Ein Schüler sitzt in seinem Zimmer am Schreibtisch und erledigt Aufgaben im Rahmen des Homeschooling. | dpa
Exklusiv

Corona-Pandemie Homeschooling verstärkt Bildungsschere

Stand: 04.02.2021 06:06 Uhr

Seit Wochen sind die meisten Schulen in Deutschland geschlossen. Neue Daten zeigen jetzt: Durch das Homeschooling wird die Bildungsschere noch größer. 

Von Pune Djalilehvand, Susett Kleine und Lisa Wandt, RBB

Das Homeschooling verschärft die bereits existierende Bildungsungleichheit noch einmal deutlich mehr. Das zeigt eine Umfrage der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen unter 22.000 Eltern in NRW, die dem ARD-Politikmagazin Kontraste exklusiv vorliegt. Demnach sind ausgerechnet die Schulformen mit den größten pädagogischen Herausforderungen am stärksten bei der technischen Ausstattung für das Homeschooling benachteiligt: Während rund 60 Prozent der Gymnasiasten in NRW digitale Endgeräte wie Tablets bereitgestellt bekommen, haben nur 30 Prozent der Haupt- und Realschüler Zugang dazu.  

Über alle Schulformen hinweg hat der Umfrage zufolge etwa jeder vierte Schüler nur einmal die Woche oder nie Kontakt zum Lehrer. Da die Umfrage online stattgefunden hat, ist davon auszugehen, dass ausgerechnet Familien ohne digitale Ausstattung hier sogar noch unterrepräsentiert sind. "Die Realität könnte also noch schlechter aussehen", vermutet Anke Staar von der Landeselternkonferenz NRW.  

Bildungsrückstände bei einem Drittel aller Schüler

Der Bildungsexperte Professor Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance rechnet damit, dass die Corona-Pandemie bei einem Drittel aller Schülerinnen und Schüler zu Bildungsrückständen führen wird. Die Pädagogikprofessorin Anja Wildemann von der Universität Koblenz/Landau befürchtet, dass die in Deutschland jetzt schon große Bedeutung von Herkunft und sozialem Gefüge durch die Pandemie noch mehr Einfluss auf den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern haben wird. "Die Bildungsschere wird noch weiter auseinanderklaffen, weil bestimmte Gruppen von Schülern eben nicht oder zu wenig erreicht werden."

Dabei hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) die Bundesländer aufgefordert, für Kinder aus "sozial schwierigen Verhältnissen" eine Betreuung zu ermöglichen. Doch eine Kontraste-Umfrage unter allen Bundesländern zeigt, dass die Betreuungsmöglichkeiten für Grundschulkinder stark variieren. 

Starke Unterschiede in den Bundesländern

So sind in Berlin und Brandenburg die Hürden für eine Notbetreuung besonders hoch: Sie gilt nur für Kinder von alleinerziehenden Eltern sowie Familien, in denen mindestens ein Elternteil in systemrelevanten Berufen tätig ist und die keine andere Möglichkeit der Betreuung haben. Eine Ausnahme gelte nur dann, wenn das Kindeswohl gefährdet sei, das müsste aber beispielsweise in Brandenburg das Jugendamt zunächst offiziell feststellen.

In den acht Bundesländern Hamburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen, Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werden Eltern zwar gebeten, ihr Kind nur im Notfall zur Schule zu schicken, können dies aber eigenverantwortlich entscheiden. In Hessen etwa gehen laut hessischem Kultusministerium rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler in die Schule, in Bremen sind es 65 Prozent.

Auch Schnellteststrategien variieren stark

In Berlin gibt es noch kein Datum für eine Rückkehr zum Präsenzunterricht. Wenn er aber kommt, soll er mit einem Konzept für selbsttestfähige Schnelltests begleitet werden. Auch andere Bundesländer arbeiten noch an Testkonzepten. Aktuell werden in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen nur anlassbezogene Testungen für Lehrerinnen und Lehrer angeboten. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg kann sich das Schulpersonal ohne Verdacht testen lassen.

Sachsen hat die Testungen bereits auf Schülerinnen und Schüler ausgeweitet: Die Abschlussklassen wurden vor dem Start am 18. Januar flächendeckend getestet. Unterschiedliche Auffassungen gibt es auch bezüglich der Wirksamkeit von Schnelltests: Während sich die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) für eine massive Ausweitung von Schnelltests einsetzt, hat Mecklenburg-Vorpommern die Antigen-Schnelltests verworfen. Begründung: Sie seien zu ungenau.

Die meisten Bundesländer setzen keine Luftfilter ein

Beim Thema Luftfilteranlagen für Klassenräume berufen sich die Bundesländer auf das Bundesumweltamt, das mobile Filteranlagen zur Luftreinigung nicht als Ersatz für konsequente Lüftungsmaßnahmen sieht. Als Orientierung gilt: alle 20 Minuten Stoßlüftung. Räume, die nicht entsprechend gelüftet werden können, dürfen nicht genutzt werden.

Eine Vorgabe für Luftfilteranlagen gibt es in keinem Bundesland. Trotzdem: Das Bayerische Kultusministerium unterstützt die Träger der Schulen mit 37 Millionen Euro bei der Umsetzung technischer Maßnahmen zum infektionsschutzgerechten Lüften - gefördert werden CO2-Ampeln und Luftreinigungsgeräte. Auch Rheinland-Pfalz hat ein Förderprogramm für mobile Luftreinigungsgeräte. Hier stehen sechs Millionen Euro zur Verfügung. In Hamburg stehen rund fünf Millionen Euro für Luftfilteranlagen bereit. In Brandenburg sollen je Schule lediglich zwei CO2-Ampeln besorgt werden.

Das Land Berlin hat 1200 mobile Luftreinigungsgeräte für Schulen, deren Klassenzimmer aufgrund der baulichen Situation erschwert belüftet werden können, gekauft. Zusätzlich stehen nun noch einmal 4,5 Millionen Euro für einen weiteren Kauf von Luftfiltergeräten an Schulen bereit. Sachsen-Anhalt argumentiert dagegen: "Nach Beendigung der Pandemie werden solche Geräte an Schulen nicht mehr gebraucht." Es handele sich damit um keine nachhaltige Investition. Bei Bereitstellung mobiler Lüftungsgeräte sei das Lüften in den Pausen über die Fenster weiterhin erforderlich.

Bildungsexperten fordern Präsenzunterricht 

Die Studienautoren der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen ziehen das Fazit, dass der tägliche Distanzunterricht die Bildungsungleichheit deutlich verstärkt. Sie fordern deshalb eine schnellstmögliche Rückkehr zum Präsenzunterricht - unter priorisierter Berücksichtigung der benachteiligten Gruppen, damit diese nicht noch weiter zurückfallen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 04. Februar 2021 um 11:04 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
Traumfahrer 04.02.2021 • 12:53 Uhr

Re : werner1955 !

Also bis Ende des 3. Quartals ????? Ist das tatsächlich ihre Meinung ???? Denken sie erst einmal nach, bevor sie eine ganze Generation in die Tonne klopfen !!!!