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Recherche-Projekt Mieten, kaufen, wohnen: Wem gehört die Stadt?

Stand: 13.01.2020 05:03 Uhr

In vielen Städten wird Wohnen zum existenziellen Problem, Investoren profitieren von knappem Wohnraum und steigenden Preisen. Der BR und das Recherchezentrum Correctiv wollen herausfinden: Wem gehören Augsburg, München und Würzburg?

Von Pia Dangelmayer, Verena Nierle und Robert Schöffel, BR

Claudia Raufer lässt zusammen mit ihren beiden kleinen Kindern Spielzeugautos durchs Wohnzimmer fahren. Die 40-jährige Augsburgerin erwartet Mitte Januar ihr drittes Kind. Dann wird es noch enger in der Drei-Zimmer-Wohnung. Schon seit zwei Jahren versuchen sie und ihr Mann, eine größere Wohnung oder ein Haus in ihrer Heimatstadt zu finden - ohne Erfolg. "Da müssen beide Vollzeit arbeiten, dass die Familien sich das überhaupt leisten können, weil die Preise ja so hoch sind", sagt sie.

Der Herkulesbrunnen in Augsburg | Bildquelle: dpa
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In Augsburg steigen die Mieten seit Jahren.

Die Augsburgerin hat miterlebt, wie sich der Mietmarkt in ihrer Heimatstadt entwickelt hat: Die Preise steigen rasant. Wie auch in München, einer der teuersten Städte Deutschlands. Ein besonders drastisches Beispiel dort ist das "Künstlerhaus" in der Isarvorstadt: Einst eine Art Kommune für Kreative, soll das Ensemble jetzt eine Luxusimmobilie werden.

Mieter Tilman Schaich ist einer der wenigen, die noch da sind. Doch auch er fürchtet, dass er bald seine Wohnung räumen muss, denn nach den Modernisierungsmaßnahmen soll sich seine Miete um rund 120 Prozent erhöhen. Er ärgert sich sehr: "Da geht es nicht um den Mieter oder um den Menschen, da geht es um Investment und um möglichst hohen Profit."

Drei Städte und viele Probleme auf dem Wohnungsmarkt

Auch in der Universitätsstadt Würzburg ist die Lage auf dem Wohnungsmarkt angespannt. Marco Löscher studiert hier E-Commerce und lebt mit seiner Freundin in einer Dreier-WG. Jetzt ist ihnen die Wohnung zu teuer geworden, weil die Nebenkosten stark gestiegen sind.

"Unser Problem ist, dass wir uns diese Wohnung noch gerade so leisten, aber nichts mehr zurücklegen können", erzählt der 26-Jährige. Weg wollen und können sie nicht: Die Studienplätze sind in Würzburg. Aber eine bezahlbare neue Wohnung finden: Fehlanzeige.

Würzburg | Bildquelle: dpa
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In Würzburg sind Wohnungen nicht nur für Studenten oft unerschwinglich.

Augsburg, München, Würzburg: Woran liegt es, dass die Mietpreise rasant steigen? Wer profitiert von hohen Renditen? Und wohin fließt das Geld aus den Mieteinnahmen? Um solche Fragen geht es bei der Bürgerrecherche "Wem gehört die Stadt?" des Bayerischen Rundfunks und des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv.

Bürgerrecherche für mehr Transparenz

Die Eigentumsverhältnisse vor allem in größeren Städten sind oft intransparent. BR und Correctiv rufen Bürgerinnen und Bürger in den drei Städten dazu auf, Informationen zum Wohnverhältnis zur Verfügung zu stellen. Ab sofort können Bürger in Augsburg, München, Würzburg und dem jeweiligen Umland sechs Wochen lang unter br.de/wemgehoert Informationen zu den Eigentümern ihrer Wohnungen eingeben und ihre Mietergeschichte erzählen.

Ziel ist es, mehr Transparenz auf dem Immobilienmarkt zu schaffen, denn ein öffentliches Immobilienregister gibt es, anders als zum Beispiel in Großbritannien, in Deutschland nicht. Mit Hilfe der von Bürgern zur Verfügung gestellten Informationen recherchieren Journalisten weiter, um herauszufinden, welche Rolle institutionelle Anleger und ausländische Investoren am Markt spielen, wo das Geld für die Investitionen herkommt, und wo Gewinne hinfließen. Es geht darum, Strukturen und Muster zu erkennen. Politik und Gesellschaft müssen Lösungen finden für die Krise auf dem Wohnungsmarkt. Das funktioniert nur, wenn sie wissen, wem die Städte gehören.  

Bereits in sechs Städten erfolgreich

Die Bürgerrecherche "Wem gehört die Stadt?" wurde 2018 von Correctiv ins Leben gerufen und bisher in sechs Städten, darunter Hamburg, Berlin, Minden und Lüneburg, mit lokalen Kooperationspartnern durchgeführt. Mehrere Tausend Bürger haben sich bereits deutschlandweit beteiligt.

So kam in Hamburg ans Licht, dass ausgerechnet die städtische Wohnungsbaugesellschaft einer der Preistreiber ist. In Berlin gehört eine in Deutschland nahezu unbekannte Londoner Familie mit rund 3000 Wohnungen zu den Großeigentümern in der Stadt. Das hatte sie mit Hilfe eines Geflechts von Briefkastenfirmen verschleiert.

Datenschutz hat oberste Priorität

Die von den Bürgern zur Verfügung gestellten Daten werden mit größter Sorgfalt behandelt. Der sichere Server zur Plattform befindet sich in Deutschland, das heißt auch die Daten bleiben in Deutschland. Zugriff darauf hat nur ein ausgewähltes Team von Journalisten, das die Daten intern auswertet. Informationen, die Rückschlüsse auf die Informationsgebenden zulassen, werden nicht veröffentlicht - es sei denn, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben explizit zugestimmt.

Namen von Einzelpersonen oder genaue Adressen von deren Wohnungen oder Häusern werden nur veröffentlicht, wenn sich aus der Recherche ein berechtigtes, öffentliches Interesse ergibt. Der Fokus liegt auf großen Finanzinverstoren mit Einfluss auf den Wohnungsmarkt und Organisationen, die fragwürdig handeln.

Auch Tilman Schaich aus München will bei der Bürgerrecherche mitmachen. Er wünscht sich, dass der Mietmarkt transparenter wird: "Es ist ganz viel unbekannt. Niemand weiß, wer wo kauft und wer der Eigentümer ist."

Über dieses Thema berichtete BR2 am 13. Januar 2020 um 08:00 Uhr.

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