Eine junge Frau beobachtet mit ihrem iPhone die Aktienkurse in der App Stocks | picture alliance/dpa
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Online-Trading Manipulationssoftware weiter im Einsatz?

Stand: 07.09.2022 05:18 Uhr

In einem der größten Cyber-Betrugsfälle wurden Anleger um mehr als 100 Millionen Euro gebracht. Mit einer speziellen Software hatten die Täter die Kurse manipuliert - und die ist nach BR-Recherchen womöglich weiter im Einsatz.

Von Sammy Khamis und Maximilian Zierer, BR

"Am Anfang war alles perfekt", so erzählt es Baran. Im Netz war er im April 2021 auf eine Anzeige gestoßen. Er lädt die App der Tradingplattform Trade360 auf sein Handy und beginnt zu handeln. Baran, der eigentlich anders heißt, kauft keine Aktien, sondern investiert in hochriskante Finanzprodukte, sogenannte CFDs.

Er wettet darauf, wie sich Kurse entwickeln. Ein Mitarbeiter der Plattform ruft ihn täglich an und überzeugt ihn, immer mehr Geld einzusetzen, erinnert sich Baran. Am Ende verliert er sein gesamtes Erspartes, mehrere hunderttausend Euro. "Mich hat das psychisch kaputt gemacht", sagt Baran.

Lizenz aus Zypern

Trade360.com darf Kunden in Deutschland Investmentgeschäfte anbieten - dank einer Lizenz der Finanzaufsicht auf Zypern. Recherchen des Bayerischen Rundfunks werfen jedoch die Fragen auf, ob Baran und zahlreiche weitere Kunden jemals die Chance hatten, bei Trade360 tatsächliche Gewinne zu erzielen - und ob dabei womöglich eine Software zum Einsatz kam, die im Zentrum eines der größten Fälle von Anlagebetrug der letzten Jahre stand.

Trade360 setzt nach BR-Recherchen zum Betreiben seiner Plattform auf die Software eines Unternehmens namens Paragonex. Das Unternehmen hat seinen Sitz auf den Britischen Jungferninseln und der Isle of Man und bezeichnet sich selbst als "führenden Anbieter von Online-Trading-Technologie". Paragonex, das zeigen öffentlich einsehbare Dokumente der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, übernahm im Jahr 2019 die Entwicklerfirma der Software Tradologic, inklusive deren Technologie und Kundenstamm.

Verbindungen zu Betrugssoftware

Tradologic kam unter anderem im Betrugsfall um den sogenannten "Wolf von Sofia" zum Einsatz, bei dem Anleger um mehr als 100 Millionen Euro gebracht wurden. Ermittler aus Deutschland und Österreich hatten im Januar 2019 die Geschäftsräume von Tradologic in der bulgarischen Hauptstadt Sofia durchsucht. Heute steht fest: Tradologic bot Betreibern von Online-Tradingplattformen die Möglichkeit, Kurse der Anleger nach Belieben zu manipulieren.

Mehrere Täter, die mithilfe von Tradologic Anleger betrogen hatten, wurden inzwischen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Betrugssoftware spielte in den Verfahren eine zentrale Rolle.  Einer der Verurteilten koordinierte die Anrufe der persönlichen Berater und arbeitete mit der Tradologic-Software. Laut BR-Erkenntnissen hatte er einen weiteren Job - im Umfeld von Trade360.

Software spielte zentrale Rolle bei Betrug

Staatsanwalt Nino Goldbeck von der Zentralstelle Cybercrime Bayern, der seit Jahren im Bereich Cyber-Trading ermittelt, sagt, die Softwarelösungen seien beim "Wolf von Sofia" unverzichtbarer Bestandteil des Betrugsschemas gewesen. Bei Software wie der von Tradologic handle sich um sehr komplexe IT-Produkte mit einer riesigen Bandbreite von Funktionalitäten, die den Tätergruppierungen eine Komplettlösung böten, um die Betrugsplattformen zu betreiben. "Man darf sich das nicht so vorstellen, dass wir hier über kleine Banden sprechen, die in irgendwelchen dunklen Kellerlöchern sitzen und von dort aus betrügen."

Weshalb Paragonex die Betrugssoftware aufkaufte und ob sie im Einsatz ist, bleibt offen. Das Unternehmen reagierte nicht auf eine entsprechende Anfrage von BR Recherche und BR Data. Trade360 schickte eine schriftliche Antwort, aus der nicht zitiert werden soll. Die Plattform ließ unbeantwortet, weshalb man auf die Software von Paragonex setzt und streitet ab, jemals betrogen zu haben. Ein deutscher Ermittler, der mit Verfahren zu Betrugsfällen betraut ist, sagt, eine legale Nutzung der Software hinter Trade360 sei grundsätzlich denkbar. Jedoch gebe es zwischen Paragonex und der Betrugssoftware Tradologic, "Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten".

Ermittlungen gegen Trade360-Ableger in Australien

Ob es bei Trade360 tatsächlich um Betrug geht, ist nicht belegt. Es mehren sich allerdings die Hinweise auf fragwürdige Praktiken der Trading-Plattform. In Frankreich und Spanien berichten Medien über Menschen, die hohe Summen bei Trade360 verloren haben. In Polen warnt die Finanzaufsichtsbehörde KNF bereits vor Trade360. Aus deutschen Behördenkreisen heißt es, dass bereits einzelne Verdachtsmeldungen zu der Plattform von deutschen Kleinanlegern eingegangen seien. Eine offizielle Warnung gibt es hierzulande nicht.

Wie hoch mögliche Verluste europäischer Anleger bei Trade360 sind und ob diese tatsächlich durch betrügerische Software entstanden sind, ist offen. Einen Anhaltspunkt bietet der Blick nach Australien. Umgerechnet etwa zehn Millionen Euro sollen australische Bürger nach BR-Informationen beim dortigen Ableger von Trade360 in rund anderthalb Jahren verloren haben. Die australische Finanzaufsicht ASIC hatte aufgrund "besorgniserregender Verluste" von Anlegern Ermittlungen aufgenommen. Seit Mitte Juli ist die Plattform ist in Australien nicht mehr aktiv.

Europaparlamentarier: Aufsichtsbehörden in der Pflicht

Der CDU-Europaparlamentarier Stefan Berger sieht die europäischen Finanzaufsichtsbehörden in der Pflicht. "Hier sollten alle nationalen Aufsichtsbehörden mehr Sensibilität entwickeln und bei einer Lizenzierung genauer hinschauen, welche technische Software bei Finanzunternehmen eingesetzt wird." Sollten regulierte Finanzunternehmen Betrugssoftware einsetzen, müsse das umgehend dazu führen, dass sie ihre Lizenz in jedem Mitgliedsland der Europäischen Union verlieren.

Die zuständige zyprische Aufsichtsbehörde CySEC verwies auf BR-Anfrage auf die gültige Lizenz des Unternehmens. Ob gegen Trade360 ermittelt werde, könne nicht beantwortet werden. Auch die Frage, ob die von Trade360 eingesetzte Software überprüft wurde, ließ die Behörde unbeantwortet. Man kooperiere mit anderen Aufsichtsbehörden und ergreife alle notwendigen Maßnahmen, um Investoren zu schützen, so eine Sprecherin.

Eine Sprecherin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) teilte auf BR-Anfrage mit, Informationen darüber, welche Tradingsoftware Trade360 einsetzt, habe die CySec der Bafin nicht übermittelt. Dies sei auch nicht vorgesehen. Auch über die Verbindung der Betrugssoftware Tradologic zu Paragonex sei der Bafin nichts bekannt.

Ende August, kurz nach der Anfrage von BR-Reportern bei Trade360, erscheint dann eine großflächige Meldung auf der Webseite der Plattform: die Eröffnung neuer Tradingkonten sei vorübergehend ausgesetzt. Bestehende Kontoinhaber würden weiterhin betreut.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 07. September 2022 um 07:50 Uhr.