Bauarbeiter vor Pipeline | AP
Exklusiv

Studie zu Energieimporten Schnelle Unabhängigkeit von Russland möglich

Stand: 28.06.2022 16:06 Uhr

Deutschland könnte einer Studie zufolge bereits in wenigen Monaten unabhängig von russischen Energielieferungen werden. Dafür müssten die Verbraucher jedoch einige Einschränkungen in Kauf nehmen.

Nick Schader, SWR

Ein internationales Team von Energieexperten und Wissenschaftlern hält es für möglich, dass Deutschland bis zum kommenden Winter unabhängig von russischer Energie wird. Die Wissenschaftler haben dazu ein umfassendes Konzept erarbeitet, das zeigt, wie man dieses Ziel sehr kurzfristig erreichen könnte, wenn auch unter großen Kraftanstrengungen. Die Studie liegt dem SWR exklusiv vor.

Die Machbarkeitsstudie wurde vom "Zero Emission Think Tank" erstellt, einer Organisation, die von Wissenschaftlern der US-amerikanischen Stanford-University, der University of Berkeley, sowie der "Energy Watch Group" und langjährigen Wissenschaftlern des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, unter Federführung des langjährigen Leiters des Fraunhofer-Instituts ISE in Deutschland, Eicke Weber, unterstützt wird. Die Wissenschaftler veröffentlichten ihre Studie aus Anlass des G7-Gipfels in Elmau.

"Gerade die aktuelle Energiekrise führt uns vor Augen, wie abhängig wir nicht nur von Energieimporten sind, sondern auch von hohen fossilen Energiepreisen und den daraus resultierenden sozialen und politischen Spannungen", sagt Weber, einer der Studienautoren.

Massiver Ausbau von Windkraft und Wärmepumpen

Die Experten schlagen in ihrer "Lösungsstudie" zahlreiche konkrete Maßnahmen vor, die kurzfristig umgesetzt werden könnten. Unter anderem sollten bis Jahresende rund 1700 zusätzliche Windräder errichtet werden, die bereits genehmigt, aber derzeit noch nicht aufgebaut seien. Diese Größenordnung entspricht ungefähr einem Zuwachs wie in den Jahren 2016 oder 2017.

In den vergangenen drei Jahren hatte sich der Ausbau der Windkraft allerdings verlangsamt. Die Windräder würden rund 40 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen, mit denen Hunderttausende Wärmepumpen betrieben werden könnten.

Passend dazu sollten bis zum Winter rund 330.000 zusätzliche, größere Wärmepumpen installiert werden, die jeweils mehrere verbundene Häuser oder Wohnungen mit Wärme versorgen. So könnten mehr als drei Millionen zusätzliche Haushalte mit Wärme aus Strom versorgt werden, die bisher ans Erdgasnetz angeschlossen waren. Der zusätzliche Strombedarf soll über die neuen Windräder erzeugt werden.

"Bei den beschriebenen Maßnahmen handelt es sich um sogenannte 'no regret'-Maßnahmen", sagt Ingo Stuckmann, Gründer des "Zero Emission Think Tank" und einer der Studienautoren. "Diese Investitionen sind ökologisch und ökonomisch sinnvoll, und sie führen sofort zu massiven Einsparungen bei den Energiekosten."

Mehr Dämmung, weniger Erdgas

Außerdem schlagen die Autoren der Studie ein sofortiges, staatlich gefördertes Programm zur Wärmeinnendämmung öffentlicher und privater Gebäuden vor. Für die Umsetzung in möglichst kurzer Zeit sei auch eine "Mobilisierung der Zivilgesellschaft" nötig, heißt es in der Studie.

Beispielsweise könnten Schüler mit eingebunden werden, die in einer "Aktionswoche" mithelfen, ihre Schule zu dämmen. Die Autoren haben hierfür ein "Baumarktsystem" erarbeitet und zeigen, wie mit möglichst geringem Materialaufwand Räume einfach und sehr schnell gedämmt werden könnten.

"Mit diesen massiven Einsparungen bei Energiekosten und Gasverbrauch durch diese einfache Innendämmung von beispielsweise knapp 4,8 Millionen Haushalten können bis zu 100 Milliarden Kilowattstunden Erdgas eingespart werden, also fast ein Drittel der russischen Erdgaslieferungen", heißt es in der Studie. Gleichzeitig sollten so viele Biogasanlagen wie möglich an das Gasnetz angeschlossen werden, um die deutschen Gasspeicher bis zum Winter wieder zu füllen.

Laut den Berechnungen der Wissenschaftler würden die zusätzlichen Wärmepumpen und das "Innen-Dämmungsprogramm" Investitionen von rund 40 Milliarden Euro erfordern. Allerdings würden diese Maßnahmen auch zu erheblichen Einsparungen bei Gas- und Heizenergie führen. Laut den Berechnungen in der Studie könnten so jährlich Energiekosten von rund zehn Milliarden Euro für Privathaushalte eingespart werden. Zudem würde in gleichem Maße auch der Ausstoß von CO2 drastisch um bis zu einem Drittel reduziert. "Damit könnte Deutschland sogar erstmalig seit Jahrzehnten wieder zurückkommen auf den 1,5-Grad-Pfad", heißt es in der Studie.

Einschränkungen für Verbraucher

Für die Verbraucher würden sich auch gewisse Einschränkungen ergeben, die aus Sicht der Wissenschaftler aber vertretbar wären, um eine schnellstmögliche Unabhängigkeit von Russland zu erreichen. Ungewöhnlich an dem Konzept: Die vorgeschlagenen Maßnahmen beziehen sich vor allem auf private Haushalte und auch den Verkehr. Dadurch könnten Einschränkungen bei der Industrieproduktion komplett verhindert werden.

So sollten Raumtemperaturen demnach um durchschnittlich zwei Grad abgesenkt werden, zudem solle es ein zeitlich befristetes Tempolimit auf allen Straßen geben. Konkret schlagen die Autoren vor: 110 Kilometer pro Stunde auf Autobahnen, Tempo 80 außerorts und Tempo 30 in den Städten.

Jede fünfte Autofahrt müsse durch erdölfreie Alternativen ersetzt werden, was durch deutlich mehr E-Autos, eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets und in Städten vor allem durch den kurzfristigen Ausbau von (vorübergehenden) Pop-up-Radwegen auf bestehenden Straßen erreicht werden soll. Zudem sollte dort, wo es möglich ist, ein Tag pro Woche im Homeoffice gearbeitet werden, um weitere Fahrten einzusparen.

Viele der Maßnahmen, so die Wissenschaftler, würden mittel- bis langfristig zu massiven Kosten- und Energieeinsparungen führen und zu einem besseren Klimaschutz beitragen. Es sei aber auch klar, "dass große Herausforderungen bei der Umsetzung und Skalierung der Maßnahmen zu erwarten sind".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 27. Juni 2022 um 18:30 Uhr.