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"Pandora Papers" Die Machenschaften des "Wolfs von Sofia"

Stand: 04.10.2021 11:22 Uhr

Die "Pandora Papers" zeigen, wie Kriminelle Schattenfinanzplätze nutzen, um ihre Opfer um hunderte Millionen Euro zu betrügen. Ein Beispiel ist der "Wolf von Sofia", dessen Firmen auch Deutsche um ihr Geld brachten.

Anna Klühspies, Nils Naber, Han Park, Timo Robben, Benedikt Strunz und Zita Zengerling, NDR

Die "Pandora Papers" zeigen, dass organisierte Kriminelle im großen Stil Briefkastenfirmen nutzen, um Privatpersonen in ganz Europa zu betrügen. Der Schaden, der durch die Netzwerke angerichtet wird, geht in die Milliarden. Auch in Deutschland gibt es zehntausende Opfer so genannter Forex-Betrüger. Forex steht für Foreign Exchange, also für den Handel mit fremden Währungen.

Der 86-jährige Siegfried Baer ist eines der vielen deutschen Opfer: "Wir hatten im Fernsehen eine Sendung gesehen, da wurde gezeigt, wie viel Geld man damit verdienen kann." Deshalb meldete er sich bei einer Online-Plattform an und investierte in Kryptowährungen. Ein "persönlicher Kundenberater" von SafeMarkets erklärte Baer ausführlich, wie er investieren sollte. "Der nahm sich richtig Zeit und fragte auch nach meiner Familie und wie es mir geht. Richtig nett war der."

Logo der Pandora Papers | ICIJ
"Pandora Papers"

Die "Pandora Papers" sind ein riesiges Datenleck aus der Welt der Schattenfinanzplätze. Die Daten geben Aufschluss über die wahren Eigentümer von mehr als 27.000 Offshore-Firmen. In den Daten finden sich Politikerinnen und Politiker, Superreiche, Oligarchen, Kriminelle und Prominente. Die 11,9 Millionen vertraulichen Unterlagen umfassen Gründungsurkunden von Briefkastenfirmen und Trusts, E-Mails, Abrechnungen und andere Dokumente.

Die Daten wurden in einer geheimen Recherche von mehr als 600 JournalistInnen und Journalisten aus 117 Ländern ausgewertet. Beteiligt waren Medien wie die "Washington Post", die BBC, Radio France, der ORF, "El País" und "Aftenposten". In Deutschland recherchierten Journalistinnen und Journalisten von NDR, WDR und SZ an dem Datenleck.

Der Datensatz wurde dem Internationalen Konsortium für Investigative Journalistinnen und Journalisten (ICIJ) von einer anonymen Quelle zugespielt. Das ICIJ teilte die Daten mit den Partnermedien und koordinierte die Recherchen. Das ICIJ leitete bereits globale Recherchen zu Schattenfinanzplätzen, darunter die "Panama Papers", die "Paradise Papers" und die "Luxemburg Leaks".

Die vertraulichen Unterlagen stammen von 14 Offshore-Providern, also von Firmen, die ihren Kunden dabei helfen, Briefkastenfirmen, Trusts etc. aufzubauen. Häufig werden Briefkastenfirmen rechtlich in Ländern angesiedelt, die international durch eine schwache Geldwäschekontrolle, intransparentes Finanzgebaren und durch besonders niedrige Steuersätze auffallen.     

Der Besitz von einer Briefkastenfirma ist nicht illegal. Offshore-Firmen können auch zu legalen Zwecken genutzt werden. Häufig dienen derartige Firmen-Konstrukte aber der Geldwäsche, der Steuerhinterziehung oder der Steuergestaltung.

Bei den angeblichen Spezialisten handelt es sich um Betrüger, die für ihre Tätigkeit speziell geschult werden und ihre Opfer überreden, immer mehr Geld zu investieren. Tatsächlich aber findet mit dem Geld kein Handel statt. Die "Kundenberater" arbeiten in eigens eingerichteten Callcentern unter anderem in Bulgarien, im Kosovo oder in der Ukraine. Von dort telefonieren bis zu 150 Personen, untergliedert nach Abteilungen, die sich auf verschiedene Sprachräume konzentrieren. Nicht selten findet ein und dasselbe Netzwerk Opfer in zahlreichen Ländern auf der ganzen Welt, auch in Deutschland.

Anleger um Milliarden gebracht

Auch das Kundenkonto von Baer zeigte zunächst hohe Gewinne an, daher investierte er immer mehr, insgesamt fast 10.000 Euro. Doch als er sein Geld abheben wollte, kam die Ernüchterung. Sein Kundenberater war nicht mehr erreichbar, die Firma SafeMarkets war plötzlich verschwunden. Siegfried Baer war zu einem Opfer einer Gruppe von Internetbetrügern geworden, die insbesondere von Bulgarien aus agierte. Einer der Köpfe der Gruppe war Gal Barak, besser bekannt als "Wolf von Sofia". Der inzwischen in Österreich verurteilte Barak soll Anleger um mehr als 100 Millionen Euro in ganz Europa gebracht haben.

Wie Baer geht es Tausenden gutgläubigen Anlegern in Deutschland. Derzeit ermittelt allein die Staatsanwaltschaft Bamberg nicht nur gegen das Netzwerk um Gal Barak, sondern insgesamt gegen mehr als 15 Betrugsnetzwerke, die vermutlich Hunderttausende Opfer auf ähnliche Weise geprellt haben. "Wenn man das addiert, dann kommen da Beträge im Milliardenbereich zustande", sagt Staatsanwalt Nino Goldbek von der Zentralstelle Cybercrime Bayern in Bamberg.

Briefkastenfirmen und Strohleute

Die "Pandora Papers" erlauben nun einen einmaligen Einblick in die Welt der so genannten Forex-Betrüger. Allein im Fall des bereits verurteilten Gal Barak finden sich in den Daten mindestens acht Briefkastenfirmen, die der Israeli für seinen Millionen-Betrug genutzt hat. Rechnet man Firmen und Personen aus Baraks Umfeld hinzu, kommt man auf mehr als 50 Mantelgesellschaften, die in der Regel auf den Britischen Jungferninseln, auf den Marschallinseln oder auf den Seychellen registriert sind.

Ausweislich österreichischer Ermittlungsunterlagen, die Reporterinnen und Reporter von NDR, WDR und der "Süddeutschen Zeitung" einsehen konnten, wurden die Firmen dafür genutzt, die kriminellen Gewinne in mehreren Stufen zu waschen. Häufig wurden dafür Strohleute eingesetzt, die die Firmen nach Außen als Direktoren vertraten. Die eigentlichen Eigentümer blieben in der Regel diskret im Hintergrund. Mit Firmen wie Ads Tech Solutions Incorporation (Seychellen), Super Studio Ltd. oder Intel Media Ltd. (beide britische Jungferninseln) finden sich in den Daten auch Mantelgesellschaften und dahinterstehende Personen, die deutschen und österreichischen Ermittlern offenbar bislang noch nicht bekannt sind.

Offshore-Dienstleister werden ihrer Verantwortung nicht gerecht

Gal Barak ist nur einer unter vielen in der Szene der mutmaßlichen Online-Betrüger, die sich mit Offshore-Gesellschaften vor ihren Kunden und vor dem Zugriff der Strafermittler schützen. Die "Pandora Papers" zeigen, dass mindestens fünf weitere mutmaßliche Größen im Bereich des Forex-Betrugs eigene Offshore-Netzwerk unterhielten bzw. noch immer unterhalten.

"Die Offshore-Firmen sind ein zentrales Element der erfolgreichen Verschleierungstaktik, um die Rückverfolgung insbesondere für die Ermittlungsbehörden und deren internationale Zusammenarbeit zu erschweren, so Staatsanwalt Goldbek.

Obwohl der so genannte Forex-Betrug unter Fachleuten durchaus bekannt ist, war es den verschiedenen Betrugsnetzwerken möglich, ihre Offshore-Netzwerke in Übersee aufzubauen und zu unterhalten. Im Falle von Gal Barak betreute der Offshore-Dienstleister Alpha Consulting mit Sitz auf den Seychellen mehrere von Baraks Firmen. Offenbar fiel der eigentliche Zweck der Offshore-Firmen bei Alpha Consulting niemandem ins Auge.

Die "Pandora Papers" zeigen, dass die Alpha Consulting eine Barak-Firma selbst dann noch betreute, als Baraks Call-Center in Sofia bereits von der Polizei gestürmt worden war. "Offshore-Dienstleister haben eigentlich die Aufgabe, solche illegalen Geschäfte zu stoppen. Aber dieser Verantwortung werden sie immer wieder nicht gerecht", kommentiert Christoph Trautvetter vom Netzwerk für Steuergerechtigkeit. Solange Strafverfolgungsbehörden nicht auch verstärkt gegen die Dienstleister von Schattenfinanzplätzen vorgingen, die Kriminelle als Kunden akzeptierten, werde sich daran wohl auch nichts ändern.

Alpha Consulting antwortete auf eine gemeinsame Anfrage des Internationalen Konsortiums für Investigative Journalistinnen und Journalisten (ICIJ) sowie von NDR, WDR und SZ, dass sich die Kanzlei an lokales und internationales Recht halte. Dazu gehöre auch die Überprüfung der Seriosität von Kunden und deren Vermögen. Im Hinblick auf einzelne Klienten könne man sich nicht äußern, teilte Alpha Consulting mit. Gal Barak ließ einen umfangreichen Fragenkatalog unbeantwortet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Oktober 2021 um 12:00 Uhr.