Handy vor Laptop | Bildquelle: dpa

Überwachungssoftware Journalist mit "Pegasus" ausgespäht?

Stand: 22.06.2020 00:01 Uhr

In Marokko wurde offenbar erneut ein Journalist ausgespäht: Laut Amnesty International soll er mit einer Software aus Israel überwacht worden sein, die sämtliche Vorgänge eines Handys mitschneiden kann. 

Von Andreas Spinrath, WDR, und Benedikt Strunz, NDR

Der marokkanische Journalist Omar Radi ist offenbar mithilfe einer israelischen Überwachungssoftware ausgespäht worden. Das geht aus einer Analyse seines Mobiltelefons hervor, die "Amnesty International" durchgeführt hat. "Forbidden Stories", ein internationales Journalistenteam, dem auch WDR, NDR und die "Süddeutsche Zeitung" angehören, konnte den Bericht einsehen und mit Radi sprechen.

Der 33-jährige Reporter vermutet marokkanische Stellen hinter der Ausspähaktion. Er berichtet im Interview von der Einschüchterung durch marokkanische Behörden. Es gehe wohl darum, all seine Kontakte, Quellen und Gesprächspartner zu identifizieren:

"Der Staat ist im Besitz deiner Vergangenheit, deiner Gegenwart, deiner Fotos, deiner SMS und deiner privaten Dinge."

Omar Radi | Bildquelle: Fanny Hedenmo
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Der marokkanische Journalist Omar Radi ist offenbar mithilfe einer israelischen Überwachungssoftware ausgespäht worden.

"Pegasus" soll jegliche Kommunikation mitschneiden

Radi war wegen kritischer Artikel ins Visier staatlicher Behörden geraten. Im März 2020 wurde er wegen eines Tweets, in dem er die Unabhängigkeit eines Richters anzweifelte, zu einer viermonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Bereits vorher soll jedoch die Überwachung seines Telefons begonnen haben.

Das Programm, das auf sein Handy gespielt worden sein soll, soll laut Amnesty-Analyse von der israelischen Firma NSO stammen und nennt sich "Pegasus". Mithilfe der Software ist es möglich, jegliche Kommunikation eines Mobiltelefons mitzuschneiden - egal, ob es sich dabei um Telefonate, SMS oder E-Mails handelt. Offiziell wird die NSO-Software zur Jagd auf Verbrecher und Terroristen eingesetzt. "Unsere Technologie hat dabei geholfen, Tausende Leben zu retten," sagt NSO.

Spähsoftware auch gegen ermordeten Khashoggi eingesetzt?

Medien hatten den Verdacht aufgebracht, dass mithilfe der Software unter anderem das Umfeld des Journalisten Jamal Khashoggi ausgespäht worden sei. NSO bestreitet das und beruft sich auf eigene Analysen. Khashoggi wurde im Oktober 2018 im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet und zerstückelt.

Schlagzeilen machte die Firma auch in anderen Bereichen: Facebook verklagte sie im vergangenen Jahr, weil angeblich 1400 WhatsApp-Accounts mit ihrer Software angegriffen worden seien. NSO konterte, die Firma werde aktiv, wenn sie eine missbräuchliche Nutzung entdecke. Ihre Technologie sei nicht für den Einsatz gegen Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten gedacht.

Kritik an Herstellern von Überwachungssoftware

Hersteller von Überwachungssoftware geraten immer wieder in die Kritik, weil ihre Spähprogramme gegen Journalisten und Oppositionspolitiker eingesetzt werden.
In Deutschland ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft München gegen das Unternehmen Fin Fisher. In der Türkei war 2018 Überwachungssoftware aufgetaucht, die offenbar gegen Oppositionelle im Umfeld des so genannten "Marsches der Gerechtigkeit" eingesetzt werden sollte. Experten gehen davon aus, dass es sich bei der gefundenen Software sehr wahrscheinlich um das Produkt Fin Spy aus dem Hause Fin Fisher handelt.
Auf Nachfrage hatte das Auswärtige Amt mitgeteilt, dass das Unternehmen keine entsprechende Ausfuhrgenehmigung erhalten habe. Die Firma selbst hatte sich zu Details nicht äußern wollen.

Angriff wenige Tage nach Einführung neuer Leitlinien?

NSO dementiert all diese Fälle und schreibt, man habe "in unserer Industrie die Messlatte für ethische Geschäftsführung gesetzt". Man verpflichte sich dem richtigen Umgang mit Technologie und respektiere die Menschenrechte.

Am 10. September 2019 führte NSO sogar firmeninterne "Menschenrechts-Leitlinien" ein. Es ist eine Randnotiz, aber laut "Amnesty International" soll der erste Angriff auf Radis Telefon am 13. September 2019 erfolgt sein, also drei Tage nach der Einführung der Leitlinien.

Auch die Sicherheitsexperten der Organisation "Citizen Lab" konnten den Bericht von "Amnesty International" vorab prüfen und fanden keinen Grund, an der Analyse zu zweifeln.

Konfrontiert mit Radis Fall schreibt NSO, man wolle nun, sollte sich die Spionage gegen den marokkanischen Journalisten bewahrheiten, eigene Ermittlungen beginnen.

NSO gibt Identität der Kunden nicht preis

Die marokkanischen Behörden haben sich auf Anfrage nicht geäußert. Dabei glauben auch andere marokkanische Reporter, dass sie mit technischen Hilfsmitteln überwacht wurden: So soll auch der WhatsApp-Account eines weiteren marokkanischen Journalisten attackiert worden sein. Zudem gibt es Medienberichte, denen zufolge die marokkanischen Behörden Software der israelischen Firma NSO verwenden.

Auf eine entsprechende Nachfrage antwortet NSO, sie gäben die Identität ihrer Kunden generell nicht preis. Offizielle diplomatische Beziehungen zwischen den beiden Staaten Israel und Marokko bestehen nicht.

Radi glaubt, dass er mit der Überwachung nicht nur bespitzelt, sondern auch eingeschüchtert werden soll. Sorgen mache er sich nicht um sich, sondern um seine Angehörigen: "Ich habe ein Leben. Ich habe eine Freundin und all das." Seine Kontakte seien nie gefragt worden, ob sie dieses Risiko eingehen wollen. "Aber ich habe akzeptiert, dass ich das Ziel bin."

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