Charité (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / Paul Zinken/d

Pflegenotstand in Kliniken Schwerkranke Kinder gefährdet

Stand: 06.02.2020 06:00 Uhr

Der Personalmangel an Kliniken hat auch für die Versorgung schwerstkranker Kinder fatale Folgen. Immer wieder können Kliniken nicht die notwendige Versorgung gewährleisten.

Von Oliver Noffke, Markus Pohl und Lisa Wandt, RBB

Bundesweit klagen Kliniken über Probleme, geeignetes Pflegepersonal für Kinderintensivstationen zu finden. Die anhaltende Unterbesetzung kann für die Versorgung der jungen Patienten gravierende Folgen haben. Dem ARD-Magazin Kontraste sind Einzelheiten über einen Fall aus Berlin bekannt, bei dem ein an Leukämie erkranktes Kleinkind nicht an einer spezialisierten Station aufgenommen werden konnte, weil diese offenbar nicht voll besetzt war.

Spezialstation musste Aufnahme ablehnen

Die schwere Erkrankung des Kindes war an einem Berliner Krankenhaus festgestellt worden, das selbst nicht über eine Kinderkrebsstation verfügt. Eine Verlegung an das Berliner Universitätsklinikum Charité scheiterte, offenbar da aufgrund von Personalmangel nicht alle Betten der Kinderkrebsstation belegt werden konnten. Mehrere Quellen haben der Redaktion den Vorfall bestätigt.

Ein Kinderarzt des Hauses, der unerkannt bleiben möchte, sagte: "Bei uns auf Station hatten wir leider keine freien Betten und auch sonst im Haus war trotz intensiver Bemühungen kein Bett zu finden", sagte er. "Wir mussten die Verlegung des Kindes daher zunächst ablehnen." Im Aufnahmekrankenhaus habe sich der ohnehin kritische Zustand des Kindes über Nacht weiter verschlechtert.

Kind starb vor möglicher Verlegung

"Am nächsten Tag konnte das Kind dann zu uns verlegt werden, aber es verstarb leider rasch. Das hat uns alle sehr mitgenommen", sagte der Arzt. "Man kann es nie wissen, aber vielleicht wäre das Kind noch am Leben, wenn wir es rechtzeitig hätten übernehmen können." Auf Anfrage von Kontraste hat sich weder die Charité noch die andere Klinik zu diesem Fall geäußert. Die Charité verweist auf die ärztliche Schweigepflicht.

Alex Rosen ist in Deutschland der Vorsitzende des Vereins IPPNW, ein Zusammenschluss von Ärzten, die sich intensiv mit der sozialen Verantwortung ihres Berufs auseinandersetzt. "Die schlimmste Auswirkung und direkteste Auswirkung, die wir von diesem Missstand sehen, ist, dass Kinder, die eigentlich auf eine Intensivstation gehören, dort keine Kapazität finden und deswegen auch versterben", sagt Rosen zu der aktuellen Situation an deutschen Kinderintensivstationen.

Probleme auch an anderen Kliniken

Die Charité ist nicht die einzige Klinik in der Bundesrepublik, die aufgrund von Personalmangel Probleme hat, die Kapazitäten ihrer Kinderintensivstationen voll auszuschöpfen. Bereits im November hatten Recherchen von Kontraste gezeigt, dass bundesweit geschultes Personal rar ist. Das zeigte etwa der Fall einer Familie aus München, die in der bayerischen Landeshauptstadt kein Krankenhaus fand, dass ihr schwer erkranktes Kind aufnehmen konnte. Am Ende musste das Kind im 80 Kilometer entfernten Augsburg behandelt werden.

Eine Studie der Universität Köln konnte jüngst aufzeigen, dass mittlerweile vielerorts eine Situation herrscht, in der selbst ursprünglich hoch motivierte Fachkräfte ihren Beruf verlassen - was den Mangel zusätzlich verschärft. Zu diesem Ergebnis kam das Team um die Medizinethikerin Christiane Woopen, nachdem sie 50 Interviews mit Pflegern und Ärzten aus Kinderkliniken in ganz Deutschland geführt hatte .

Die alltägliche Arbeitsverdichtung sei enorm, die Beschäftigten geraten in "ethische Konflikte", weil sie "aus einer hohen ideellen Motivation" heraus gute Medizin machen wollen, den Anspruch aber so nicht mehr umsetzen können, so Woopen im November.

Charité räumt Fehler ein

Der Charité-Vorstand für Krankenversorgung, Ulrich Frei
galerie

Der Charité-Vorstand für Krankenversorgung, Frei, sieht den Druck, der auf Ärzten und Pflegekräften lastet.

Die Leitung der Berliner Charité hat inzwischen Fehler im Umgang mit dem Pflegepersonal auf der Kinderkrebsstation des Hauses eingeräumt. "Gerade in der Kinderonkologie gerät man sehr leicht in eine Zwickmühle, dass man auch dem Personal gegenüber, sozusagen, mit der Krankheit der der Kinder argumentiert", sagte Ulrich Frei, Vorstand Krankenversorgung, Kontraste. Er räumte ein, dass dieses Vorgehen einen enormen psychischen Druck auf Pflegekräfte ausübt. "Ich glaube, dieser Druck ist möglicherweise auch zu stark ausgeübt worden."

Die Probleme der Charité bei der Versorgung kranker Kinder verdeutlicht auch folgende Entwicklung: Im vergangenen Jahr konnte die Klinik insgesamt 880 Kinder trotz medizinischer Indikation nicht stationär aufnehmen. Das teilte die Klinik auf Anfrage mit. Eine ambulante Erstversorgung in der Kindernotaufnahme konnte zwar gewährleistet werden, anschließend mussten die Patienten aber von anderen Krankenhäusern aufgenommen werden.

Massiver Anstieg der Fallzahlen

2013 hatte die Klinik 308 Kinder in andere Krankenhäuser verlegen müssen - ein Anstieg um 185 Prozent. "Der überwiegende Großteil der Kinder hatte einfache Erkrankungen […], die nicht zwingend in einer Universitätsklinik betreut werden müssen", so die Pressestelle.

Ulrich Frei, Vorstand Krankenversorgung an der Charité, sucht weiter nach geeignetem Pflegepersonal für die Kinderonkologie der Klinik. "Wir hoffen, dass wir innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate dort wieder einen Aufbau zustande kriegen." In der aktuellen Situation werde dies allerdings nicht einfach, sagte er. "Ich glaube, der Drops ist gelutscht." Da der Personalmangel öffentlich diskutiert werde, "kann man auch keine Leute gewinnen", so Frei.

Pflegenotstand - Kein Platz für kranke Kinder
Benjamin Eyssel, RBB
06.02.2020 07:39 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Diesen und weitere Beiträge sehen Sie heute um 21.45 Uhr bei Kontraste im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 06. Februar 2020 um 22:00 Uhr in der Sendung "Kontraste".

Darstellung: