Völkische Siedler in Grabow | Bildquelle: rbb/ Kontraste

Verbindungen zu Rechtsextremismus Völkische Siedler auf dem Vormarsch

Stand: 29.10.2020 18:51 Uhr

In Brandenburg kaufen Anastasia-Siedler Grundstücke. Sie wollen autark und naturverbunden leben, folgen aber auch einer völkischen Ideologie. Kontraste-Recherchen belegen die rechtsextreme Vergangenheit des Anführers.

Von Silvio Duwe und Lisa Wandt, RBB

Manche laufen ganzjährig barfuß, um den Kontakt zu Mutter Erde nicht zu verlieren. Auf den ersten Blick wirken sie wie harmlose Öko-Aussteiger. Doch hinter der esoterischen Aussteiger-Fassade verbirgt sich eine rassistische Ideologie. Recherchen des ARD-Magazins Kontraste zeigen, dass Siedler der Anastasia-Bewegung im Norden Brandenburgs eine große Zahl an Grundstücken besitzen. 84 Hektar Land im und um das Dorf Grabow bei Blumenthal gehören der sektenähnlichen Gruppe bereits.

Im Zentrum stehen dort Markus Krause und seine Frau Iris. Sie sind maßgebliche Entscheider, bei der Auswahl von Familien, die sich mit der Ideologie von Anastasia identifizieren und Teil des sogenannten "Goldenen Grabow" werden wollen. Die Bewegung bezieht sich auf eine antisemitische Romanserie des russischen Autors Wladimir Megre. Die Bücher fordern die Leser auf, aufs Land zu ziehen und als Selbstversorger zu leben. Elemente von Rasse und einer als rein propagierten Ahnenreihe seien Teil der "Anastasia"-Romane, sagt die Historikerin Laura Schenderlein.

Gründer mit rechtsextremer Vita

Nach Kontraste-Recherchen hat Siedlungsgründer Krause eine rechtsextreme Vergangenheit: Er ist auf Aufnahmen aus den Jahren 2006 und 2010 zu sehen, die während einer Demonstration der "Jungen Landsmannschaft Ostpreußen" (JLO) in Dresden entstanden sind. Die rechte Gruppierung hat sich mittlerweile in "Junge Landsmannschaft Ostdeutschland" umbenannt. Zwischen 1999 und 2010 nutzte sie den Jahrestag der Bombardierung Dresdens, um einen sogenannten Trauermarsch zu veranstalten, der zu einer der wichtigsten Veranstaltungen der rechtsextremen Szene im Bundesgebiet avancierte. Bilder zeigen Krause bei einer dieser Gelegenheiten neben dem Neonazi Udo Pastörs, ehemaliger Vorsitzender der NPD.

Weitere Aufnahmen zeigen Krause 2007 während eines Treffens der sogenannten "Ludendorffer", einer völkischen und antisemitischen Gruppe, die 1937 als "Bund für Deutsche Gotterkenntnis" gegründet wurde. Die Gruppe bezieht sich auf General Erich Ludendorff, der 1923 gemeinsam mit Hitler die Regierung stürzen wollte, um die nationalsozialistische Diktatur zu errichten. Er glaubte, dass göttliche Erkenntnis von der Zugehörigkeit zu einer "Rasse" abhängig sei - eine Vermischung müsse deshalb abgelehnt werden. Vom Verfassungsschutz werden die "Ludendorffer" als rechtsextrem eingestuft.

Schild am Ortseingang von Grabow | Bildquelle: rbb/ Kontraste
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Für einen Platz im "Goldenen Grabow" müssen sich Familien bewerben - und bewähren.

Neonazi betreibt Firma unter Krauses Adresse

Verbindungen zu Rechtsextremen bestehen möglicherweise auch aktuell. Unter Krauses Wohnanschrift betreibt ein gewisser Stephan J. eine Sicherheitsfirma. Als Stephan R. war dieser Bundesvorsitzender der JLO, als diese noch Demonstrationen in Dresden organisierte. R., eine einschlägig bekannte Kaderfigur der rechtsextremen Szene, ist auch in einem Werbefilm der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ) zu sehen - einer Organisation, die im Geist der Hitlerjugend agierte und inzwischen verboten ist. Auf seine Vergangenheit angesprochen, bezeichnet J. unsere Recherchen als "falsche" Informationen.

Kritische Nachbarn fürchten Anfeindungen

Krause ist von Beruf öffentlich bestellter Vermesser im Land Brandenburg. Als solcher erfährt er meist schnell, wenn Grundstücke zum Verkauf stehen. Und genau das bereitet machen Dorfbewohnern Sorge. "Herr Krause ist immer gezielt auf der Suche nach Häusern. Sobald Grundstücke frei werden, steht er unmittelbar an der Tür und will kaufen", sagt ein Bewohner aus Grabow. Die Krauses könnten in Grabow relativ ungehindert ihren Plan verfolgen, erzählt eine Bewohnerin. Dennoch: Die Frage, wie man mit den völkischen Siedlern umgehen soll, spaltet das Dorf. Offen möchte sich niemand aus dem Ort zu den Siedlern äußern, aus Angst vor Anfeindungen.

Grundstücke der Siedler in  Grabow | Bildquelle: rbb/ Kontraste
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Die rot eingefärbten Grundstücke wurden bereits von der Bewegung erworben.

Markus Krause wollte nicht mit Kontraste sprechen; über einen offenen Brief erklärte er schriftlich, die Berichterstattung über das "Goldene Grabow" sei ein "mediales Konstrukt", die er als "inszenierten Rufmordversuch" empfinde. Er wolle die Menschen mit seinem Vorhaben in eine friedliche Zukunft geleiten.

Schulpflicht wird ignoriert

Noch im vergangenen Jahr versuchte die Grabower Gruppe eine eigene Schule aufzubauen, mittlerweile setzt sie offenbar auf Schulverweigerung. Derzeit ist eine "Bildungsberaterin" beim Goldenen Grabow aktiv, die Eltern motiviert, ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken. "Die Schulpflicht ist abgeschafft und wir haben jetzt Bildungsfreiheit in Deutschland", sagt sie in einem Video.

Nach Informationen von Kontraste gehen derzeit drei schulpflichtige Kinder aus zwei Grabower Familien nicht zur Schule. "Zunächst geht es erst einmal darum, die Kinder aus dem gesellschaftlichen Einflussbereich der demokratischen Gemeinschaft herauszunehmen", meint Historikern Schenderlein. Ihnen sollten stattdessen die Inhalte zugeführt werden, die für die Bewegung wichtig seien. "Es geht klar um eine ideologische Ausbildung der Kinder und Jugendlichen", so ihre Einschätzung. Vom Brandenburger Bildungsministerium heißt es dazu auf Anfrage, die örtliche Behörden seien alarmiert.

Dieses und weitere Themen sehen Sie heute um 21.45 Uhr bei Kontraste in Ersten.

Über dieses Thema berichtete "Kontraste" am 29. Oktober 2020 um 21:45 Uhr.

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