Tiertransporte

Eine Qual - mit amtlicher Genehmigung

Stand: 16.07.2020 08:16 Uhr

Tiertransporte über lange Strecken und unter quälenden Bedingungen - die sollte es längst nicht mehr geben. Doch nach rbb-Recherchen genehmigten mehrere Veterinärämter solche Fahrten, Tierschützer erstatten Anzeige.

Von Kaveh Kooroshy, Stefanie Groth und Claudia Schön, RBB

Ausgemergelte Tiere, die tagelang in beengten Viehtransportern stehen und vor Durst brüllen. Vieh, das auf brutale Weise ohne Betäubung geschlachtet wird. Solche Verhältnisse prangern Tierschützer schon seit Jahren an.

Die EU hat reagiert und Schutzregeln erlassen. Und die deutschen Veterinärämter halten sich daran. Einige wenige allerdings gibt es, die trotz aller Kritik an den Transportbedingungen nach wie vor regelmäßig Exporte genehmigen - und die wegen ihrer Laissez-faire-Haltung ihre Landkreise zu Viehexport-Drehscheiben gemacht haben.

Erstmalig konnte ein Rechercheteam vom RBB und dem ARD-Mittagsmagazin einen Datensatz auswerten, der zeigt, welche Landkreise das sind. Die Recherchen belegen auch: Exporteure nutzen diese Schlupflöcher und bringen Rinder gezielt dorthin.

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RBB-Recherchen: Qualvolle Tiertransporte mit amtlicher Genehmigung

Mittagsmagazin, 16.07.2020, Kaveh Kooroshy/Stefanie Groth/Claudia Schön, RBB

Neun der rund 400 Landkreise und Städte bundesweit waren für rund 97 Prozent aller Exporte in sogenannte "Tierschutz-Hochrisiko-Staaten" verantwortlich. In dreizehn dieser Länder wurden im Zeitraum von Januar 2019 bis Februar 2020 aus den Landkreisen insgesamt 33.440 Rinder verbracht.

Bei den Zielländern handelt es sich um Ägypten, Algerien, Aserbaidschan, Irak, Iran, Kasachstan, Libanon, Libyen, Marokko, Türkei, Tunesien, Turkmenistan und Usbekistan. In diesen Ländern und auf den Routen dahin drohen den Tieren regelmäßig Verstöße gegen das Tierwohl, so Experten.

In der Fachzeitschrift des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte (BbT) heißt es, dass "die Wahrscheinlichkeit, dass dorthin transportierte Tiere unter tierquälerischen Begleitumständen geschlachtet werden", hoch sei. Zudem fehle es auf den Transportrouten in diese Länder in aller Regel an Versorgungsstationen, die den Anforderungen der Europäischen Union entsprechen. Diese sind aber zwingend notwendig, damit die Tiere bei den Fahrten entsprechend versorgt werden können.

Tiertransporter im Stau - für die Tiere bedeutet das oftmals eine lange Zeit in Enge und Hitze.

Bei den Landkreisen, die nach wie vor exportieren, handelt es sich um die beiden niedersächsischen Landkreise Aurich und Emsland, Oberspreewald-Lausitz, Teltow-Fläming und Prignitz in Brandenburg, Steinfurt und Rhein-Sieg-Kreis in Nordrhein-Westfahlen, Görlitz in Sachsen und Trier-Saarburg in Rheinland-Pfalz.

Den Vorwurf, Tiertransporte genehmigt zu haben, auf denen das Tierwohl beim Transport absehbar gefährdet gewesen sei, wiesen alle Landkreise, die auf die Recherche-Anfrage antworteten, zurück. Alle abgefertigten Exporte seien vorab gründlich geprüft worden und hätten aufgrund der gemachten Angaben genehmigt werden müssen.

Zu den notwendigen Angaben gehörten insbesondere die zeitlichen Vorgaben zur Transportroute, die vorgesehenen Versorgungsstationen, die Wettervorhersagen und das Vorweisen eines Zuganges zum GPS-System eines jeden Fahrzeuges zur gleichzeitigen beziehngsweise nachträglichen Verifizierung der gefahrenen Strecke. Insbesondere die GPS-Standorte würden auch während des Transports abgeglichen und Verstöße im Nachhinein konsequent geahndet.

Brisant ist, dass Tiere auch aus jenen Bundesländern über diese Landkreise verbracht werden, die explizit Exporte in die Tierschutz-Hochrisiko-Staaten ablehnen. So hatten Bayern, Schleswig-Holstein und Hessen 2019 jeweils einen Erlass in Kraft gesetzt, der die Anforderungen an Genehmigungen in diese Länder derart erhöht, dass sie de facto aus den drei Bundesländern nicht mehr möglich sind.

Eine Umfrage des Rechercheteams vom RBB und dem ARD-Mittagsmagazin unter allen Veterinärämtern der drei Bundesländer hat ergeben, dass zwei Drittel dieser Veterinärämter bereits Exporte über ein anderes Bundesland in einen Nicht-EU-Staat registriert haben. An der Umfrage hatten sich 77 Veterinärämter beteiligt - 51 bestätigten die kritische Exportpraxis. Insgesamt waren es 6106 Rinder, die über einen innerdeutschen Umweg in ein Nicht-EU-Land gelangten.

Neun Landkreise sind für 97,34 Prozent aller Exporte verantwortlich
Platzierung Landkreis Rinder-Zahl
1 Emsland 7197
2 Teltow-Fläming 6478
3 Aurich 6251
4 Prignitz 4706
5 Steinfurt 3576
6 Oberspreewald-Lausitz 1897
7 Rhein-Sieg-Kreis 1868
8 Görlitz 929
9 Trier-Saarburg 538

Hessen, Bayern und Schleswig-Holstein definieren 17 Risikostaaten, bei denen von Verstößen gegen das Tierwohl ausgegangen werden muss und in die Rindertransporte deshalb grundsätzlich nicht genehmigungsfähig sind: Ägypten, Algerien, Armenien, Aserbaidschan, Irak, Iran, Kasachstan, Kirgistan, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien, Tadschikistan, Türkei, Tunesien, Turkmenistan und Usbekistan. Nach Syrien, Armenien, Tadschikistan und Kirgisien gab es im untersuchten Zeitraum von Januar 2019 bis Februar 2020 keine Exporte.

In die nordafrikanische Risikostaaten Ägypten, Algerien, Libyen, Marokko und Tunesien haben insgesamt elf Landkreise 16.731 Tiere exportiert. Die Top-Vier Landkreise Emsland, Aurich, Steinfurt, Rhein-Sieg-Kreis sind dabei für rund 90 Prozent aller Exporte (14.994 Rinder) in diese Länder verantwortlich.

In die zentralasiatischen Risikostaaten Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan sind 10.315 Rinder exportiert worden. Rund 80 Prozent gehen dabei von drei Brandenburger Landkreisen Prignitz, Teltow-Fläming, Oberspreewald-Lausitz aus.

In die Risikostaaten im Nahen und mittleren Osten - Irak, Iran, Libanon und die Türkei - sind 7309 Rinder exportiert worden. Rund 50 Prozent (2270) aus drei Brandenburger Landkreisen: Oberspreewald-Lausitz, Prignitz, Teltow-Fläming. 30 Prozent (2212) kommen aus dem Landkreis Prignitz. Gast 20 Prozent stammen aus Steinfurt in Nordrhein-Westfalen.