Auf Plakaten, die bei einer Anti-Corona-Demo in Berlin hochgehalten werden, sind Politiker und der Virologe Drosten abgedruckt. | dpa

Wissenschaftsfeindlichkeit Corona-Krise sorgt für neue Hass-Welle

Stand: 19.02.2021 20:00 Uhr

Im Zuge der extrem polarisierten Diskussion um die Corona-Maßnahmen nehmen Hass und Hetze gegen Wissenschaftler und Politiker zu. Experten fordern mehr Hilfe von Behörden.

Von Andrej Reisin, NDR

Der Hass greift um sich: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach musste am Freitag via Twitter seinen geplanten Dienst in einem Leverkusener Impfzentrum absagen. "Leider hat es schon im Vorfeld so viele angekündigte Proteste gegen das Leverkusener Impfzentrum gegeben, dass ich den Start erst einmal absagen muss. Polizei und Sicherheitsbehörden sahen Gefährdung", so Lauterbach.

Andrej Reisin

Lauterbach hatte kürzlich bereits darauf aufmerksam gemacht, dass "eine Hasswelle" über ihn hinweg rolle, von der er sich aber nicht einschüchtern lasse. Er wisse aber von Wissenschaftlern, die sich nach Drohungen weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hätten.

Attacken auf bekannte Personen nehmen zu

Immer wieder ist seit Beginn der Corona-Pandemie zu beobachten, dass besonders öffentlich exponierte Vertreterinnen und Vertreter von Forschung und Politik im Zentrum von Hass-Attacken stehen. Um allgegenwärtige Virologen wie Christian Drosten oder Hendrick Streeck haben sich ganze Lager von Anhängerinnen und Gegnern gebildet, die sich gegenseitig zum Teil aufs Schärfste bekämpfen.

So hat sich auf Twitter zum Beispiel der Hashtag #SterbenMitStreeck etabliert, der Streeck für den Tod von Menschen verantwortlich macht, weil er harte Lockdowns ablehnt. Umgekehrt tragen Corona-Leugner auf Demonstrationen T-Shirts mit Drostens Konterfei im Fadenkreuz.

Wissenschaft schon länger im Visier

Die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky von der Universität München erklärt im Gespräch mit tagesschau.de, dass es sich dabei nicht um ein neues Phänomen handle. Forscherinnen und Forscher in bestimmten Disziplinen würden seit Jahren bedroht und beschimpft. Wer sich zum Beispiel mit Geschlechter- oder Migrationsforschung befasse, müsse damit rechnen, früher oder später Ziel von orchestrierten Angriffen zu werden. Auch Klimaforscher stünden häufig im Zentrum von Angriffen.

So wurde zum Beispiel der Soziologin Anna-Katharina Meßmer, die bei Villa Braslavsky promoviert hat, vorgeworfen, ihre Dissertation über Intimoperationen verharmlose gewaltsame Genitalverstümmelungen - einen Vorwurf, den sie selbst unter Verweis auf ihre Publikationen vehement bestreitet. Dennoch sah sie sich im Zuge der Debatte massiven Anfeindungen ausgesetzt, die in Social-Media-Kommentaren mündeten, die ihr selbst eine Genitalverstümmelung wünschten:

Wir sollten ihr mal mit einer solchen unsterilen Klinge, wie sie dort im Busch Verwendung findet, ohne Betäubung alles unten abschneiden, bin sehr gespannt, ob sie das dann immer noch so klasse findet … natürlich ohne Zugang danach zu hiesigen Antibiotics. Wenn schon, richtig.

Die Staatsanwaltschaft erkannte in diesem Post weder eine Beleidigung noch eine Bedrohung und stellte das Verfahren ein. Da Meßmer zu einem umstrittenen Thema publiziere, sei die Aussage "eine noch zulässige Meinungsäußerung".

"Unsicherheitskommunikation" überfordert viele

Dennoch ist aus Villa Braslavskys Sicht keine "generelle Wissenschaftsfeindlichkeit" festzustellen. Es gebe viel mehr eine "sehr laute Minderheit", die eine populistische Erzählung verbreite: "Wissenschaft lässt sich eben leicht verbinden mit globalen Eliten, mit Elfenbeinturm, mit Machenschaften, die angeblich zu einer Unterdrückung der allgemeinen Bevölkerung führen." Eine ähnliche Erzählung einer globalen Verschwörung weise der moderne Antisemitismus auf, der eng mit solchen Vorstellungen verwandt sei. "Insofern ist das alles nicht völlig neu", so Villa Braslavsky, "aber es hat im Zuge der Krise eine besondere Dynamik bekommen, die man sich sehr genau anschauen muss."

Momentan spitzten sich die Probleme durch die globale Krise aber zu: "Wissenschaft ist eben nicht neutral und im naiven Sinne objektiv, sondern immer kontrovers. Es gibt immer wieder verschiedene Interpretationen, Forschungsansätze, Kenntnisstände, Disziplinen, Ergebnisse." Dass auch innerfachliche Kontroverse das gute Wissenschaft ausmache, sei aber momentan aber kaum zu vermitteln.

Die Wissenschaft muss die ganze Zeit sagen, dass wir vieles einfach noch nicht genau wissen. Diese Unsicherheitskommunikation, verbunden mit einschneidenden Maßnahmen auf der einen, aber auch einem potenziell tödlichen Virus auf der anderen Seite, ist eine enorme Herausforderung und auch Überforderung in einem so polarisierten gesellschaftlichen Diskurs.

"Digitale Zivilcourage" gefordert

Diese Beobachtung teilt auch die Sozialpsychologin Pia Lamberty, die zu Verschwörungsidelogien forscht: Sie macht gegenüber tagesschau.de darauf aufmerksam, dass "25 bis 30 Prozent der Bevölkerung zu Verschwörungsdenken neigen. Im Zuge der Krise haben sich hier bestehende Netzwerke verfestigt und neue gebildet. Sie können sich auch neue Ziele suchen, wenn die Pandemie irgendwann weniger akut ist."

Die Reaktion der Behörden, aber auch der Gesellschaft sei noch immer unzureichend, so Lamberty: "Oftmals erleben wir, dass Opfern nicht geholfen wird. Manchmal verstehen die Behörden nicht, wovon die Rede ist - oder sie erkennen die reale Gefahr nicht, die von Online-Hass ausgeht, wie zum Beispiel beim Attentäter von Hanau." Es brauche mehr staatliche Entschlossenheit, aber auch die "digitale Zivilcourage jeder und jedes einzelnen, sich gegen Hass zu wenden - auch im Netz".

Über dieses Thema berichtete der NDR am 16. September 2019 um 22:00 Uhr in der Doku-Reihe "45 Min" sowie die tagesschau am 18. Juni 2020 um 20:00 Uhr.