Anlage von Wintershall Dea im niedersächsischen Emlichheim | EPA

Wintershall Dea Putins langer Arm nach Deutschland?

Stand: 28.07.2022 17:09 Uhr

Der Energieproduzent Wintershall Dea verdient gerade Rekordsummen mit russischem Gas. Kritiker sehen in dem Unternehmen aus Kassel einen Lobbyisten des russischen Energieriesen Gazprom. Interne Dokumente stärken den Verdacht.

Von Herbert Kordes, Petra Blum, Jan Schmitt und Frank Konopatzki, WDR

Die Präsentation der Zahlen von Wintershall Dea Anfang dieser Woche: eine Erfolgsmeldung. Das bereinigte Nettoergebnis des Unternehmens, das gemeinsam mit dem russischen Energieunternehmen Gazprom in Sibirien Gas fördert, betrug im ersten Halbjahr demnach 1,3 Milliarden Euro - ein Großteil davon aus dem Geschäft mit Russland.

Zahlen, die für Louis Wilson von der Nichtregierungsorganisation Global Witness "verabscheuungswürdig" sind: "Sie profitieren von einem brutalen Krieg und gleichzeitig werden Millionen Europäer durch die Wucherpreise in die Energiearmut getrieben", so Wilson.

Hat sich Wintershall instrumentalisieren lassen?

Der Vorwurf: Die Rekordgewinne machen nicht nur Wintershall Dea reich, sondern füllen auch Russlands Kriegskasse. Gleichzeitig müssen die Menschen in Deutschland für Gas immer tiefer in die Tasche greifen. Und die deutsche Industrie schlägt Alarm: Allen voran ausgerechnet der Chemieriese BASF. "Im Extremfall müssten wir die Produktion in Ludwigshafen einstellen”, warnte unlängst Vorstandschef Martin Brudermüller eindringlich vor einem möglichen Gas-Lieferstopp aus Russland. Wintershall Dea gehört zu mehr als 70 Prozent zu BASF.

Michael Thumann, Redakteur bei der "Zeit", verfolgt die Entwicklung auf dem Energiemarkt seit vielen Jahren und kritisiert die enge Verbindung zwischen Gazprom und BASF/Wintershall scharf: "Wenn man sich anschaut, auf welche Art und Weise sich die BASF und Wintershall über die vergangenen 20, 30 Jahre mit Gazprom verflochten haben, muss man sagen: Sie haben sich instrumentalisieren lassen."

"Unser größter Befürworter in Europa",

Interne Dokumente, die dem ARD-Magazin Monitor vorliegen, zeigen, wie Gazprom versucht hat, die Firma Wintershall zur Verfolgung seiner Interessen zu nutzen: "Wintershall ist unser größter Befürworter in Europa", heißt es dort etwa. Von der Zusammenarbeit verspricht sich Gazprom demnach "eine stärkere Lobby" in Deutschland und für Russland einen "besseren Schutz vor Sanktionen".

Wintershall Dea sagt auf Monitor Anfrage, nichts von einer derartigen Kommunikationsstratgie zu wissen. Außerdem schreibt das Unternehmen: "Die Kommunikationsstrategie der Wintershall wurde von unserer Unternehmenskommunikation gestaltet, in Absprache mit unseren Gesellschaftern, und mit dem Vorstand der Wintershall abgestimmt, aber zu keinem Zeitpunkt mit Gazprom."

Wintershall-Chef gegen Sanktionen

Die enge Verflechtung zwischen Wintershall Dea und Gazprom zeigte sich besonders 2015. Damals veräußerte das Unternehmen den größten deutschen Gasspeicher in Rehden an Gazprom. Es tauschte ihn gegen die Beteiligung an Gasfeldern von Gazprom in Sibirien.

Der Deal sollte schon früher stattfinden, lag aber nach der Annexion der Krim 2014 zunächst auf Eis. Doch dann mailte der Chef von Wintershalls Mutterkonzern BASF nach Presseberichten an den damaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und drängte darauf, das Geschäft auch ohne neue Genehmigung zu erlauben.

Gabriel stimmte dem zu und erteilte dazu eine milliardenschwere Bürgschaft für den Deal. Der Speicher ging an Gazprom. Die Versorgungssicherheit, ließ die Bundesregierung damals wissen, sei dadurch "nicht beeinträchtigt".

Gazprom bekommt größten deutschen Gasspeicher

Eine Fehleinschätzung, die Michael Thumann bis heute empört: "Wie konnten wir damals unsere Rückversicherung gegen den unzuverlässigen Gaslieferanten Russland mit Putin an der Spitze in die Hände von Gazprom legen?" BASF teilt mit, die Veräußerung des Speichers sei "rein wirtschaftlichen Überlegungen" gefolgt. Sigmar Gabriel antwortete nicht auf die Monitor-Anfrage. Nach dem Überfall auf die Ukraine hat der Bund den Speicher verstaatlicht.

Bis zuletzt vertraute die deutsche Politik auf die Zuverlässigkeit der Lieferungen aus Russland. Dabei hatte etwa die ukrainische Energieexpertin Aliona Osmolovska die Bundesregierung mehrfach vor der "gefährlichen Abhängigkeit" von Russland gewarnt: "Wir wissen aus unserer langen Beziehung zu Russland und Gazprom: Wenn man von ihnen abhängig ist schlagen sie zu, wenn man am verwundbarsten ist".

Doch noch Mitte vergangenen Jahres habe die Regierung die expliziten Warnungen der Ukraine in den Wind geschlagen, so Osmolovska: "Die Antwort des Regierung lautete sinngemäß: 'Schicken Sie uns eine Notiz - wir lesen sie, wenn wir aus dem Urlaub zurück sind'."