Schriftzug Asklepios | Bildquelle: imago/Waldmüller

Streit um Kinderklinik Schwere Vorwürfe gegen Asklepios-Konzern

Stand: 20.07.2020 06:00 Uhr

Ende des vergangenen Jahres machte der Klinik-Konzern Asklepios eine Kinderstation in der Kleinstadt Parchim dicht. Angeblich wegen Ärztemangels. Doch Asklepios sagte wohl die Unwahrheit, wie Recherchen des ARD-Magazins Kontraste ergeben.

Von Markus Pohl, Ursel Sieber und Lisa Wandt, rbb

Auf den ersten Blick geht es nur um ein kleines Krankenhaus auf dem Lande. Doch der Streit um die Kinderstation des Krankenhauses im mecklenburgischen Parchim zeigt wie durch ein Brennglas, was passiert, wenn Medizin immer mehr nach Marktgesichtspunkten ausgerichtet wird. Und wie hilflos die Politik danebensteht.

Parchim ist eine Kleinstadt mit 18.000 Einwohnern. Eigentümer des Krankenhauses ist der private Klinikkonzern Asklepios. Dieser machte Ende letzten Jahres die Kinderstation dicht. Die nächste Kinderklinik in Schwerin ist auf der Landstraße mehr als 50 Kilometer entfernt.

Falsche Angaben zu Bewerbungen

Kindermedizin ist für viele Kliniken ein Kostenfaktor. Die Versorgung von Kindern ist personal- und zeitintensiv, zudem kaum planbar. Geld verdienen lässt sich damit nicht. Doch der Betreiber der Klinik, der Asklepios-Konzern, bestreitet, die Kinderstation aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen zu haben.

"Es ist der reine Ärztemangel, der uns dazu zwingt, das Versorgungsangebot einzustellen", sagte Regionalgeschäftsführer Guido Lenz im Dezember 2019. Jetzt muss der Konzern aber einräumen, dass er dem Chefarzt und zwei Assistenzärzten selbst gekündigt hat. Die Kündigung des Chefarztes der Kinderklinik hatte Asklepios zunächst gegenüber Kontraste schriftlich bestritten.

Auch andere Aussagen von Asklepios entpuppen sich nun als falsch. "Wir hatten keine einzige Bewerbung", hatte der Geschäftsführer der Klinik öffentlich erklärt. Jetzt räumt der Konzern ein: Es habe eine Bewerbung gegeben, aber die Ärztin habe sich "trotz großzügigem Vertragsangebot" nicht mehr gemeldet. Doch Kontraste liegt die Email der Bewerberin vor, in der sie ihre Bereitschaft bekundet, die Stelle in Kürze anzutreten.

Schwesig kritisiert Gewinnorientierung

Im Krankenhausplan, der das Versorgungsangebot in Mecklenburg-Vorpommern verbindlich festlegt, sind die Betten der Parchimer Kinderstation enthalten. Asklepios wäre eigentlich verpflichtet, diese zu betreiben. Doch mit dem Argument des Ärztemangels ist es Asklepios offenbar gelungen, sich darüber hinzuwegzusetzen,

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) kritisiert die Schließung: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Politik bestimmt, welche Gesundheitsversorgung vor Ort stattfindet und nicht Konzerne nach ihrer Gewinnorientierung." Ihr Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) dagegen hält sich mit Kritik an Asklepios zurück. Zusammen mit dem privaten Betreiber hatte er eine Kinder-Tagesklinik angekündigt. Er will diese sogar mit 150.000 Euro pro Jahr bezuschussen.

Nachts und am Wochenende sollten kranke Kinder im Notfall per Hubschrauber in die nächste Klinik nach Schwerin geflogen werden, so der Minister. Den dafür im Dezember 2019 versprochenen Hubschrauberlandeplatz gibt es allerdings noch immer nicht.

"Kein Interesse, die Kinderklinik zu erhalten"

Der Ärztekammerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Professor Andreas Crusius, hält die Tagesklinik-Lösung ohnehin für völlig unzureichend. Kindermedizin gehöre zur Grundversorgung. "Dann bräuchte ich ja nur noch ein Krankenhaus in der Mitte und könnte alle Patienten hin - und herfliegen", sagt er.

Crusius hatte sich sehr für den Erhalt der Kinderklinik eingesetzt. Sein Eindruck, nach einem Gespräch mit dem Geschäftsführer: "Man hatte kein Interesse, die Kinderklinik zu erhalten".

Ob eine ländliche Region wie Parchim ohne Kinderklinik jungen Eltern ein Zuhause bieten kann, ist fraglich. Eine junge Familie hat erst Mitte Juni die Umzugskisten gepackt und Parchim verlassen. Ihre kleine Tochter Wilma wäre Anfang des Jahres fast an einer Hirnhautentzündung gestorben.

Sie hatte am Wochenende hohes Fieber bekommen. "Wäre eine Kinderklinik hier gewesen, wären wir ganz sicher am Samstagabend noch in die Notaufnahme gegangen", sagt Vater Eric Bielohradsky. Doch Nachts fast eine Stunde Fahrt ist eine hohe Hürde. Am nächsten morgen wurde Wilma dann mit einem Rettungswagen nach Schwerin gebracht, gerade noch rechtzeitig.

Todesfall eines Kleinkindes wirft Fragen auf

Die Kinderstation im Krankenhaus Parchim wurde von Asklepios offenbar auch schon vor der Schließung der Kinderstation vernachlässigt.  Im März 2019 verstarb ein zweijähriges Mädchen an einer Lungenentzündung, weil die Ärzte, die damals Dienst hatten, die Lungenentzündung nicht rechtzeitig erkannt und behandelt haben.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin ermittelt. Denn der Tod des Kindes wäre laut einem Gutachten der Staatsanwaltschaft vermeidbar gewesen: "Eine rechtzeitige antibiotische Therapie hätte einen tödlichen Verlauf verhindern können", heißt es wörtlich.

"Das ist gesetzlich nicht zulässig"

Erst durch Kontraste-Recherchen wird deutlich: Auf der Station war zum damaligen Zeitpunkt ein Assistenzarzt im ersten Ausbildungsjahr. Für den sogenannten Hintergrunddienst hatte Asklepios einen ebenfalls noch jungen, fachfremden Arzt eingeteilt - und keinen Facharzt für Kindermedizin.

Ein klarer Rechtsbruch, urteilt Crusius. "Das ist gesetzlich nicht zulässig. Der Assistenzarzt muss einen Hintergrunddienst haben, der dem gleichen Fachgebiet entspringt, das muss ein Facharzt für Kindermedizin sein", sagt er. Crusius will wegen "Organisationsverschulden" nun Strafanzeige gegen den Geschäftsführer der Klinik erstatten.

Verdacht auf Lungenentzündung

Asklepios erklärte auf Anfrage, der junge, fachfremde Arzt habe über eine "mehrjährige pädiatrische Expertise" verfügt. Doch auf Anfrage wollte der Konzern diese Angabe nicht konkreter ausführen. Außerdem schreibt Asklepios, das Kind sei gar nicht mit der Diagnose einer Lungenentzündung eingewiesen worden, sondern wegen einer "obstruktiven Bronchitis".

Doch auch das trifft so nicht zu: Die Kinderärztin hatte die Einweisung noch handschriftlich mit "Pneumonie" und zwei Fragezeichen ergänzt - also Verdacht auf Lungenentzündung.

Dieses Thema sehen Sie heute in der ARD-Dokumentation "Markt macht Medizin" um 22.00 Uhr bei Exklusiv im Ersten.

Über dieses Thema berichtete Exklusiv im Ersten mit der Dokumentation "Markt macht Medizin" am 20. Juli 2020 um 22:00 Uhr.

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