Impfstoffe von BioNTech, Moderna und AstraZeneca | REUTERS
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Impfstoffmengen Deutlich weniger Moderna als erwartet

Stand: 16.12.2021 16:11 Uhr

Deutschland hat laut Daten des Bundesgesundheitsministeriums deutlich weniger Moderna-Impfstoff erhalten als ursprünglich erwartet. Bislang kann das Ministerium die fehlenden Mengen nicht erklären.

Von Andrej Reisin, NDR

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) stellt auf seiner Informations-Webseite zu den Schutzimpfungen gegen Covid-19 zahlreiche Daten zur Verfügung, die die Auslieferung der Impfstoffe dokumentieren sollen. Darunter auch eine Tabelle, die die Impfstoff-Liefermengen für das gesamte Jahr 2021 auflistet. Das Dokument wird permanent aktualisiert und das Ministerium weist daraufhin, dass es sich bei den in der Zukunft liegenden Mengen um Prognosen handelt, die mit Unsicherheiten behaftet sind.

Andrej Reisin

"Mindestens 78 Millionen" Moderna-Dosen

Vergleicht man die Prognosen der Vergangenheit jedoch mit den tatsächlichen Liefermengen, so stellt man Abweichungen und Änderungen in einem erklärungsbedürftigen Umfang fest. Vor allem die gelieferten Mengen des Impfstoffs von Moderna weichen erheblich von den bestellten Mengen ab. So erwartete das Ministerium Anfang des Jahres "mindestens 78 Millionen" Dosen von Moderna. Diese Zahl wurde im Laufe des zweiten Quartals sogar auf 88,5 Millionen Dosen nach oben korrigiert, so das Ministerium in seiner Tabelle mit Stand vom 22. Juni.

Auffällig ist dabei, dass die tatsächlich gelieferten Mengen erheblich geringer ausfielen, als bei einer gleichmäßigen Verteilung über das ganze Jahr zu erwarten wäre. Das Ministerium begründete dies in seiner Tabelle zum Teil damit, dass Deutschland zugunsten anderer EU-Staaten teilweise auf seine Lieferungen verzichtet hat.

Nur 8,2 Millionen Dosen im ersten Halbjahr

Tatsächlich erhielt Deutschland im ersten Halbjahr bis einschließlich Juni gerade einmal 8,2 Millionen Dosen von Moderna - 1,8 Millionen im ersten und 6,4 Millionen im zweiten Quartal. Um auf eine Gesamtmenge von 78 oder gar 88,5 Millionen Dosen zu kommen, hätte sich die Liefermenge im zweiten Halbjahr also drastisch erhöhen müssen. Und so wurde es auch vom BMG prognostiziert: Man erwartete Ende Juni die Lieferung von 30 Millionen Moderna-Dosen für das dritte und 50 Millionen im vierten Quartal. Doch tatsächlich geliefert wurden bis Ende des dritten Quartals im September lediglich 6,63 Millionen.

Nun behauptete das BMG in seiner Tabelle vom 7. Oktober, die restlichen Lieferungen seien an andere EU-Staaten gegangen und würden im vierten Quartal nachgeholt. Demnach hätte sich die Liefermenge für das vierte Quartal aber auf mehr als 70 Millionen Dosen erhöhen müssen, nämlich 24 fehlende Millionen aus dem dritten, plus die prognostizierten knapp 50 Millionen aus dem vierten Quartal.

Tatsächlich ging das Ministerium laut derselben Tabelle, die die "Nachholung" im vierten Quartal behauptete, von immerhin 59,7 Millionen zu liefernder Dosen allein für das vierte Quartal aus. Das hätte bedeutet, dass Deutschland pro Woche ca. 4,5 Millionen Dosen Moderna erhält.

Liefermengen immer weiter verschoben

Doch erneut wurden diese Mengen bislang in keiner Weise erreicht. Am 18. November bilanzierte das BMG, dass im gesamten Oktober nur 5,7 Millionen Dosen geliefert wurden. Die Gesamtprognose für das letzte Quartal wurde nun auf 47,2 Millionen nach unten korrigiert. Auch letzteres wurde rechnerisch allerdings nur erreicht, weil man die zu erwartende Liefermenge am Jahresende auf über 7,2 Millionen Dosen pro Woche nach oben setzte.

Doch auch diese Prognose wurde bislang verfehlt: Mit dem aktuellen Stand vom 10. Dezember geht das Ministerium gerade noch von 27,7 Millionen gelieferter Dosen im letzten Quartal aus - dies allerdings auch nur unter der Voraussetzung, dass zumindest in der laufenden Kalenderwoche (50) wirklich 7,2 Millionen Dosen geliefert werden - was bislang nie der Fall war.

Bis Ende des Jahres nur 43 Millionen Dosen geliefert

Blickt man auf das gesamte Jahr zurück, so wird Deutschland von ursprünglich einmal "mindestens 78 Millionen" oder zwischenzeitlich gar 88,5 Millionen bestellten Moderna-Dosen maximal rund 43 Millionen tatsächlich erhalten haben - eine Abweichung von gut 50 Prozent - sofern man mit 88,5 Millionen gerechnet hat. An Impfzentren, Arztpraxen und andere Impfdienste ausgeliefert wurden davon laut BMG bislang sogar nur knapp 20 Millionen Dosen.

Riesige Spende an Covax als Erklärung?

Einen Teil dieser Abweichung "erklärt" das Ministerium neuerdings damit, dass angeblich im Oktober/November sage und schreibe 32 Millionen Dosen an die Covax-Initiative der WHO zur weltweiten Impfstoffverteilung an ärmere Länder gespendet worden sein sollen. Dieser Wert taucht auf einmal am 10. Dezember völlig neu in der Tabelle auf, wo er vorher nie erwähnt wurde.

Parallel dazu vermeldete das Auswärtige Amt am 15. Dezember, Deutschland spende 2021 insgesamt mehr als 100 Millionen Dosen an Covax. Darin enthalten sind die 32 Millionen Dosen von Moderna. Ausgeliefert wurden bislang von den vermeintlich 100 Millionen Dosen laut BMG aber lediglich 20,1 Millionen - ausschließlich von AstraZeneca und Johnson & Johnson.

Diese Angabe findet sich seit dem 24. November plötzlich auch in der überarbeiteten Spendentabelle des BMG, wo sie zuvor nie erwähnt wurde. Noch mit Stand vom 9. November bleibt die Moderna-Großspende, die alle bisherigen deutschen Covax-Spenden weit übertrifft, unerwähnt. Die Abgabe einer derart großen Impfstoffmenge an andere Länder im Oktober und November mitten im Aufbau der vierten Corona-Welle durch die Delta-Variante würde allerdings erhebliche Fragen aufwerfen. Die Verantwortung dafür trüge Jens Spahn, der Amtsvorgänger von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach.

Andere Hersteller erfüllen Lieferprognosen weitgehend

Bei anderen Herstellern ist die Abweichung weniger drastisch: Auf die Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson verzichtete Deutschland aufgrund ihrer vergleichweise schlechteren Wirkung und Beliebtheit im Laufe des Jahres ohnehin.

BioNTech lieferte von ursprünglich 130 Millionen avisierten Dosen immerhin rund 120 Millionen. Auch hier behauptet das BMG seit dem 10. Dezember auf einmal, die restlichen zehn Millionen Dosen seien im "Oktober/November" an Covax gegangen - auch hier ist bislang laut Ministerium keine Auslieferung erfolgt.

Das Bundesgesundheitsministerium konnte auf Anfrage von tagesschau.de keine der gestellten Fragen in diesem Zusammenhang beantworten. Ein Sprecher bat um Verständnis, "dass wir im Moment noch keine vollumfängliche Auskunft geben können". Auch auf der Pressekonferenz von Gesundheitsminister Lauterbach am Donnerstag kam das Thema nicht zur Sprache.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Dezember 2021 um 16:00 Uhr.