Flüchtlinge in Libyen | REUTERS

Flüchtlinge in Libyen Ausgebeutet und gequält

Stand: 19.08.2021 20:06 Uhr

Laut Monitor-Recherchen werden Flüchtlinge in libyschen Lagern weiterhin misshandelt und ausgebeutet. Seit Jahren verspricht die Bundesregierung, sich für die Verbesserung der Lage einzusetzen - bisher offenbar ohne Erfolg.

Von Lara Straatmann, WDR

"Wir brauchen Freiheit" rufen etwa Hundert Männer, die eng zusammengepfercht in einer dunklen Zelle stehen. Ihre Hände sind gekreuzt aus Protest gegen ihre Gefangenschaft in einem der libyschen Flüchtlingslager. Das Video, das den Protest zeigt, liegt dem ARD-Magazin Monitor vor. Das Lager ist eins von vielen, in die Menschen gebracht werden, die beim Versuch, nach Europa zu fliehen, von der sogenannten libyschen Küstenwache abgefangen werden. Auf dem Papier sind es Flüchtlingslager - faktisch sind es Gefängnisse.

Teklia ist einer der Geflüchteten, die dabei waren. Inzwischen hat er es aus dem Lager heraus geschafft. Die Gewalt, die er dort erlebte, kann er bis heute nicht vergessen: "Die Wärter schlugen uns mit Metallstangen", erzählt er. "Sie nahmen ihre Waffe und hielten sie uns an den Kopf, um uns Angst zu machen.”  

Monitor hat mit vielen Geflüchteten gesprochen, die in libyschen Lagern inhaftiert und gequält wurden - auch, weil die EU das System mit aufgebaut hat, das sie auf der Flucht abfängt und in die Lager bringt.

Systematische Rückführungen in Haftlager

In den vergangenen Jahren hat die EU den Aufbau der sogenannten libyschen Küstenwache mit Millionengeldern unterstützt. Sie bringt die Menschen zurück nach Libyen. Dabei gibt es seit Jahren Berichte über Folter und Ausbeutung von Migranten in den Lagern. Das wissen auch die Bundesregierung und die EU.

Deshalb versprach man in der Vergangenheit immer wieder, dass die Flüchtlinge in staatliche Haftlager kommen sollten. Dort sollte die Lage besser werden, Hilfsorganisationen für humane Bedingungen sorgen. Aus Deutschland flossen etwa 100 Millionen Euro. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte im August 2017: "Wir haben zu gewährleisten, dass diese Zentren im Rahmen eines humanitären Standards arbeiten, sodass wir sagen können, dass dort den grundlegenden Menschenrechten entsprochen werden kann."

Vier Menschen pro Quadratmeter

Doch die angestrebten Verbesserungen haben die staatlichen Lager offenbar nicht gebracht. Auch, weil die libysche Küstenwache immer effizienter wird: Allein in diesem Jahr hat sie bereits mehr als 20.000 Menschen abfangen und zurück nach Libyen gebracht - fast doppelt so viele wie im gesamten vergangenen Jahr.

Das führe zu vollkommen überfüllten Lagern, kritisiert Beatrice Lau von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". "Wir sprechen über vier Menschen auf einem Quadratmeter. Ohne frische Luft, mit eingeschränktem Zugang zu Wasser und Essen. Das führt immer wieder zu Gewalt zwischen Wachpersonal und Migranten."

Auch der Sudanese Emeka hat in einem der staatlichen Lager in Libyen Gewalt erfahren. "In einer Nacht haben sie jeden von uns verprügelt", erzählt er. "Sie schlugen mit dem Knüppel auf die Beine und auf den Kopf. Einem Jungen haben sie auf den Kopf geschlagen, er brach zusammen. Sie haben ihn weggetragen. Ich weiß nicht, ob er gestorben ist, ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen." Nachprüfen lassen sich solche Erfahrungsberichte nur schwer. Aber sie sind glaubwürdig. "Ärzte ohne Grenzen" hat Dutzende Verletzungen durch Schläge in diesem Lager dokumentiert.

Folter und Ausbeutung in libyschen Gefängnissen

Gegenüber Monitor berichten zahlreiche Flüchtlinge außerdem, dass die Wärter Lösegeld für Ihre Freilassung forderten - und mit Gewalt drohten, wenn kein Geld bezahlt werden konnte. Ein junger Mann aus Eritrea berichtet detailliert, wie er gefoltert worden sei. Auch ihn hatte die von Europa unterstützte libysche Küstenwache in ein staatliches Lager gebracht: "Sie brachten uns in Isolationsräume", erinnert er sich. "Meine Hände wurden an der Decke fixiert, ich musste im Stehen schlafen. Sie haben uns morgens und abends geschlagen. Jeden Tag forderten sie Geld. Ich dachte, dass mein Leben vorbei ist, dass dies das Ende ist."

Ein Freund habe das geforderte Lösegeld von umgerechnet 500 Euro irgendwann bezahlt - Geld, das meist an kriminelle Milizen geht. Sie kontrollieren nahezu alle libyschen Haftlager - auch die staatlichen. Die Milizen schlagen aus dem System Profit, sagt Harry Johnstone von der "Global Initiative against Transnational Organized Crime". Er forscht seit Jahre dazu: Das Geschäft mit den Flüchtlingen sei ein Millionengeschäft, sagt er. Er geht davon aus, dass damit zwischen 400 und 800 Millionen Millionen Euro pro Jahr umgesetzt werden.

"Die Milizen, die das Haftlager kontrollieren, bekommen Geld von sogenannten Sponsoren, die dann die Migranten zu unbezahlter Arbeit zwingen", erklärt Johnstone. "Sie bekommen Geld von Menschenschmugglern und Menschenhändlern, die für die Migranten zahlten, die dann wieder versuchten, auf ein Boot Richtung Europa zu steigen." Ein Teufelskreis für die Menschen: Sie zahlen Lösegeld, werden teils aus der Haft wieder in ein Boot gesetzt, nur um dann wieder von der Küstenwache abgefangen und eingesperrt zu werden. Je mehr Menschen die Küstenwache abfängt, desto mehr Profit für kriminelle Milizen.

Die Illusion besserer Lager

Warum unterstützt auch Deutschland solche kriminellen Strukturen finanziell? Auf Monitor-Anfrage antwortet das Auswärtige Amt darauf nicht. Stattdessen heißt es nur, die Lage in den Haftlagern bleibe "inakzeptabel". Man setze sich für "die Schaffung offener Alternativen" in Libyen ein.

Nur: Solche "offenen Lager", in denen Menschen nicht eingesperrt werden, gibt es bislang nicht in Libyen. Und auch die viel beschworenen humanitären Standards konnte die Bundesregierung bislang offenbar nicht durchsetzen. Vor kurzem eröffnete das libysche Innenministerium ein Haftlager für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder. Amnesty International dokumentierte darin nun systematischen sexuellen Missbrauch: Man sehe "ein äußerst beunruhigendes Muster von Vergewaltigungen und sexueller Gewalt gegen Frauen", heißt es von Amnesty International. Das zeige "deutlich wie erfolglos die Versuche waren, die Bedingungen in den Einrichtungen zu verbessern". Für Teklia ist all das schwer zu ertragen. Er selbst ist mittlerweile in Schweden in Sicherheit. Viele seiner Freunde in den libyschen Lagern sind es nicht.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "Monitor" am 19. August 2021 um 21:45 Uhr.