Jan Marsalek | Bildquelle: Wirecard

Bilanzskandal Ein V-Mann im Wirecard-Vorstand?

Stand: 30.10.2020 19:05 Uhr

In den Krimi um Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek schaltet sich nun die Generalbundesanwaltschaft ein. Die Strafverfolger prüfen Anhaltspunkte, nach denen Marsalek Informant für den österreichischen Geheimdienst war.

Von Georg Mascolo und Massimo Bognanni, WDR/NDR

Der Wirtschaftskrimi um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard entwickelt sich womöglich zu einer deutsch-österreichischen Spionageaffäre. Einmal mehr spielt der flüchtige frühere Finanzvorstand Jan Marsalek die Hauptrolle. Inzwischen beschäftigt sich auch der Generalbundesanwalt mit Marsalek.

Der oberste Strafverfolger geht Anhaltspunkten nach, "dass der österreichische Staatsangehörige Jan Marsalek von einem Mitarbeiter des österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) als Vertrauensperson geführt wurde". So steht es in der Antwort des Bundesjustizministeriums auf eine schriftliche Frage des Bundestagsabgeordneten Fabio De Masi von der Linkspartei.

Kein Kommentar aus Berlin

Jan Marsalek | Bildquelle: dpa
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Mit diesem Fahndungsfoto sucht das BKA nach Jan Marsalek.

Das Bundeskanzleramt wollte sich nicht dazu äußern. Genauso wortkarg zunächst: das österreichische Innenministerium, dem das BVT untersteht. Am Freitagabend dementierte das BVT dann in einer Pressemitteilung, dass Marsalek Vertrauensperson oder sogenannter "V-Mann" der Behörde gewesen sei. In Fall Marsalek könnten aufgrund laufender - auch internationaler - Ermittlungen jedoch keine weiteren Auskünfte erteilt werden. Marsalek ist seit Juni auf der Flucht. Für eine Stellungnahme war er nicht zu erreichen.

Noch führt der Generalbundesanwalt die Causa als Prüffall. Sollte sich der Verdacht erhärten, könnte dies die deutsch-österreichischen Beziehungen belasten. Schließlich hätte das Nachbarland einen V-Mann in einem der größten börsennotierten Unternehmen der Republik platziert - ohne das Wissen deutscher Behörden.  

Als die Dienste in Deutschland noch völlig im Dunkeln tappten, machten im Sommer in Österreich bereits die ersten Agenten-Geschichten die Runde. So berichtete etwa die Wiener Tageszeitung "Presse", dass ein "Jan" über einen Mittelsmann Informationen des österreichischen Inlandsnachrichtendienstes beschafft und sie an die rechtspopulistische FPÖ weitergegeben haben soll. "Jan" - das soll Jan Marsalek sein.

Marsalek bleibt "Mysterium"

Marsaleks angebliche Nähe zu Geheimdiensten treibt nun auch die deutschen Sicherheitsbehörden um. Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst stellen inzwischen umfassende Nachforschungen an. Auch Partnerdienste, etwa die Briten und die Amerikaner, wurden gefragt.

In Bezug auf vielen Geschichten über Geheimdienstverbindungen nach Russland könne man diese "weder verifizieren noch falsifizieren", sagt eine mit den Ermittlungen vertraute Person. Marsalek bleibe ein "Mysterium". Viele seiner Kontakte seien sehr dubios, aber es sei bei ihm schwer zwischen echten Verbindungen und schlichter Wichtigtuerei zu unterscheiden.

"Kanzlerin sollte schleunigst zum Telefon greifen"

Kürzlich reisten österreichische Fahnder eigens nach München, ein entsprechendes Rechtshilfeersuchen traf dieser Tage bei den Ermittlern ein. In deutschen Sicherheitskreisen, so ist in Berlin zu hören, sei man sich derweil sicher: Marsalek hatte Verbindungen zum BVT. Und die deutschen Dienste waren darüber, nach allem was man weiß, von ihren österreichischen Kollegen nicht informiert. Das wäre ein Affront.

De Masi, Mitinitiator des Wirecard-Untersuchungsausschusses, fordert Aufklärung: "Die Kanzlerin sollte schleunigst zum Telefon greifen und Sebastian Kurz fragen, was die Österreicher hier so treiben. "Sollte sich der Verdacht erhärten, muss der österreichische Botschafter einbestellt werden."

Gab es Fluchthilfe?

Auch die spektakuläre Flucht Marsaleks erscheint vielen nun im neuen Licht. Schließlich wurde Marsalek vor seinem Untertauchen zuletzt in der Nähe von Wien gesehen. Der Flieger wartete auf einem Privatflugplatz. Sein Ziel: Kurz vor seiner Abreise soll er sich noch mit einem Mann beim Italiener getroffen haben. Sein Kontakt soll ein früherer Mitarbeiter des BVT gewesen sein.

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