Studierende sitzen und gehen während eines Probelaufs im Registrierungsbereich des Zentralen Impfzentrum | dpa
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Schwierige Nachbeobachtung Datenchaos nach der Corona-Impfung?

Stand: 10.12.2020 14:00 Uhr

Möglichst viele Geimpfte anonym nachbeobachten, seltene Nebenwirkungen schnell entdecken - das ist das Ziel der Bundesregierung. Doch das Konzept ist nach Kontraste-Recherchen nicht durchdacht. Fachleute schlagen Alarm.

Von Ursel Sieber und Markus Pohl, rbb

Deutschland hofft auf baldige Impfungen gegen das Coronavirus. Dazu soll es eine Datenbasis geben, um Geimpfte und Nicht-Geimpfte vergleichen zu können. Dies gilt als extrem wichtig, um sehr seltene Nebenwirkungen aufzuspüren. Genau das wird es aber nicht geben, warnt die Epidemiologin Ulrike Haug vom Leibniz-Institut in Bremen. Sie schreibt deshalb im Namen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie und weiteren Fachgesellschaften seit Wochen Brandbriefe an das Bundesgesundheitsministerium.

Die Wissenschaftler wollen erreichen, dass in jedem Impfzentrum Kartenlesegeräte installiert werden, damit alle gesetzlich Versicherten ihre elektronische Gesundheitskarte einlesen können - so wie bei jedem normalen Arztbesuch auch.

Nebenwirkungen könnten schnell aufgespürt werden

Damit wäre jeder Geimpfte registriert. Diese Daten könnten dann - anonymisiert - nach zwei bis drei Monaten mit den Abrechnungsdaten der Krankenhäuser verglichen werden. Denn jeder Geimpfte mit einer schwerwiegenden, seltenen Nebenwirkung würde mit Sicherheit im Krankenhaus landen. So ließen sich selten auftretende Ereignisse schnell aufspüren und unbegründete Verdachtsfälle von echten Risiken unterscheiden.

Unbrauchbares Datenchaos

Doch das Einlesen der Chipkarte in den Impfzentren ist in dem Konzept von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nicht vorgesehen. Stattdessen sollen in den Impfzentren die persönlichen Daten der Betroffenen separat erfasst und dann beim Robert Koch-Institut (RKI) zusammengeführt werden - eine separate Datensammlung also, die mit den Daten der gesetzlichen Krankenversicherung nur schwer und nur mit enormem Zeitverzug verknüpft werden. Deshalb sorgen diese Pläne von Spahn bei Ulrike Haug und anderen Fachleuten für Kopfschütteln und Entsetzen.

Eine Umfrage von Kontraste bei den Gesundheitsministerien der Länder ergab außerdem, dass die Daten in den Bundesländern offenbar auch noch unterschiedlich erfasst werden sollen. Es könnten also auch noch Schreibfehler oder Zahlendreher vorkommen. Geimpfte wären so später kaum ihrer jeweiligen Krankenkasse zuzuordnen.

Professorin Haug befürchtet, dass am Ende ein schwer zu nutzendes Datenchaos herauskommt. "Datenerfassung auf Steinzeitniveau", nennt das Haug. Erste Ergebnisse zu seltenen Nebenwirkungen, auch in bestimmten Patientengruppen, hätte man damit frühestens in einem Jahr, schätzt sie - wenn überhaupt.

Haug ist Expertin auf diesem Gebiet. Das Leibniz-Institut in Bremen arbeitet seit Jahren mit Krankenkassendaten, erstellt etwa Studien zur Sicherheit von Arzneimitteln nach der Zulassung. Sie kennt die Fallstricke mit Datensätzen dieser Art genau.

Kein Zeitverlust bei der Nachbeobachtung

Solche Fallstricke könne man sich aber nicht leisten, um Vertrauen in die Impfung aufzubauen, sagt die Professorin. So könnten wilde Gerüchte über Impfschäden durch die sozialen Medien geistern, ohne dass die Behörden mit Fakten darauf reagieren könnten - in ihren Augen ein Alptraum, mit fatalen Folgen für die Impfbereitschaft in der Bevölkerung und die Kontrolle der Pandemie. 

Gerüchte in sozialen Medien

Solche Probleme gäbe es ihrer Ansicht nach nicht, wenn die Nachverfolgung der Geimpften mit Hilfe der elektronischen Gesundheitskarte erfolgen würde. Man hätte schnell valide Vergleichsmöglichkeiten, etwa, falls in sozialen Medien der Verdacht kursieren würde, Impfungen seien mit vermehrten Herzinfarkten verbunden.

"Dann könnte man in relativ kurzer Zeit vergleichen: Wie häufig kam es bei Impfungen zu einem Herzinfarkt", erklärt Haug. "Und wie häufig kam es bei einer vergleichbaren Gruppe von nicht Geimpften zu einem Herzinfarkt?" Unbegründeten Verdachtsfällen könnte man so schnell den Wind aus den Segeln nehmen. Und gleichzeitig die wirklichen Sicherheitsprobleme aufspüren. Nebenwirkungen etwa, die nur bei älteren Menschen oder in Patientengruppen mit bestimmten Vorerkrankungen zutage treten.

Darüberhinaus hätte man auch noch weitere Daten zur Wirksamkeit der Impfung: Es würde wohl bald auffallen, wenn Menschen trotz Impfung mit einer schweren Corona-Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert würden - und die Behörden könnten zeitnah darauf reagieren. 

Spahn hält an seinem Impfkonzept fest

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) blieb auf Kontraste Anfrage bei seiner Position. Auch in dem Referentenentwurf, der Kontraste vorliegt, rückt das BMG von seinem bisherigen Vorhaben nicht ab. Hintergrund ist offenbar, dass bei einer Erfassung über die elektronische Gesundheitskarte die privat Versicherten nicht berücksichtigt wären. Doch dieses Argument lässt Ulrike Haug nicht gelten, sind doch etwa 90 Prozent der Bundesbürger gesetzlich versichert - eine ausreichend große Zahl, um seltene Nebenwirkungen zu erkennen.

Nach Informationen von Kontraste soll sich auch das für Impfungen zuständige Paul-Ehrlich-Institut für eine Nachbeobachtung mittels elektronischer Gesundheitskarte eingesetzt haben. Allerdings vergeblich.

Dieses und weitere Themen können Sie heute um 21.45 Uhr im Ersten bei Kontraste sehen.

Über dieses Thema berichtete der rbb am 10. Dezember 2020 um 17:26 Uhr.

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KOMMENTARE

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Peter Meffert 10.12.2020 • 21:18 Uhr

18:19 von Wilhelm Schwebe

Zitat:"oder glauben sie wirklich, daß lindner nur unsinn in seinen beiträgen zum besten gibt?" Ja! Als Parlamentarier und Vorsitzender einer "liberalen" Partei sollte er die billige Tour derjenigen, die tatsächlich keine Ahnung haben oder haben wollen, wie ein demokratischer Rechtsstaat funktioniert, nicht auch noch befeuern, nur um der AfD ein paar Stimmen abzujagen. Zitat:"sie als lehrer sollten genug bildung haben, um das besser zu wissen." Könnten Sie mir freundlicherweise mit inhaltlichen Argumenten zeigen, wo ich mich in meiner Antwort an Sie geirrt haben sollte?