Soldat der KSK im Training mit einem Gewehr - im Hintergrund Rauch | picture alliance/dpa
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Nach spektakulärem Großeinsatz Ermittlungen gegen Ex-Elitesoldat eingestellt

Stand: 06.12.2021 17:37 Uhr

In einer Polizeiaktion hatten Spezialkräfte 2020 einen Bundeswehrsoldaten festgesetzt - und Sicherheitsbehörden monatelang gegen ihn ermittelt. Nun wurden nach Informationen von NDR und WDR die Ermittlungen eingestellt.

Von Reiko Pinkert und Volkmar Kabisch, NDR, sowie Martin Kaul, WDR

Spezialeinheiten der Polizei hatten den Soldaten Matthias D. im Herbst 2020 in Mecklenburg-Vorpommern auf offener Straße umzingelt und überwältigt - der Verdacht: Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Nun hat die Staatsanwaltschaft Rostock nach Informationen von NDR und WDR die Ermittlungen eingestellt. Das bestätigten ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sowie ein Bundeswehrsprecher auf Anfrage.

Das Aufsehen erregende Verfahren hatte zahlreiche deutsche Sicherheitsbehörden über Monate beschäftigt. Mit umfangreichen Überwachungsmaßnahmen hatte etwa der Militärische Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr den Soldaten, der in den vergangenen Jahrzehnten für Deutschland an zahlreichen geheimen Kommando-Operationen beteiligt gewesen sein soll, durchleuchtet.

Ihr Vorwurf: Der Soldat, der in der Kampfsportszene aktiv ist und Trainings anbietet, soll neben vielen anderen Kampfsportlern auch den Rechtsextremisten Tom S. aus dem Umfeld der rechtsextremistischen "Weiße Wölfe Terrorcrew" trainiert haben.

Die "Weiße Wölfe Terrorcrew" war eine gewaltorientierte neonazistische Gruppierung, die 2016 durch das Bundesinnenministerium verboten wurde. Matthias D. weist diese Vorwürfe gegen ihn zurück. Gegenüber NDR und WDR gab er an, bei seinem Kontakt mit Tom S. habe es sich lediglich um eine von vielen Bekanntschaften im Rahmen seines Hobbys gehandelt.

Besuch bei Asgaard in Hamm

Besonders alarmiert waren die MAD-Ermittler allerdings, als der frühere Elitesoldat im Juli 2020 auch ein Treffen des umstrittenen Sicherheitsunternehmens Asgaard im nordrhein-westfälischen Hamm besucht hatte. Das Unternehmen steht derzeit selbst im Fokus von Ermittlungen, nachdem ein ehemaliger Mitarbeiter Vorwürfe erhoben hatte, laut denen es in dem Unternehmen Umsturzpläne sowie vermeintliche Mordfantasien gegen eine Linken-Politikerin gegeben haben soll.

Die Unternehmensführung von Asgaard weist diese Vorwürfe zurück - im September dann rückten die Sondereinsatzkräfte der Polizei auch bei Matthias D. an, setzten ihn kurzzeitig fest, durchsuchten seine Wohnung.

 Reisen in den Irak und Libanon

Monate später, als das Ermittlungsverfahren gegen den Soldaten lief und er bei der Bundeswehr suspendiert und krankgeschrieben war, begleitete D. einen Geschäftsmann aus dem Asgaard-Umfeld in den Libanon sowie in den Irak - laut eigener Aussage, ohne dafür bezahlt worden zu sein. Deutsche Nachrichtendienste überwachten alles eng: Sie verfolgten die Aktivitäten des Soldaten, mecklenburg-vorpommerische Behörden vermerkten in seinem Pass eine Ausreisesperre für die Länder Afghanistan, Irak und Libanon.

Und so beschäftigte der schillernde Fall zahlreiche deutsche Behörden bis hin zum Zollkriminalamt, das nach Informationen von NDR und WDR die Finanzströme durchleuchtete - auch, weil der Mann inzwischen in einem Umfeld unterwegs ist, das für die Nachrichtendienste von hohem Interesse ist. Die Sicherheitsfirma Asgaard hatte zwischenzeitlich den Auftrag gehabt, für die Sicherheit der saudischen Botschaft im Irak zu sorgen, bis dies an einem Firmenstreit zerbrach - beste Vorlagen für einen Spionagethriller auf internationaler Bühne.

Die gravierenden Vorwürfe gegen Matthias D. allerdings, der inzwischen laut eigener Aussage in psychologischer Behandlung ist, ließen sich laut Staatsanwaltschaft Rostock nicht erhärten.

Möglicher Strafbefehl wegen Dopingbesitzes

Beendet ist der Vorgang allerdings dennoch nicht, denn bei der Durchsuchung im Haus des Bundeswehrsoldaten hatten Ermittler auch Anabolika gefunden - und so droht dem Soldaten nach Informationen von NDR und WDR nun ein Strafbefehl in Höhe von 150 Tagessätzen wegen unerlaubten Dopingbesitzes. Sollte der Strafbefehl rechtskräftig werden, gilt D. als vorbestraft und müsste voraussichtlich die Bundeswehr verlassen. Der Soldat will gegen den Strafbefehl vorgehen. Er sagt, die beschlagnahmten Dopingmittel hätten ihm nicht gehört.

Weitere Maßnahmen gegen D.

Bei der Bundeswehr laufen derweil noch zahlreiche disziplinarrechtliche Maßnahmen. So wird Matthias D. etwa vorgeworfen, gegen Nebentätigkeitsbestimmungen verstoßen zu haben sowie gegen seine Anzeigepflicht bei der Ausreise während des Dienstverhältnisses. Er weist dies zurück.

Für die Sicherheitsbehörden wird der Soldat in beiden Fällen von Interesse bleiben: Innerhalb der Bundeswehr in der Zuständigkeit des Militärischen Abschirmdienstes - und außerhalb der Bundeswehr im Blickfeld des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Das interessiert sich nach Informationen von NDR und WDR auch weiterhin intensiv für das Umfeld der Firma Asgaard und deren internationale Beziehungen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Matthias D. sei ein ausgebildeter Kampfschwimmer gewesen. Dies ist nicht zutreffend. Er war nach eigenen Angaben als Soldat bei den "Spezialisierten Einsatzkräften Marine" in der Boarding-Kompanie in Eckernförde aktiv. Wir haben den Text entsprechend geändert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Dezember 2021 um 06:50 Uhr.