Silhouetten von Computernutzern vor einem YouTube-Logo | Bildquelle: REUTERS

Nach Pädophilie-Skandal Kinder auf YouTube weiter manipuliert

Stand: 23.10.2019 17:31 Uhr

Recherchen des funk-Formats follow me.reports zeigen, dass potenziell pädophile User auf YouTube Kinder weiter manipulieren. Sie vernetzen sich auf Hunderten Kanälen und legen Playlists mit Tausenden Videos an.

User nutzen YouTube noch immer als Plattform zur Vernetzung, um Kinder zu manipulieren und entsprechende Videos zu teilen. Journalistinnen und Journalisten des funk-Formats follow me.reports haben rund 300 Kanäle mit potentiell pädophilem Hintergrund identifiziert. Die Nutzer verabreden sich auf YouTube zum Video- und Link-Tausch, suchen Kontakt zu Kindern oder stellen Playlists mit expliziten Kindervideos zusammen.

Kinder werden gezielt manipuliert und animiert, sich auszuziehen oder vor der Kamera zu tanzen. Manche drehen Nacktvideos von sich, die bereits wenige Stunden nach Upload in einschlägigen Playlists landen und so innerhalb weniger Tage Tausende Male angeklickt werden.

Tausende Kinder betroffen - auch deutsche

In den Videos tauchen Tausende, auch deutsche, Kinder auf. So wird ein Junge dazu verleitet, sich fesseln und sich den Mund zukleben zu lassen. Ein Mädchen wird in einem Livestream animiert, sich mit Rasierschaum einzuschmieren. Das betreffende Video hat derzeit über 75.000 Aufrufe.  Insgesamt wurden etwa 50 betroffene deutsche Kinder im Rahmen der Recherche entdeckt - wahrscheinlich sind es viele mehr.

Eltern ahnen oft nichts davon. Manche wissen nicht einmal, dass ihre Kinder einen YouTube-Kanal betreiben und dort Videos von sich veröffentlichen. Von follow me.reports kontaktierte Eltern reagierten erschüttert. Eine betroffene Familie, deren Tochter via Livestream manipuliert wurde, hat inzwischen nach eigenen Angaben Anzeige erstattet.

Seit 2016 Anstieg hochsexualisierter Videos von Kindern

"Wir beobachten seit 2016 einen stetigen Anstieg an selbstgefertigten Schriften von Kindern, die hochgradig sexualisiert sind, die auch hier als Pornografie einzuschätzen sind", so die Frankfurter Staatsanwältin Andrea Güde, die auf Fälle von Kinderpornographie spezialisiert ist. "Wobei sich für uns sich immer die Frage stellt: Hat das Kind das jetzt aus Spaß gemacht? Oder steht da jemand hinter, der das Kind dazu angewiesen hat?"

Viele der Videos auf YouTube, die bei der Recherche entdeckt wurden, bewegen sich laut Güde in einem Grenzbereich. Um als Kinderpornographie bewertet zu werden, seien sie nicht explizit genug. Das mache es schwer, strafrechtlich dagegen vorzugehen.

Besser stehen die Chancen der Strafverfolgung bei eindeutigen Manipulationen, wenn Kinder beispielsweise animiert werden, sich auszuziehen oder sexualisierte Posen einzunehmen.

Seit Längerem Pädophilie-Vorwürfe gegen YouTube

YouTube wird seit Längerem mit Vorwürfen konfrontiert, die Plattform fördere pädophile Inhalte. Anfang des Jahres wurde publik, dass der YouTube-Algorithmus pädophilen Nutzer vermehrt Videos von Kindern in knapper Kleidung ausspielt - und dass Pädophile die Plattform nutzen, um sich zu vernetzen. 

Daraufhin hatte YouTube Änderungen am Vorschlagsalgorithmus angekündigt. Die Recherchen zeigen jedoch, das YouTube weiterhin als Plattform genutzt wird. Durch Playlists haben User eine Infrastruktur geschaffen, die ihnen eine Vernetzung abseits der Videovorschläge ermöglicht.

funk Schwerpunkt

Die Recherche von follow me.reports ist Teil eines Schwerpunkts zu YouTube von funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF für 14- bis 29-Jährige. Weitere Recherchen drehen sich um die YouTube Guidelines, Tierquälerei auf YouTube oder die Werbeerlöse der Plattform. Alle Videos dazu finden sich in dieser Playlist.

YouTube hatte außerdem angekündigt, Kommentare unter Videos von Kindern zu deaktivieren und Livestreams von Kindern nur zu erlauben, wenn ein Erwachsener dabei ist. Tatsächlich sind die Kommentare unter vielen Kindervideos aber weiterhin an. So ist es Nutzern nach wie vor möglich, Kinder durch Kommentare zu beeinflussen.

YouTube gibt an, maschinelles Lernen zusammen mit dem verstärkten Einsatz von menschlichen Prüfern zu nutzen, um potenziell riskante Videos zu erkennen. Man "arbeite ständig daran, dieses System zu verbessern". Nach der Konfrontation hat YouTube einige Videos und Playlists gelöscht. Viele einschlägige Playlists existieren aber weiterhin - genauso wie die Kanäle, die diese Playlists erstellt haben. 

YouTube: Plattform nicht für Kinder

In Deutschland liegt das Mindestalter für YouTube bei 16 Jahren. YouTube schreibt selbst, die Plattform sei nie für Kinder unter 13 Jahren gedacht gewesen. Auf die Frage, wie sichergestellt werde, dass sich keine Kinder unter 13 anmelden, entgegnet YouTube: "Wenn wir entdecken, dass YouTube-Konten von Kindern angelegt wurden, schließen wir sie. Im Rahmen dieses Prozesses werden Tausende von Konten pro Woche geschlossen."

Doch die betroffenen Kinder, die bei den Recherchen identifiziert wurden, waren jünger, einige noch keine zehn Jahre alt.  Für Kinder ist es einfach, sich auf YouTube mit falscher Altersangabe anzumelden - eine effektive Altersverifikation existiert nicht, wie Recherchen des funk Formats WALULIS beweisen.

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