Einzelhandel Corona Supermarkt | Bildquelle: dpa

Studie zur Corona-Krise Was das Virus mit uns macht

Stand: 08.04.2020 13:23 Uhr

Schutzmasken-Bastler oder Klopapier-Hamsterer - die Pandemie scheint das Beste und das Schlechteste im Menschen hervorzubringen. Eine Studie zeichnet ein Bild der sozialen Folgen der Pandemie in Deutschland.

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

Die Corona-Pandemie hat nicht nur gesundheitliche, wirtschaftliche und psychische Auswirkungen, sondern auch soziale, die auch nach Beendigung der Krise nachwirken können. Die Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin beschäftigt sich schon länger mit diesen Folgen katastrophaler Ereignisse - auch, um Erfahrungen für künftige Notlagen zu sammeln.

Henning Goersch, Professor für Bevölkerungsschutz und Katastrophenmanagement und verantwortlich für den Studiengang Management in der Gefahrenabwehr, hat bereits mehrfach Befragungen bei Betroffenen katastrophaler Ereignisse durchgeführt, unter anderem bei dem Schneechaos in Südbayern, Südsachsen und Österreich 2019.

Henning Goersch (Bild: Akkon Hochschule)
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Henning Goersch untersucht die sozialen Folgen der Corona-Krise.

In der Corona-Krise führte er nun zwei große, bundesweite Untersuchungen durch: Eine in Eigenregie organisierte, nicht repräsentative Online-Panel-Studie mit gut 3000 Teilnehmern und eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa mit rund 1500 Teilnehmern.

Mehr wirtschaftliche als gesundheitliche Befürchtungen

Eines der überraschendsten Ergebnisse: Zwar sehen deutlich mehr als die Hälfte der Befragten die aktuelle Ausbreitung des Coronavirus mit all seinen Begleiterscheinungen für sich persönlich als gefährlich beziehungsweise sehr gefährlich an. Die Angst vor einer eigenen Ansteckung spielt dabei aber kaum eine Rolle: "Wir fragten offen nach dem aktuell größten Problem. Dabei kam heraus, dass - trotz der empfundenen Gefährlichkeit des Virus - dies in vielen Fällen aktuell nicht das größte Problem der Menschen ist, sondern die Existenzbedrohung, die 14,8 Prozent der Teilnehmer nannten", sagte Goersch tagesschau.de.

Dahinter kamen die Befürchtung, dass Mitmenschen sich nicht an die aktuellen Regeln halten mit 12,3 Prozent sowie die Angst vor Kontakteinschränkungen und Einsamkeit mit 7,9 Prozent. Die Angst vor Ansteckung und Erkrankung landete mit 4,1 Prozent auf Platz 8 - noch hinter den Hamsterkäufen mit 4,6 Prozent auf Platz 6.

Eine andere Form von Katastrophe

Ebenfalls ungewöhnlich: Die Befragten berichteten in der Corona-Krise ein wenig öfter von antisozialen und egoistischen Verhaltensweisen als von prosozialen und kooperativen. "Grundsätzlich ist dies kein dramatisch schlechtes Ergebnis", erklärt Goersch gegenüber tagesschau.de. Der Forschungsstand und seine bisherigen Untersuchungen zeigten in anderen Katastrophenfällen jedoch eine deutliche Mehrheit von prosozialen Erfahrungen, die zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln lägen.

Anwohner und Helfer beseitigen in Stromberg (Rheinland-Pfalz) den Schlamm, den ein Unwetter durch Starkregen und Überflutung in den Ortskern der Hunsrückgemeinde gespült hat.
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Ein gemeinsames Ziel, fördere Zusammenarbeit und Kooperation - was in der Corona-Krise oft nicht der Fall ist.

Goersch erklärt sich die Diskrepanz so: " Zur Einordnung dieser Ergebnisse muss ein Blick auf die bisherige Erklärung von überwiegend prosozialen Verhalten in Schadensereignissen geworfen werden: Meist sind die Schäden lokal oder regional sehr begrenzt und unterbrechen direkt oder indirekt den Alltag der dort ansässigen Menschen." Durch das Ereignis und die Alltagsunterbrechung werde die Zielsetzung vieler Handlungen auf die Schadensbewältigung gerichtet. "Dieses Ziel wird von sehr vielen Menschen geteilt."

Ein solches gemeinsames Ziel fördere Zusammenarbeit, Gruppenbildung und Kooperation. Gleichzeitig seien die Schäden meist sehr sicht- und fassbar, erklärt Goersch: "Es gibt konkrete Handlungen, die Menschen als wirksame Bewältigungsmaßnahme ausführen können, zum Beispiel Sandsäcke befüllen und stapeln, einen Keller auspumpen, Schutt wegräumen." Dies motiviert wiederum Menschen von außerhalb des Schadensgebietes als ungebundene Spontanhelfer tätig zu werden.

Einsam statt gemeinsam

"Viele dieser Erklärungen passen jedoch nicht auf die aktuelle Situation. Zwar haben wir auch eine deutliche Alltagsunterbrechung, diese manifestiert sich aber vielfach dergestalt, dass Tätigkeiten, die sonst außerhalb des eigenen Zuhauses ausgeführt wurden, nun einfach in dieses verlegt wurden."

Der Grad der Durchbrechung sei entsprechend substantiell anders als in Fällen, in denen zum Beispiel das eigene Haus unter Wasser steht, so Goersch. "Weiterhin ist im Alltag das Leid der Erkrankten nicht direkt erlebbar. Darüber hinaus gibt es kaum Handlungen, die unmittelbar zur Bewältigung der Lage beitragen können. Diese Faktoren können erklären, warum die Ergebnisse sich von den bisherigen so stark unterscheiden."

Vertrauen in staatliche Informationen

Trotz aller Kritik überwiegt laut der Studie das Vertrauen in offizielle Informationen: Die meisten Befragten fühlen sich von staatlicher Seite überwiegend gut informiert. Besonders gilt dies für die staatlich angeordneten Maßnahmen wie Quarantäne, Schließung öffentlicher Einrichtungen und Absage von Veranstaltungen.

Immerhin die gute Hälfte der Teilnehmer sieht sich von den Medien ausgewogen und sachlich informiert. Ein Fünftel steht dieser Frage neutral gegenüber. Zwischen 17 und 30 Prozent fühlen sich nicht ausgewogen und sachlich informiert.

Weitere Untersuchungen geplant

Goersch will die sozialen Auswirkungen der Krise auch weiterhin wissenschaftlich untersuchen: "Ich halte ein Monitoring der sozialen Lage für ähnlich wichtig wie das Monitoring des Virus. Gott sei Dank laufen bereits einige sozialwissenschaftliche Studien", erklärte er gegenüber tagesschau.de. "Ideal wäre ein wöchentliches Lagebild. Wir versuchen, alle zehn bis 14 Tage neue Ergebnisse zu liefern."

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 08. April 2020 um 12:35 Uhr.

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