Fläschchen mit Impfdosen des Impfstoffherstellers BioNTech/Pfizer | AP
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Coronavirus Spahn plant gewaltigen Impfstoff-Vorrat

Stand: 26.08.2021 15:23 Uhr

Gesundheitsminister Spahn lässt nach Recherchen des ARD-Magazins Kontraste einen gewaltigen Impfstoff-Vorrat anlegen. Experten bezweifeln den Sinn - zumindest solange die weltweite Impfquote niedrig ist.

Von Sascha Adamek, Markus Pohl und Ursel Sieber, rbb

Etwa 80 Millionen Impfstoffdosen will Jens Spahn vorsorglich einlagern - eine Dosis für jeden Bürger und jede Bürgerin, wie das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf Kontraste-Anfrage bestätigt. "Im Rahmen eines Portfolioansatzes ist die Bevorratung mit unterschiedlichen Impfstoffarten geplant", so das Ministerium.

Gespeist werden soll das Lager offenbar vor allem aus den rund 100 Millionen Dosen von BioNTech/Pfizer und Moderna, die Deutschland laut der Lieferprognose des Ministeriums bis Ende des Jahres erhalten soll.

Kritiker nennt Entscheidung "kurzsichtig und egoistisch"

Diese Vorratshaltung halten Impfexperten für falsch, da der Impfstoff weltweit derzeit noch ein knappes Gut ist. In Afrika etwa sind bisher nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. "Den Impfstoff hier zu behalten und einzulagern, ist kurzsichtig und egoistisch", erklärt der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule Berlin im Kontraste-Interview. Statt Impfstoffe einzulagern, plädiert er für eine schnelle Weitergabe.

Auch Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen kritisiert die Bevorratung als Ausdruck "einer angstgetriebenen und wenig vorausschauenden Politik". Ausgerechnet jetzt, da sich Deutschland ausreichend Impfstoff gesichert habe und die weltweiten Produktionskapazitäten wachsen, mache es keinen Sinn, Impfstoffe zu horten. Das binde jetzt Ressourcen an der Stelle,"wo sie kein Leben schützen", so Dahmen.

Impfstoff-Weitergabe im ureigenen Interesse Deutschlands

Viele afrikanische Länder befinden sich mitten in der vierten Welle: Die Infektionszahlen steigen und wo das Virus ungehindert zirkuliert, wächst die Gefahr von Mutationen. Der Immunologe Carsten Watzl fordert auch deshalb die möglichst schnelle Weitergabe überzähliger Impfdosen: "Wenn wir eines gelernt haben, dann, dass Mutationen, die irgendwo auf der Welt entstehen, auch den Weg zu uns finden." Weltweites Impfen verhindere Mutationen, so Watzl - und darum sei es auch im ureigenen Interesse Deutschlands, überschüssigen Impfstoff schnell weiterzugeben und auf keinen Fall einzulagern.

Ulrichs fordert, das zeitliche Fenster müsse jetzt genutzt und alle überschüssigen Impfdosen sofort an die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitgegründete Initiative Covax abgegeben werden - aus humanitären Gründen, aber auch um die Welt vor neuen Varianten zu schützen. Covax soll die die armen Länder mit Impfstoff versorgen, konnte bislang aber erst 215 Millionen Dosen ausliefen - das Gros der Impfstoffe blieb in den reichen Staaten.

Deutschland schwimmt im Impfstoff

Schon jetzt sitzt Deutschland auf einem Vorrat von etwa 13 Millionen Dosen. Mit den rund 100 Millionen Dosen, die noch bis Jahresende von BioNTech/Pfizer und Moderna kommen, wären somit also bis Jahresende rund 113 Millionen Dosen verfügbar. Hinzu kommt möglicherweise noch Impfstoff von Johnson & Johnson - wieviel, ist aber unklar. Für 2022 hat das Gesundheitsministerium bei verschiedenen Herstellern noch einmal 204 Millionen Dosen zusätzlich bestellt.

Die Zahl der Erstimpfungen lag dagegen zuletzt nur noch bei 500.000 bis 600.000 - und zwar pro Woche. Seit die Ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung für 12- bis 17-Jährige empfohlen hat, könnten die Erstimpfungen vorübergehend noch einmal ansteigen. Doch der Datenspezialist Alfred Müller, der die Impfgeschwindigkeit von Beginn an auswertet, prognostiziert gegenüber Kontraste, die Zahl der Erstimpfungen werde danach immer stärker abflachen.

Dennoch hat Deutschland bislang nur beschlossen, bis Ende des Jahres 30 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs weiterzugeben. "Konkrete Pläne" für eine Abgabe von BioNTech/Pfizer oder Moderna-Impfstoffen bestünden derzeit nicht, so das BMG.

Impfdosen verfallen schnell

Als Problem könnte sich bei der Lagerhaltung auch die kurze Haltbarkeit des Impfstoffs erweisen: Nach nur sechs Monaten verfallen die Impfdosen. Das Bundesgesundheitsministerium will mit einem "rollierenden Verfahren" sicherstellen, dass die Dosen rechtzeitig abgegeben werden, spätestens dann, wenn sie noch mindestens zwei Monate haltbar sind. Ob das funktioniert, ist aber fraglich: Schon jetzt mussten auch in Afrika Impfdosen entsorgt werden, weil sie mit einer zu kurzen Haltbarkeit angeliefert wurden.

Watzl: Booster-Impfung für alle überflüssig

Anders als Gesundheitsminister Spahn, der eine dritte Dosis für alle Deutschen erwägt, sieht der Impfspezialist Watzl dafür keine medizinische Notwendigkeit und warnt davor, deshalb Impfstoff auf Vorrat zurückzulegen. Auf Grundlage der jetzt verfügbaren Studiendaten sei eine dritte Dosis nur bei Hochbetagten und einigen Risikogruppen erforderlich. Die Impfung mit zwei Dosen schütze sehr gut vor schweren Erkrankungen, auch bei der Delta-Variante, so Watzl.

Nachtrag, 26.08.2021:

Ministerium dementiert Bericht als "falsch"

Das Bundesgesundheitsministerium hat nach der Veröffentlichung die Berichterstattung von Kontraste dementiert. Es gebe keine Lagerung von 80 Millionen Impfdosen. Das Ministerium schickte folgendes Dementi an mehrere Redaktionen: "Der Bund wird nicht 80 Millionen Impfstoffdosen einlagern. Der Bericht von Kontraste ist falsch. Richtig ist, dass die Bundesregierung genug Impfstoff vorhalten wird, um Auffrischungsimpfungen zu ermöglichen. Impfstoffdosen, die nicht benötigt werden, sollen aber - wie bisher auch schon - an andere Länder abgegeben werden."

Kontraste hält an der Berichterstattung fest

Das Bundesgesundheitsministerium selbst hatte Kontraste zuvor mitgeteilt, es würden "Vorkehrungen für die Lagerung einer für die Versorgung der Bevölkerung ausreichenden Menge von Impfstoffdosen getroffen". Der Begriff Lagerung ist also selbst vom Ministerium benutzt worden. Weiter schrieb das Ministerium an Kontraste, "dass in der Tat für jede Bürgerin und jeden Bürger eine Impfdosis vorgehalten werden soll." Eine Nachfrage von Kontraste, wie diese Aussagen mit dem Dementi des Berichts zusammenpassen, ließ das Ministerium bislang unbeantwortet.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Kontraste" am 26. August 2021 um 21:45 Uhr.