte sie mit: "Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu den Ergebnissen der Auswertung im Detail nicht äußern können."

GKV-Spitzenverband untersucht Vorgänge

Laut einem internen Schreiben haben auch Verwaltungsräte des GKV-Spitzenverbands, der Dachorganisation der gesetzlichen Krankenkassen, nach den Veröffentlichungen von NDR, WDR und SZ diverse Fragen. Sie wollen insbesondere Aufklärung über den Vorwurf, dass die Kassen bei den Preisen nicht genug hinschauen, bevor Verträge geschlossen werden. GKV-Sprecher Florian Lanz teilt auf Anfrage mit, dass man sich zu dem Vorgang aber nicht äußern werde, bevor die Antwort der Krankenkassen vorliege.

Prüfungen in mehreren Bundesländern

Ähnlich hohe Zusatzeinkünfte durch Pauschalen wie in Bayern gibt es auch in Bremen, Niedersachsen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Die jüngste Abmachung wurde für das Gebiet der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein geschlossen, wo Radiologen seit April nach Pauschalen abrechnen können.

Das dortige Gesundheitsministerium unter Josef Laumann (CDU) teilte auf Anfrage mit, dass die AOK und die Kassenärztliche Vereinigung die Einkaufspreise und die Erstattungen für die Mittel prüfen wollten. Das Lenkungsgremium werde "die bisher vereinbarten Preise gegebenenfalls an die Marktbedingungen zu Einkaufspreisen anzupassen."

Die AOK Sachsen-Anhalt teilte auf Anfrage mit, dass sie bei Kontrastmitteln den Listenpreis bezahle, "abzüglich eines den Kassen gewährten Rabattes". Wie hoch dieser ist, will die AOK aber nicht verraten, da diese Informationen "Vertragsinterna" seien. Auch die AOK Baden-Württemberg und die AOK Hessen wollen keine konkreten Preise nennen, die sie für Kontrastmittel ausgeben.

Medizinische Problematik tritt in den Hintergrund

Was auffällt: In sämtlichen Briefwechseln zwischen Ministerien, GKV-Spitzenverband und Krankenkassen geht es stets nur um die Sorge, dass die Kassen mit ihrer hohen Erstattung der Kontrastmittel womöglich gegen das Wirtschaftlichkeitsgebot verstoßen, dem sie laut Sozialgesetzbuch unterliegen. Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen sind demnach verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ärztliche Maßnahmen nicht überteuert sind.

Die medizinische Seite des Skandals ist bisher dagegen nicht Gegenstand der Untersuchungen. Dass Patienten durch die Fehlanreize und den daraus resultierenden erhöhten Kontrastmittelverbrauch Schaden erleiden können - für die Verantwortlichen in den Krankenkassen ist das derzeit offenbar kein Thema.

"Gravierende Gefährdung"

Der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach spricht im Bundestag zum Thema Gesundheit. | Bildquelle: dpa
galerie

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach fordert, unnötige Untersuchungen mit Kontrastmitteln zu unterbinden.

Gesundheitspolitiker machen dagegen auf die Gefährdung der Patienten aufmerksam. So hält es der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für "sehr gefährlich, Kontrastmittel dort einzusetzen, wo es nicht benötigt wird". Er fordert, dass sich das Gesundheitsministerium darum kümmern müsse, "denn wir haben es hier mit einer gravierenden Gefährdung von Patienten zu tun, die auch noch sehr viel Geld kostet".

Ihn habe schon immer gewundert, warum in Deutschland so viele Untersuchungen mit Kontrastmitteln gemacht würden, die man auch ohne Kontrastmittel machen könnte, sagt Lauterbach. Von daher sollten auch die Krankenkassen die "unseriösen Anreize" dafür stoppen.

Betroffene Patienten besorgt

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Kordula Schulz-Asche, sagt, dass sie immer mehr Briefe von Bürgern erreichten, die sich fragten, ob dieser Einsatz von Kontrastmitteln negative Folgen haben könnte. "Von daher ist es durchaus verwunderlich, dass die Bundesregierung seit über einer Woche nicht auf diese Fragen antwortet."

Schulz-Asche fordert nun zwei Dinge: Erstens, dass "dieses Reibach-Modell endlich beendet wird" und zweitens "eine lückenlose Aufklärung, ob durch diese Praxis Menschen gefährdet oder gar geschädigt worden sind". Darauf müsse jetzt auch die Bundesregierung eine Antwort liefern, so die Grünen-Politikerin.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. August 2019 um 17:00 Uhr.

Darstellung: