Eine Frau geht an einem Büro der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY vorbei. | AFP
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Wirecard-Skandal Die zweifelhafte Rolle von EY Law

Stand: 04.08.2021 05:01 Uhr

Die Rechtsberatung EY Law hat nach BR-Recherchen bei dubiosen Firmenübernahmen durch Wirecard mitgewirkt. Der Wirtschaftsprüfer EY winkte die Bilanzen durch. Experten zweifeln nun dessen Unabhängigkeit an.

Von Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule, BR

Ende 2014 - Wirecard ist voll auf Wachstumskurs. Am 11. Dezember verschickt der Zahlungsdienstleister eine Pressemitteilung, in der Vorstandschef Markus Braun frohlockt, das Unternehmen stärke seine "Position in Neuseeland, Australien sowie Südostasien". Wirecard habe für 30 Millionen Euro eine Firma namens GFG Group in Neuseeland übernommen.

Was der Aschheimer Konzern verschweigt: Für die Firma GFG Group selbst hat Wirecard nur fünf Millionen Euro bezahlt. Das neuseeländische Unternehmen hat am gleichen Tag allerdings für 25 Millionen Euro angebliche "Kundenbeziehungen" erworben - von einer Briefkastenfirma in Hongkong. Damit steigt der Wert der GFG Group schlagartig von fünf auf 30 Millionen Euro.

Das komplizierte Geschäft hat Wirecard über mehrere, hintereinander geschaltete Verträge abgewickelt. Zahlreiche Unterlagen, die BR Recherche vorliegen, zeigen: Aufgesetzt haben die Verträge Rechtsanwälte der Ernst & Young Law GmbH, kurz EY Law. Die Anwälte haben zudem die Abwicklung der Firmenübernahme überwacht.

Interessenkonflikt bei EY?

Nach BR-Informationen hat EY Law zwischen 2011 und 2015 bei sechs Firmenübernahmen durch Wirecard mitgewirkt. Neben der GFG Group aus Neuseeland erwarb Wirecard dabei Firmen in Asien. Die Kaufpreise summierten sich auf 264 Millionen Euro. EY Law spielte bei der Expansion Wirecards in den asiatischen Raum insofern eine wichtige Rolle.

EY Law ist nach eigenen Angaben "eine eigenständige Rechtsanwaltskanzlei und gleichzeitig Teil der globalen Organisation von EY", zu der auch die deutsche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von EY gehört. Die hat die Bilanzen des Skandalunternehmens Wirecard seit 2009 geprüft und regelmäßig ohne Einschränkung testiert. Die beteiligten Anwälte von EY Law arbeiteten in der Münchner Arnulfstraße - im selben Haus wie die EY-Wirtschaftsprüfer.

Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sieht einen möglichen Interessenkonflikt bei den Prüfern, der "vielleicht ein Grund gewesen sein könnte, dass man hier nicht genau hingeschaut hat."

Auf Anfrage erklärt die Pressestelle von EY, die auch für EY Law spricht, man habe sich jederzeit an die Gesetzeslage gehalten: "Zweifel an der Unabhängigkeit der Prüfer im Fall Wirecard weist EY entschieden zurück."

Mit dubiosen Firmenübernahmen Bilanzen aufgebläht

Drei Firmenkäufe, bei denen EY Law für Wirecard die Verträge aufgesetzt hat, sind besonders auffällig: Neben der GFG Group waren dies die Übernahmen von zwei indonesischen Unternehmen namens PT Prima Vista Solusi und PT Aprisma. In allen drei Fällen hatten die übernommenen Firmen kurz zuvor Kundenportfolios erworben - und zwar von Briefkastenfirmen mit Sitz auf den British Virgin Islands, in Panama und Hongkong.

Was die Kundenportfolios der Briefkastenfirmen wert waren, haben Wirtschaftsprüfer der Kanzlei Baker Tilly im Auftrag von Wirecard ermittelt. BR Recherche liegen die Berichte vor. Sie zeigen: Bei zwei der drei Firmenübernahmen hat Wirecard Portfolios mit Kunden erworben, die teils schon bei Wirecard waren.

"Wirecard bezahlt viele Millionen für Kunden, von denen ein Teil schon bei Wirecard ist. Für mich ist das nicht zu erklären, außer dass es eben zu einer Betrugsmasche gehört", sagt Hansrudi Lenz, der an der Universität Würzburg Wirtschaftsprüfungswesen lehrt und die Unterlagen eingesehen hat.

EY-Wirtschaftsprüfer winkten Deal durch

Die Wirtschaftsprüfer von EY haben diesen Vorgang nicht beanstandet. EY erklärt dazu, zu "konkreten Prüfungshandlungen bei Wirecard" wolle man sich "aufgrund der weiterhin bestehenden Verschwiegenheitspflicht nicht äußern."

Am Ende machten bei allen drei Übernahmen die Kundenportfolios einen großen Teil des Kaufpreises aus, mit entsprechenden positiven Folgen für die Wirecard-Bilanz. Dabei waren die erworbenen Kundenbeziehungen bilanziell teils wertlos, so die Einschätzung von Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK): "Kunden, die schon vorher Kunden waren, wurden aktiviert. Und damit hat man die Bilanz aufgebläht."

 

EY deckte Geschäfte mit Briefkastenfirmen nicht auf

Unterlagen, die BR Recherche vorliegen, zeigen auch: In allen drei Fällen bezahlte Wirecard die Briefkastenfirmen selbst für den Verkauf der Kundenportfolios. Ein großer Teil des Kaufpreises floss so in die Steuerparadiese British Virgin Islands, Panama und Hongkong - vertraglich geregelt auch das von EY Law.

In den Geschäftsberichten tauchten diese vorgeschalteten Käufe der Kundenportfolios nicht auf. Dort wird nur erläutert, dass Wirecard drei Firmen aus Indonesien und Neuseeland übernommen hat. Laut Prof. Hansrudi Lenz hätte der Wirtschaftsprüfer EY Wirecard jedoch auffordern müssen, den Kauf der Kundenportfolios von den Briefkastenfirmen offenzulegen.

Durften Anwälte von EY Law für Wirecard tätig sein?

Ob die Tätigkeit von EY Law für Wirecard in den fraglichen Jahren erlaubt war, darüber soll der Paragraf 319a des Handelsgesetzbuchs Aufschluss geben.  Demnach waren Rechtsberatungen verboten, wenn sie "über das Aufzeigen von Gestaltungsalternativen" hinausgingen und sich auf den Jahresabschluss des zu prüfenden Unternehmens "unmittelbar und nicht nur unwesentlich auswirken". EY erklärt dazu, an diesen "Bewertungsmaßstab" habe man sich "jederzeit gehalten."

Allerdings wurde der Paragraf kürzlich ersatzlos gestrichen - laut Bundesregierung, um "Risiken für Interessenkonflikte zu vermindern" und "Auslegungsschwierigkeiten" zu vermeiden

Lenz kritisiert, dass solche Beratungsleistungen hierzulande - anders als in Frankreich - möglich waren und teils weiterhin sind. Der Fall Wirecard zeige, dass durch Rechtsberatungen bei Unternehmenskäufen "durchaus bewusst oder unbewusst eine Gefährdung der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers entstehen kann. Eben dadurch, weil er dann in die Position kommt, unter Umständen die Arbeit seiner Kolleginnen und Kolleginnen zu beurteilen."

Honorare für EY Law bleiben im Dunkeln

Die Honorare, die Wirecard an EY Law gezahlt hat, mussten im Geschäftsbericht - anders als die Honorare für den Wirtschaftsprüfer EY - nicht angegeben werden. Denn EY Law agierte als selbständiger Rechtsberater. Dabei waren die Summen, die EY Law erhielt, offenbar erheblich. Laut Unterlagen, die BR Recherche vorliegen, stellte der Rechtsberater EY Law Wirecard für das Jahr 2013 rund 346.000 Euro in Rechnung. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr zahlte Wirecard der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von EY für die Prüfung des Jahresabschlusses und sonstige Beratungen 493,000 Euro Honorar.

Für Daniel Bauer von der SdK kann der Umfang von Beratungsleistungen, die nicht angegeben werden müssen, durchaus die Unabhängigkeit eines Wirtschaftsprüfers gefährden: "Wenn ein Abschlussprüfer viel Ärger macht und viel hinterfragt, dann überlege ich mir zweimal, ob ich seinen Kollegen aus der Rechtsabteilung einen Auftrag gebe."

An der Praxis, dass Honorare für selbständige Firmen in Netzwerk eines Wirtschaftsprüfers nicht angegeben werden müssen, hat sich übrigens bis heute nichts geändert.

Über dieses Thema berichtete Plusminus am 30. Juni 2021 um 21:45 Uhr.