Einsatzkräfte nehmen an der Unfallstelle in Volkmarsen Spuren auf.  | dpa
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Früherkennung gegen Terror Die anderen Gefährder

Stand: 15.06.2021 16:09 Uhr

Es gibt Attentäter, bei denen psychische Erkrankungen wohl ausschlaggebend für die Taten sind. Ein Projekt soll dazu beitragen, solche Personen frühzeitig zu erkennen und zu stoppen.

Von Florian Flade, WDR, und Georg Mascolo, WDR/NDR

Ein Mann rast in der Innenstadt von Münster mit einem Kleintransporter absichtlich in eine Menschenmenge vor einem Restaurant. Vier Menschen sterben. Danach erschießt sich der Fahrer selbst. Er war kein Extremist, kein politischer Attentäter, sondern offenbar psychisch krank.

Florian Flade
Georg Mascolo

"Nach der Amokfahrt in Münster habe ich mich immer wieder gefragt: Wie kann eine psychisch labile Person, die mit einem Auto in eine Menschenmenge fährt, vorher nicht aufgefallen sein? Wieso hatten wir sie nicht auf dem Schirm?", erinnert sich Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul. Es habe offensichtlich ein Informationsdefizit gegeben, weil sich verschiedene Stellen nur unzureichend oder gar nicht ausgetauscht hätten. "Da müssen wir unbedingt ran."

Projekt soll Früherkennung und Prävention fördern

Reul hat seinem Landeskriminalamt (LKA) im Frühjahr 2020 deshalb einen Auftrag erteilt: Die Kriminalisten in Düsseldorf sollten der Frage nachgehen, wie solche Täter frühzeitig erkannt und somit schwere Gewalttaten möglicherweise verhindert werden können. Dazu wurde ein Pilotprojekt gestartet, es trägt den Titel "Handlungs- und Prüffallkonzept zur Früherkennung von und dem Umgang mit Personen mit Risikopotenzial (PeRiskoP)".

Herbert Reul | dpa

NRW-Innenminister Reul initiierte das Projekt. Bild: dpa

Bei der Innenministerkonferenz, die diese Woche im baden-württembergischen Rust tagt, soll das Projekt vorgestellt werden. "Unsere Idee ist, dass wir bei Personen mit Risikopotenzial - jenseits von politisch motivierter Kriminalität - nach einheitlichen Standards das Gefahrenpotential analysieren", sagt Innenminister Reul.

Polizei, Gesundheitsbehörden und andere Behörden sollen an einen Tisch kommen, um Informationen zusammenzuführen, Risiken zu bewerten und Maßnahmen zu besprechen. "Wir wollen tickende Zeitbomben aus dem Verkehr ziehen und so verhindern, dass Menschen verletzt werden oder sogar sterben."

In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern will das nordrhein-westfälische LKA herausfinden, wie potentielle Attentäter mit psychischen Auffälligkeiten besser und frühzeitig identifiziert werden können – und wie man mit ihnen umgehen kann. Denkbar seien dann sogenannte Fallkonferenzen, bei denen mehrere Behördenvertreter zusammen kommen. Solche Runden finden bei islamistischen oder rechtsextremen Gefährdern bereits statt.

 Gefahr der Stigmatisierung

Eine pauschale Stigmatisierung von psychisch Kranken müsse dabei unbedingt verhindert werden, betont das Innenministerium in Düsseldorf. Es gehe nur um wirklich schwerwiegende Fälle, bei denen eine hohe Gefährdung für andere Menschen angenommen werde.

"Natürlich gibt es psychisch erkrankte Menschen mit erhöhter Gewaltbereitschaft, und es gibt Gewaltverbrechen, die von Menschen mit psychischen Erkrankungen verübt werden", sagte schon vor zwei Jahren Stefan Corda-Zitzen, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP). Es sei jedoch nicht gerechtfertigt, angesichts dieser Erkenntnisse in Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen "grundsätzlich potenzielle Terroristen zu sehen" und so die Stigmatisierung psychisch Erkrankter zu verstärken.

Anzeichen immer wieder früh erkennbar

"Täterprofile bei Tötungsdelikten, Amoklagen oder Anschlagsereignissen der Vergangenheit zeigen oftmals Hinweise auf psychische Auffälligkeiten der Täter", heißt es in einem Projektbeschreibung des LKA. "Schwere und hochexpressive Gewalttaten" könne man in diesem Zusammenhang vor allem dann möglicherweise verhindern, "wenn bestimmtes auffälliges Verhalten bzw. ein Risiko rechtzeitig erkannt, bewertet und ggfs. mittels Intervention darauf reagiert wird". Regelmäßig würden Attentäter "Andeutungen zu ihren Taten machen oder Informationen bewusst oder unbewusst an verschiedenen Stellen streuen."

 Informationen noch zu selten gebündelt

Oftmals seien entsprechende Informationen, die auf eine Gefährlichkeit einer Person hindeuten, durchaus vorhanden, heißt es im LKA. Sie würden nur viel zu selten gebündelt und die entscheidenden Stellen kaum erreichen. Teilweise seien spätere Täter zuvor schon bei Routineeinsätzen der Polizei aufgefallen, oder als sogenannte "Vielschreiber", die Behörden, Ärzte oder Personen aus ihrem Umfeld mit Briefen, E-Mails oder Faxen bombardieren. Vielfach seien solcher Leute als Sonderlinge und Spinner abgetan und die Fälle nicht weiter verfolgt worden.

Nach dem Wunsch des nordrhein-westfälischen Innenministeriums soll sich dies künftig ändern. Sie sollen Checklisten und Bewertungshilfen im Umgang mit psychisch auffälligen und gleichzeitig gefährlichen Personen entwickelt werden. Zudem wird geprüft, ob neue Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Polizeieinheiten und auch externen Fachleuten wie forensischen Psychiatern, etwa in Form von Beratergruppen, etabliert werden können.

Bestimmte Maßnahmen sollen zudem routinemäßig ergriffen werden, falls psychisch-labile Personen mit besonderem Gefährdungsrisiko bekannt würden. Etwa die Überprüfung, ob die Person legal Waffen besitzt.

Das Pilotprojekt "PeRiskoP" soll noch bis Ende des Jahres laufen. Dann soll ein Abschlussbericht erstellt und entschieden werden, ob das System in Nordrhein-Westfalen flächendeckend eingesetzt wird.