Christian Hirsch | MDR
Exklusiv

Ehemaliger AfD-Insider "Träumereien von Straßenkämpfen"

Stand: 26.07.2021 18:00 Uhr

Ein Ex-Mitarbeiter dreier AfD-Fraktionen schreibt unter Pseudonym einen Roman, in dem Rechtsextremisten einen Führerstaat errichten wollen. Nun geht er mit seinem echten Namen an die Öffentlichkeit - er wolle vor der AfD warnen.

Von Jana Merkel, MDR

Im April ist der Roman "Machtergreifung" erschienen. Unter dem Pseudonym Ferdinand Schwanenburg beschreibt der Autor, wie Rechtsextremisten eine Partei unterwandern, um in Deutschland die Macht zu ergreifen und einen Führerstaat zu errichten.

Seitdem wurde gerätselt, wer sich hinter dem Pseudonym verbergen könnte. In der ARD-Dokumentation "Extrem (und) unter Druck - Die AfD im Superwahljahr" tritt der Autor nun erstmals offen vor die Kamera: "Mein Name ist Christian Hirsch. Ich habe den Roman 'Machtergreifung' geschrieben."

Hirsch war Fraktionsgeschäftsführer und Referent für drei AfD-Fraktionen - in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und im Berliner Abgeordnetenhaus. Er sei dort zum Beispiel organisatorisch am Aufbau der Fraktionen beteiligt gewesen, habe Mitarbeiter eingestellt. 2017 habe er gekündigt, weil sich die Partei radikalisiert habe.

Nach seiner Kündigung habe er eine Zeit der Selbstreflexion gebraucht. Seine Arbeit für die AfD sei ein Fehler gewesen, er sehe die Partei inzwischen "als Gefahr für unsere freiheitlich demokratische Grundordnung". In "Machtergreifung" habe er seine Erfahrungen - zugespitzt zur Groteske - niedergeschrieben.

Vorstellungen von Machtergreifung und Umsturz

Die im Roman beschriebene gezielte Unterwanderung habe er bei der AfD erlebt, erzählt Hirsch. Er bezieht sich dabei auf den sogenannten "Flügel", der inzwischen offiziell als aufgelöst gilt. Hirsch ist hingegen sicher, dass das "Flügel"-Netzwerk weiter agiere und in der Partei die Oberhand gewinne. 

Er nennt diese Strömung "die Völkischen, die Systemstürzler". Die Gruppierung strebe danach, "nach der erfolgreichen innerparteilichen Machtergreifung auch eine gesamtgesellschaftliche Machtergreifung durchzuführen", so Hirsch. Sie seien dabei sehr geschichtsbewusst.

Er habe in der AfD Menschen kennengelernt, die das sogenannte Dritte Reich nicht als Warnung begriffen hätten, dass etwas Derartiges nicht wieder passieren dürfe, "sondern als Blaupause: So können wir es wieder machen". In Gesprächen habe er auch erlebt, dass es bei vielen in der AfD "Träumereien von Straßenkämpfen" gebe. Zum Beispiel habe eine damalige Fraktionsmitarbeiterin in Mecklenburg-Vorpommern während einer Autofahrt einmal davon gesprochen, dass es "einen blutigen Umsturz" brauche, um in Deutschland etwas zu verändern, berichtet Hirsch im Interview mit dem MDR.

Hirsch hält Machtkampf in der AfD für entschieden

Dass er gerade jetzt mit seinen Einschätzungen an die Öffentlichkeit gehe, begründet Hirsch damit, dass er in diesem Superwahljahr vor der AfD warnen wolle. Er habe den Eindruck, dass sich der Machtkampf innerhalb der AfD im Jahr 2021 final zu Gunsten des sogenannten "Flügels" entscheide. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte den "Flügel" im März 2020 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft und beobachtet ihn.

Das Lager um Co-Parteichef Jörg Meuthen habe keine Chance mehr, ist Hirsch überzeugt. Er wirft ihm und auch dem Chef der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Georg Pazderski, vor, "dass sie durch ihr Handeln die Völkischen solange gedeckt haben". Die "vermeintlich Bürgerlichen" seien nur noch Fassade und eigentlich "Marionetten von Höcke & Co".

Meuthen sieht bei Höcke keinen Grund zum Handeln

"Ich stehe definitiv für einen realpolitischen Kurs", sagt Meuthen im Interview mit dem MDR. Das bedeute auch die Bereitschaft zu Kompromissen. Seine innerparteilichen Gegner nennt er Fundamentalisten. "Die predigen die reine Lehre. Die werden nie etwas erreichen, die können mit dieser reinen Lehre in Schönheit sterben, aber das funktioniert nicht", so Meuthen.

Auf die Frage, wie viel Prozent "Flügel" für ihn in der Partei tolerabel seien, antwortet Meuthen, dass es ihm nicht um Prozente gehe, sondern darum, wer die Geschicke der Partei bestimme. Sollten irgendwo "indiskutable Positionen vertreten werden, dann müssen wir agieren, und da agieren wir auch", so der Co-Parteichef. Auf Höcke angesprochen, der nach wie vor AfD-Funktionär ist, sagt er: "Solange ein Björn Höcke keine Aussagen tätigt, die schwer parteischädigend sind, oder den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verlassen, gibt es überhaupt keinen Grund zu handeln."

Meuthen über den Flügel: "Es sind keine Extremisten"

Verfassungsschutzbehörden und Extremismusforscher haben festgestellt, dass nicht nur Björn Höcke bereits mehrfach mit bestimmten Äußerungen den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verlassen habe. "Dann muss man sich das genau anschauen. Aber was ich nicht tun muss, ist dem Verfassungsschutz glauben", erwiderte Meuthen am Rande einer Wahlversammlung der AfD Niedersachsen im Juli. Bereits beim Bundesparteitag im April in Dresden hatte er im Interview seine internen Gegner vom als rechtsextremistisch beobachteten Flügel gegen den Verfassungsschutz verteidigt: "Die vertreten Positionen, die meine nicht sind, aber es sind keine Extremisten."

Der ehemalige Fraktionsmitarbeiter Hirsch zweifelt dagegen an der Glaubwürdigkeit Meuthens. Hirsch verweist darauf, dass der Co-Parteichef über Jahre mit dem Lager um Höcke zusammengearbeitet habe. Dass Meuthen seit einigen Monaten gegen den "Flügel" agiere, sei "reine Taktik, um das Schlimmste zu verhindern. Es ist für mich dermaßen unglaubwürdig und deutet nur darauf hin, dass er Angst hat, alles zu verlieren."

Nur eine "Scheindemokratisierung"

Im März verlor die AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz jeweils rund ein Drittel ihrer Wählerinnen und Wähler. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang Juni musste sie ebenfalls Verluste hinnehmen, wenn auch weniger deutlich. Laut einer Umfrage gaben 42 Prozent der AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt an, die Partei grenze sich nicht deutlich genug von rechtsextremen Positionen ab.

Hirsch warnt davor, dass diejenigen, die er als Völkische und Umstürzler bezeichnet, daraus ihre Lehren ziehen. Sie könnten sich künftig "scheindemokratisiert" und "scheinbürgerlicher" geben, vermutet er: "Das ist, glaube ich, eher die Gefahr, dass die AfD jetzt sagt, okay, wir müssen uns etwas ändern, um besser bei den Wählern anzukommen. Unseren Markenkern behalten wir, aber wir ändern die Hülle: Also bürgerliche Hülle, aber trotzdem noch, im Kern sind wir Nazis", so Hirsch im Interview.

Die ARD-Dokumentation "Extrem (und) unter Druck - Die AfD im Superwahljahr" um 22 Uhr im Ersten sehen.

Über dieses Thema berichtet das Erste in der Dokumentation "Exclusiv im Ersten" am 26. Juli 2021 um 22:00 Uhr.