Auf dem Lenkrad des Elektroautos Model 3 von Tesla in einem Ausstellungsraum ist das Logo der Firma zu sehen. | Bildquelle: dpa

Gläserner Autofahrer Verstößt Tesla gegen Datenschutzregeln?

Stand: 17.09.2020 19:57 Uhr

Tesla will in Berlin bald 500.000 Autos im Jahr bauen. Nach Kontraste-Recherchen überträgt Der E-Mobil-Hersteller Videodaten aus Autos in Deutschland auf Server in den USA.

Von Chris Humbs und Marcus Weller, RBB

In den neuen Modellen des US-Autoherstellers Tesla filmen Kameras das Geschehen rund um das Fahrzeug. Neben dem Fahrer, der teilweise die gestochen scharfen Umgebungsbilder ansehen und abspeichern kann, hat der Konzern Zugriff auf die Bilder - via Fernabfrage aus den USA.          

Die Aufzeichnungen aus acht Kameras rund um den Wagen können per Fernzugriff von Tesla abgerufen werden. Die Halter selbst haben dabei keinerlei Kontrolle über die Verarbeitung der Daten. Dem Konzern geht es dabei um die Erfassung von Telematik- und Videodaten zur Verbesserung seiner autonomen Fahrsysteme, aber auch um Marketing.

Tesla versus Datenschutz

Die von Tesla erfassten Videodaten werden im Fahrzeug durch neuronale Chips verarbeitet, in Teilen auch gespeichert. Der Fahrer kann die Kameras als Dashcam einsetzen, aber auch in einem sogenannten Wächtermodus betreiben. In diesem Zustand haben die Kameras alles im Blick, was rund um den abgestellten Wagen geschieht.

Wann eine Aufzeichnung gestartet wird, entscheidet ein Tesla-Algorithmus. Problematisch ist dabei, dass die Kameras die Umgebung in hoher Auflösung aufnehmen und die Videos unverfremdet gespeichert werden. Personen und beispielsweise Nummernschilder sind klar zu erkennen.

Tesla schreibt gegenüber Kontraste, Videos würden nur im Fall von besonderen Ereignissen im Verkehr aufgenommen und übertragen. Ansonsten würden keinerlei Daten übertragen, die auf einen einzelnen Fahrzeughalter zurückzuführen seien.

Brandenburg, Grünheide: Baukrähne und Baumaschinen sind auf dem Gelände der künftigen Tesla Giga-Factory zu sehen. | Bildquelle: dpa
galerie

In Grünheide sollen bald jedes Jahr Tausende Teslas gebaut werden.

Datenschutzbeauftragter sieht Verstoß

Eine Nutzung solch personenbezogener Daten sei unzulässig, so der Datenschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Stefan Brink: "Wenn ein Fahrzeug im öffentlichen Verkehrsraum fährt und dabei ständig alle anderen aufzeichnet, ist das ein klarer Datenschutzverstoß. Das darf nicht sein." Solche Kameras dürften immer nur im Einzelfall bei einem konkreten Ereignis eingesetzt werden, so Brink. "Aber das dauerhafte Filmen durch Fahrzeuge ist verboten." Tesla schreibt hierzu, man halte sich an die Europäische Datenschutz-Grundverordnung.

Der Fahrer kann die Videodaten ansehen und gegebenenfalls an anderen Orten speichern und bearbeiten. Dabei stehen ihm jedoch nur vier der Außenkameras zu Verfügung. Was die in den Innenraum gerichtete Kamera und die übrigen vier Außenkameras aufzeichnen, kann er weder ansehen noch beeinflussen -  das liegt alleine in den Händen von Tesla.

Tesla behauptet nun gegenüber Kontraste, die Innenraumkamera sei gar nicht aktiv. Generell würden von den Kameras keine "durchgängigen Filme" aufgenommen, sondern "bestenfalls kurze Sequenzen". Der Test von Kontraste zeigte hingegen Aufzeichnungen bis zu 60 Minuten, geteilt in fortlaufende Minutenclips.

Datenübertragung nachgewiesen

In einem Versuch ist es dem ARD-Magazin Kontraste gelungen, Datentransfers von einem Tesla zu Servern in den USA nachzuvollziehen. Es handelte sich dabei um zum Teil stundenlange Verbindungen zu Servern an der amerikanischen Westküste. Tesla nutzte hierfür eine WLAN-Verbinung, die in dem Test überwacht werden konnte. Datenübertragungen aus der fest verbauten LTE-SIM-Karte konnten nicht nachvollzogen werden. Sicher ist jedoch, der Mobilfunk wird von einem niederländischen Anbieter bereitgestellt.

Welchen Inhalt die per WLAN übertragenen Daten hatten, blieb unklar. Tesla verschlüsselt die Pakete, das Hacken dieser Inhalte wäre somit strafbar.

Tesla, die Datenkrake

Bereits etwa 5000 des neuen Tesla Model 3 wurden in Deutschland zugelassen - 500.000 sollen schon bald in der neuen sogenannten "Giga-Fabrik" im brandenburgischen Grünheide nahe Berlin vom Band rollen. Durch die eingebauten Kameras fallen auf diese Weise große Mengen an personenbezogenen Informationen an. Diese seien aber in der Regel nicht einem Auto zuzuordnen. Der Kontraste-Test ergab jedoch, dass eine MAC-Adresse, die jeden Wagen eindeutig identifiziert, mit übermittelt wird.

Tesla Model 3 | Bildquelle: REUTERS
galerie

Tausende Tesla Model 3 fahren bereits in Deutschland.

Die Bilder können inzwischen vollautomatisiert von Tesla ausgewertet werden. "Die Fülle von Daten, die da mittlerweile anfällt, ist bearbeitbar", sagt Constanze Kurz vom Chaos Computer Club (CCC), "wir haben in den letzten Jahren einen großen Sprung technologischer Art gemacht". Für Autohersteller ist die Datennutzung "das zweite große Geschäftsmodell geworden", meint Datenschützer Brink.

Dem Hersteller gehe es nicht mehr nur darum, "mobile Untersätze zu liefern, sondern er will gleichzeitig in das neue Geschäft einsteigen, will also sehr genau wissen, wie verhält sich der Fahrer?" Es heiße nicht umsonst: "Daten sind das neue Öl." Und tatsächlich gibt Tesla offiziell an, mit den Daten die "Effektivität unserer Werbekampagnen und Betrieb und Ausweitung unserer Geschäftstätigkeit" steigern zu wollen. Andererseits behauptet die Firma nun, Kunden müssten der Weitergabe ihrer Daten zustimmen - von "Ausnahmen" abgesehen.

Daten wecken Begehrlichkeiten

Und diese Daten haben es in sich. Sie richten sich gegen das informationelle Selbstbestimmungsrecht, erklärt Constanze Kurz vom CCC: "Wann arbeitet jemand? Wann ist jemand im Urlaub? Ist jemand vielleicht jede dritte Woche samstags in einem Hotel? Mit wem bewegt er sich dorthin?" Jemand, der Informationen über die Menschen habe, könne möglicherweise "Macht über mich ausüben", so Kurz. "Wenn ich in ein Auto steige, was möglicherweise Myriaden von Datenschnipseln über mich aufzeichnet und versendet, kann ich natürlich dieses Recht auf Selbstbestimmung nicht ausüben."

In Italien hat ein Autoversicherer bereits auf solche vom Hersteller weitergeleiteten personenbezogenen Daten zugegriffen und Preise angepasst. Europaweit ist diese Form der Überwachung völlig unzulässig.

Der europäische Datenschutzbeauftragte Wojciech Wiewiórowski mahnt gegenüber Kontraste eine europäische Regulierung der Nutzung entsprechender Daten an. "Es gibt im Moment Autos, die Informationen über unser Verhalten erheben und übertragen. Und das ist etwas, was bereits auf dem Markt ist. Wir sprechen also nicht über die Zukunft. Wir sollten klar darüber werden, was jetzt gerade passiert."

Die Ohnmacht der Datenschützer

Elon Musk spricht auf der Baustelle des geplanten Teslawerks in Grünheide mit Journalisten | Bildquelle: ALEXANDER BECHER/EPA-EFE/Shutter
galerie

Laut Tesla-Grüner Musk werden zumindest keine Live-Videos aus den Autos übertragen.

In Deutschland zuständig für die Kontrolle der Hersteller sind die Datenschutzbeauftragten der Bundesländer, in der die jeweilige Firma ihren Sitz in Deutschland hat. Im Fall von Tesla könnte die Zuständigkeit bald auf die brandenburgische Behörde übertragen werden, wegen der neuen Fabrik. Eine Sprecherin warnt aber schon jetzt, dies würde "zu einem weiteren massiven Arbeitsanfall führen, der in der bereits jetzt äußerst angespannten Personalsituation kaum zu bewältigen wäre." Politik und Datenschutzbehörden sind mit dem Phänomen rollender Datenkraken offenbar vollkommen überfordert.

Bei einem Besuch des Tesla-Gründers Elon Musk in Berlin fragte Kontraste ihn, ob Daten aus den Autos live übertragen würden. Musk erwiderte, dass sei falsch. Ein Live-Streaming finde nicht statt.

Anmerkung der Redaktion: Der Text wurde am 18. September mit der Stellungnahme von Tesla ergänzt.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 17. September 2020 um 09:38 Uhr.

Logo der Sendung "Kontraste"
Darstellung: