Ein Mann geht am Wirecard-Logo vorbei | REUTERS
Exklusiv

Wirecard-Manager Anwalt erhebt Vorwürfe gegen Braun

Stand: 01.12.2022 05:04 Uhr

Wenn am 8. Dezember der Wirecard-Prozess beginnt, geht es vor allem um die Frage: Wer ist verantwortlich für den Skandal? Zwei der drei Angeklagten werden sich besonders kritisch beäugen.

Von Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule, BR

Markus Braun und Oliver Bellenhaus - der eine langjähriger Vorstandsvorsitzender (CEO) des Wirecard-Konzerns, der andere Geschäftsführer einer Wirecard-Tochterfirma in Dubai. Wenn in der kommenden Woche der Prozess beginnt, werden beide in Sicht- und Hörweite im Gerichtssaal in München Stadelheim Platz nehmen.

Sowohl Braun als auch Bellenhaus sitzen seit zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft. Während Bellenhaus von Anfang an in der JVA Stadelheim untergebracht war, ist Braun erst kürzlich von der JVA Gablingen dorthin verlegt worden. Die Justiz will nach eigenen Angaben sicherstellen, dass sich die beiden Männer erst im Gerichtssaal wiedersehen.

Bellenhaus-Anwalt: "Er hat Schuld auf sich geladen"

Ex-CEO Markus Braun sieht sich nach Angaben seiner Verteidigung bis heute als Opfer einer Bande rund um den flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek. Diese habe ihn hintergangen und über verschiedene Firmen und verschachtelte Konstruktionen hunderte von Millionen aus dem Wirecard-Konzern herausgeleitet.

Bellenhaus hat sich früh für eine andere Taktik entschieden. Nach dem Zusammenbruch des Wirecard-Konzerns Ende Juni 2020 sagte er umfassend bei der Staatsanwaltschaft München I aus.

Bellenhaus gilt als Kronzeuge der Ermittlungsbehörde. Sein Anwalt Florian Eder, der sich erstmals im Exklusiv-Interview mit dem BR ausführlich äußert, sagt: "Er hat im System Wirecard mitgewirkt, er hat dementsprechend auch Schuld auf sich geladen. Es war halt eine abgeschlossene Kaste, und das wird er in den ersten Prozesstagen relativ deutlich nochmal klarmachen."

Schwerwiegende Vorwürfe stehen im Raum

Die Staatsanwaltschaft München I wirft Braun und Bellenhaus vor, die Wirecard-Bilanzen seit 2015 falsch dargestellt zu haben. Außerdem geht sie der im März dieses Jahres fertiggestellten Anklage zufolge von den Tatvorwürfen Marktmanipulation, Untreue und gewerbsmäßigem Bandenbetrug aus.

Angeklagt ist außerdem Wirecards früherer Chef-Buchhalter. Jan Marsalek ist nach wie vor untergetaucht. Hiesige Behörden vermuten ihn in Russland. Nicht zuletzt Marsaleks Verbindungen in die Welt der Geheimdienste haben die Grenzen dessen, was bei einem DAX-Konzern vorstellbar ist, deutlich verschoben.

Langwieriger Prozess erwartet

Mehr als 100 Prozesstage bis ins Jahr 2024 hinein hat die 4. Große Strafkammer des Landgerichts München I zunächst angesetzt. "Ich erwarte einen anstrengenden, langwierigen und schwierigen Prozess für alle Beteiligten. Am Ende des Prozesses werden wir erkennen, dass das nicht ein Bankraub interner Natur war, von wenigen Personen, sondern ein ganz großer Bilanzskandal, der auf der höchsten Vorstandsebene stattfand", sagt Bellenhaus-Anwalt Eder.

Als starkes Indiz führt Eder einen Vorgang an, der sich am Nachmittag des 23. Dezember 2019 mit Beteiligung von Wirecard-Chef Braun abspielte. Es geht um die Firma "Ruprecht Services" mit Sitz in Singapur. Wirecard hatte die Firma wenige Tage vorher an Bord geholt, um über sie als sogenanntem Drittpartner Onlinezahlungen abzuwickeln.

Im Jahr darauf sollten über das Startup, das bis dahin kaum Umsätze erwirtschaftet hatte, Zahlungen in Höhe von einer Milliarde Euro laufen. Das war der offizielle Plan, und dafür sollte Wirecard als Sicherheit zehn Millionen Euro hinterlegen. So ist es im entsprechenden Vorstandsbeschluss vom 12. Dezember 2019 festgeschrieben. BR Recherche hat ihn eingesehen. Als Teilnehmer der Vorstandssitzung sind unter anderem Braun und Marsalek aufgeführt.

Vorstand winkt Millionenüberweisung durch

Am Tag vor Heiligabend wendet sich Marsalek um kurz nach 16.00 Uhr per E-Mail an die übrigen Mitglieder des Vorstands. Es sei notwendig, den "Security Deposit […] kurzfristig um weitere EUR 30 Millionen" zu erhöhen. Eine Begründung liefert Marsalek nicht. Braun antwortet keine Minute später mit "ok". Ein weiteres Mitglied des Vorstands schreibt daraufhin, "nach Rücksprache mit Markus für mich ebenfalls in Ordnung".

Da ist es 16.14 Uhr. Bis alle Mitglieder des Gremiums zustimmen, vergehen nochmal 20 Minuten. Um 16.54 Uhr schreibt ein Mitarbeiter der Wirecard-Finanzabteilung an Marsalek und alle anderen Vorstände, "der Auftrag ist erledigt, 30m € sind an Ruprecht Services Pte Ltd. soeben rausgegangen". BR Recherche hat diesen E-Mail-Verlauf eingesehen.

Anklage sieht Pflichtverletzung bei Braun

Was die Rolle von Ex-CEO Braun bei diesem Vorgang angeht, vertritt die Staatsanwaltschaft München I die Auffassung, dass "sein Vorgehen in Anbetracht der gesellschaftsrechtlichen Sorgfaltspflichten nicht mit den Pflichten eines ordentlichen Kaufmanns in Einklang zu bringen ist".

So seien zum Beispiel "keinerlei Sicherheiten zugunsten der Wirecard AG und noch nicht einmal eine Pflicht zur Anlage des Security Deposits als Kaution oder eine wie auch immer geartete Zweckbindung vereinbart", stellt die Ermittlungsbehörde fest. Braun-Anwalt Alfred Dierlamm beantwortet eine detaillierte Anfrage des BR zu diesem Themenkomplex nicht.

Skandal dreht sich um das Drittpartnergeschäft

Noch bei einer weiteren Frage gibt es zwischen der Braun-Verteidigung und dem Bellenhaus-Anwalt unterschiedliche Darstellungen. Wirecard kollabierte im Juni 2020, weil 1,9 Milliarden Euro aus dem Wirecard-Drittpartnergeschäft, die auf Treuhandkonten in der philippinischen Hauptstadt Manila liegen sollten, nicht auffindbar waren. Nach Angaben der Braun-Verteidigung ist dieses Geld auf Konten von Gesellschaften abgeflossen, die unter anderem Marsalek und Bellenhaus zuzurechnen seien.

Im Gegensatz dazu steht für die Staatsanwaltschaft schon länger fest, dass dieses Drittpartnergeschäft nicht existiert und damit auch nie Geld auf Treuhandkonten gelegen hat. Das sagt auch Bellenhaus-Anwalt Eder: "Das hat es niemals gegeben. Das Einzige, was es gab, war ein Papier, wo das drauf stand. Und mehr gab es nicht."

Der Aspekt der Drittpartner ist deswegen zentral, weil Wirecard ohne Berücksichtigung dieses Geschäfts ab 2015 in seinen Bilanzen Verluste hätte ausweisen müssen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hätte es der Konzern dann deutlich schwerer gehabt, sich bei Banken frisches Kapital zu besorgen, zum Beispiel für weitere Unternehmenszukäufe. Und auch Tausende Kleinanleger hätten sich dann ein Investment in Wirecard-Aktien genauer überlegt. Mehr als 20 Milliarden Euro hat die Pleite des DAX-Mitglieds unter dem Strich vernichtet.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 09. November 2022 um 12:21 Uhr.