Klassenzimmer mit Maske auf einem Tisch | Bildquelle: picture alliance / Eibner-Presse

Corona und Schulen Regelunterricht geht vorerst weiter

Stand: 23.10.2020 16:56 Uhr

Die Kultusminister setzen den Regelunterricht an Schulen vorerst fort - trotz wachsender Bedenken von Fachleuten und Verbänden. Das RKI bedauerte, dass sich die Länder weiter nicht an alle Empfehlungen des Instituts halten.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de, und Andrej Reisin, NDR

Angesichts des massiven Anstiegs der Corona-Neuinfektionen hat die Kultusministerkonferenz (KMK) in einer Videoschalte erneut über die Lage an den Schulen diskutiert. Über den Inhalt wurde nichts bekannt: Da nicht alle Länder an dem Gespräch teilnahmen, soll am Montag über einen Beschluss weiter beraten werden. Danach sei eine Information der Öffentlichkeit geplant.

KMK und Bundesregierung betonten bislang immer wieder, dass flächendeckende Schulschließungen wie im Frühjahr unbedingt vermieden werden sollten, dies habe "oberste Priorität". Allerdings werden die Zweifel, dass die getroffenen Maßnahmen für die Schulen angesichts der steigenden Infektionszahlen ausreichen, immer lauter. RKI-Chef Lothar Wieler betonte am Donnerstag die Bedeutung der Empfehlungen des Instituts für die Schulen. Diese würden nach besten Wissen und Gewissen erstellt, sagte Wieler auf die Frage von tagesschau.de. Er bedauere, dass kein Bundesland die Empfehlungen vollständig umsetze.

Das RKI empfiehlt ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 Fällen pro 100.000 Einwohnern eine erweiterte Maskenpflicht im Unterricht - und ab 50 Fällen, Schulkassen aufzuteilen. Doch dies geschieht bislang kaum - obgleich die Werte oft deutlich über 50 oder sogar 100 liegen. Gewerkschaften sowie Lehrer- und Elternverbände kritisieren, die Kultusminister hätten den Sommer nicht genutzt, um verschiedene Szenarien für die Schulen vorzubereiten.

"Bereits Hunderte Ausbrüche"

RKI-Chef Wieler sagte, man habe bereits mehrere hundert Ausbrüche in Schulen gesehen. Zwar seien die Schulen bislang kein "Treiber" der Corona-Pandemie, so wie sie es beispielsweise bei Influenza-Wellen eindeutig der Fall sei. Aber es sei klar, so Wieler, dass bei mehr Infektionen insgesamt auch mehr Fälle in den Schulen auftreten würden. Daher sei es aus Sicht des RKI sehr wichtig, die Empfehlungen einzuhalten.

Wieler empfahl generell, Situationen zu vermeiden, in denen Personen miteinander interagieren. Daher seien beispielsweise Busse und Bahnen nach bisherigen Erkenntnissen kein Ort, an dem sich viele Menschen anstecken, weil die meisten Passagiere nicht miteinander sprechen, sondern beispielsweise lesen oder Podcasts hören. In Schulen interagieren aber zahlreiche Menschen miteinander - und dies über eine längere Zeit.

Hans-Peter Meidinger, Präsident des deutschen Lehrerverbands, zur Umsetzung der Corona-Maßnahmen in Schulen
tagesthemen 22:35 Uhr, 20.10.2020

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Viele Infektionen können nicht mehr nachverfolgt werden

Ohnehin ist nicht eindeutig klar, welche Rolle die Schulen in der Pandemie tatsächlich spielen. Die Kultusminister betonen zwar, es habe bislang kaum größere Ausbrüche in Schulen gegeben. Allerdings zeigen beispielsweise Zahlen aus Hamburg, dass eine relevante Zahl von Schülerinnen und Schüler betroffen sind. Auf Anfrage von tagesschau.de teilte der Senat mit, dass "seit Schuljahresbeginn am 6. August insgesamt 533 Covid-19-Infektionen an 186 Schulen gemeldet wurden, davon 447 Schülerinnen und Schüler sowie 86 Schulbeschäftigte (Stand 20.10.2020)." Damit stehen rund 40 Prozent aller Hamburger Schulen zumindest mit einem Infektionsgeschehen in Zusammenhang, auch wenn dieses nach Angaben des Senats dort nicht seinen Ursprung hatte. So sei in 183 Fällen die Schule nicht der Ursprung der Infektion gewesen, teilte die Stadt mit.

Allerdings lässt sich in vielen Fällen gar nicht nachvollziehen, wo sich Menschen angesteckt hatten. Wieso dies bei infizierten Schülern und Lehrern in nahezu allen Fällen möglich gewesen sei, teilte der Senat auf Anfrage bislang nicht mit. Hamburg hatte am 6. August insgesamt rund 5400 gemeldete Corona-Infektionen, bis zum 20. Oktober waren es 10.205. Neu hinzugekommen sind also 4800. Davon stehen demnach 533 oder gut elf Prozent zumindest in einem Zusammenhang mit Schulen - unabhängig davon, ob dies der ursprüngliche Infektionsort war.

Debatte über Schulen als "Treiber"

Zahlen und Untersuchungen aus anderen Staaten legen nahe, dass Schulen bei dem Infektionsgeschehen dort mutmaßlich ein relevanter Faktor sind: In Großbritannien gab es nach Wiederöffnung der Schulen Ende August innerhalb von vier Wochen 252 sogenannte Cluster mit mehr als zwei Fällen an weiterführenden Schulen und 216 an Grundschulen. In Frankreich, dessen Gesundheitsministerium Schulen und Universitäten zusammenfasst, wurden zum Zeitpunkt des jüngsten Berichts am 15. Oktober 376 aktive Cluster in diesem Bereich von den Behörden untersucht, mit insgesamt 12.596 Infizierten - die mit Abstand größte Zahl aller untersuchten Kategorien, noch vor Ausbrüchen in Altenheimen und Krankenhäusern.

In Israel spricht ein nun publizierter Bericht des Gesundheitsministeriums von Schulen als "Treiber der Pandemie". Demnach waren Kinder sogar sogenannte "Super-Spreader": Während 51 bis 70 Prozent milde oder keine Symptome gehabt hätten, sei in 17 untersuchten Fällen dennoch nachgewiesen worden, dass jeweils mehr als zehn andere Kinder angesteckt worden seien. Der Bericht ist allerdings umstritten, mehrere israelische Forscher widersprachen mit dem Argument, dass nicht bewiesen sei, ob die Kinder von Erwachsenen infiziert worden seien - oder umgekehrt.

Testungen gefordert

Doch genau diese Unsicherheit ist Teil des Problems. Fachleute schlagen daher vor, mehr an Schulen zu testen. Isabella Eckerle - eine deutsche Virologin, die in Genf lehrt und forscht - meint, es gehe nicht um "Treiber", "Superspreader" oder Schulen als "Hotspots", sondern darum, wissenschaftlich erfassen und beurteilen zu können, in welchem Maße junge Menschen infiziert und ansteckend seien - und unter welchen realen Bedingungen Übertragungen stattfinden. Ohne solche Daten, so Eckerle, sei ein effizientes und sicheres Funktionieren von Schulen gar nicht möglich.

Die deutsche Gesellschaft für Virologie warnte bereits zum Ende der Sommerferien, dass "Fälle bei Kindern in der Anfangsphase der Pandemie übersehen worden" sein könnten, "da vor allem bei Symptomatik getestet wurde". Kinder hätten aber eine mit Erwachsenen vergleichbare Viruslast. Studien zeigten, "dass Kinder etwa gleich häufig infiziert waren wie Erwachsene", wobei "die Häufigkeit einer von Kindern ausgehenden Übertragung unklar bleibt". Beispiele von SARS-CoV-2-Clustern an Schulen in Israel und Australien untermauerten das Risiko von Ausbruchsgeschehen im Bildungsbereich, so die Experten.

Sie empfahlen daher - genau wie das RKI - räumliche Distanzierung, Klassenteilungen und konsequentes Maskentragen. Empfehlungen, die die Kultusministerkonferenz und Bundesländer bis heute nicht vollständig umsetzen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Oktober 2020 um 17:15 Uhr.

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