Hessen, Fulda: Die Statue des heiligen Bonifatius steht vor einem regenschweren Himmel. | dpa
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Katholische Kirche Neue Dimension im Missbrauchsskandal?

Stand: 10.08.2021 16:30 Uhr

Ehemalige Heimbewohner erheben neue Vorwürfe gegen die Katholische Kirche in Bayern. Nach Recherchen von Report München gibt es Hinweise auf rituellen Missbrauch und Täter-Netzwerke.

Von Ulrich Hagmann, Gabriele Knetsch und Sebastian Kemnitzer, BR

Offen, vor der Kamera, haben Martha Stark und Ferdinand Schönau noch nie über ihre Geschichte gesprochen. Sie heißen in Wirklichkeit ganz anders; ihre Namen wurden zu ihrem Schutz geändert. Beide wuchsen in den 1960er- und 1970er-Jahren in Heimen in Bayern auf und erlebten dort Schlimmstes. Vielfach seien sie erniedrigt und vergewaltigt worden, durch Erzieher und durch Geistliche.

Einer der Tatorte: die Sakristei in der alten Pfarrkirche in Feldafing, einem kleinen Ort am Starnberger See im Süden von München. Dort seien sie vom inzwischen verstorbenen Dorfpfarrer vergewaltigt worden. Ein weiterer Betroffener, der ebenfalls im Heim in Feldafing als Kind gewesen ist, berichtet von rituellem Missbrauch, bei dem mehrere Personen beteiligt gewesen seien. Report München liegen mehrere Zeugenaussagen ehemaliger Heimkinder vor, die allesamt von rituellem Missbrauch berichten. Verschiedene Tatorte werden dabei genannt.

Immer wieder ritueller Missbrauch

Susanne Seßler von der Hilfsorganisation "Weißer Ring" betreut zwei dieser Betroffenen und hält die Aussagen für glaubhaft. Sie werde bei ihrer Arbeit immer wieder mit rituellem Missbrauch konfrontiert. "Da waren immer wieder diese Fälle dabei. Und diese schwersttraumatisierten Menschen, die das erlebt haben, in Heimen, oder in Sekten, aber eben auch leider in katholischen Heimen."

Ehemalige Heimkinder sprechen in ihren Aussagen auch davon, dass sie zum Missbrauch weitergereicht wurden. "Da wurden wir halt ausgesucht. Wie das Obst. Der und der. Den mag ich." Dann hieß es: "'Komm, ich zeige Dir was Schönes.' Wir haben gewusst, was auf uns zukommt, das war schon klar."

Kann es beispielsweise rund um den Starnberger See Täternetzwerke gegeben haben? Der weltweit renommierte Psychologe Jan Kizilhan hält die Aussagen der Betroffenen für glaubhaft. "Für mich sind die Orte, in denen ein Missbrauch möglicherweise stattgefunden hat, wichtig, diese werden wiedergegeben. Die Art des Missbrauchs, wie sie missbraucht worden sind, wird sehr konkret und sehr im Detail wiedergegeben." Jedoch gibt es kaum schriftliche Belege. Sehr viele der Taten sind verjährt, die allermeisten Täter tot.

Experte in Rom hält Vorwürfe für plausibel

Einer der wichtigsten Experten in der katholischen Kirche zum Thema Missbrauch ist Professor Peter Beer. Seit 2019 lehrt er an der päpstlichen Universität Gregoriana, davor war er Generalvikar der Erzdiözese München-Freising. Er war dort für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zuständig, die neuen Vorwürfe hält er für plausibel:

Am Anfang, ich erinnere mich noch, als ich Generalvikar in München war, als die Missbrauchsfälle bekannt wurden, war nicht jeder einverstanden, ob das jetzt Priester waren oder Laiengremien waren. Es war nicht jeder einverstanden, sich mit Missbräuchen zu beschäftigen. Es war immer die Meinung, ja, das sind Einzelfälle, das kann ja mal passieren. Das ist zwar schlimm, aber das ist doch nicht die Kirche. Und allmählich wurde klar: Es sind eben nicht nur irgendwelche kleinen Einzelfälle, sondern es sind gravierende Fälle in einer Zahl, die absolut inakzeptabel sind und die auch darauf hinweisen, dass es hier systemische Gründe geben muss.

In der so genannten MHG-Studie aus dem Jahr 2018 wurden 1670 Kleriker des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, 3677 Kinder und Jugendliche waren von sexuellem Missbrauch betroffen. Und immer wieder melden sich Betroffene, die jahrzehntelang geschwiegen haben. Darunter ein Mann in Unterfranken, der Mitte der 1950er-Jahre in einem Heim in Würzburg gelebt hatte. Er erhebt Vorwürfe gegenüber einem Pater, der ihn sexuell missbraucht haben soll. "Man bekam zur Begrüßung erst einmal einen Kuss von dem bärtigen Mann auf den Mund. Ich saß auf dem Schoß, der Pater wurde immer unruhiger. Irgendwie waren seine Hände überall."

Auf Anfrage teilt das Bistum Würzburg mit, eine umfassende Aufarbeitung sei unumgänglich.

Über dieses Thema berichtet Report München am 10. August ab 22:00 Uhr im Ersten.