Ein Airbag von Takata | Bildquelle: AFP

Laxe Rückrufpraxis Mit ernsten Risiken auf der Straße

Stand: 21.08.2019 10:51 Uhr

Mängel bei Airbags, Elektrik oder Bremsen: Eigentlich müssten Hersteller Tausende Autos zurückrufen. Recherchen von Plusminus und BR Data zeigen, dass das oft nicht geschieht. Experten fordern Konsequenzen.

Von Sabina Wolf und Claudia Kohler, BR

Plusminus und BR Data haben die EU-Datenbank Rapex nach Fahrzeugrückrufen ausgewertet, die Deutschland betreffen und von denen ein "serious risk", eine ernste Gefahr, ausgeht: Demnach hat sich die Zahl der Meldungen zu Herstellern von Autos, Bussen oder Lkw, von denen eine solche ernste Gefahr ausgeht, in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Ein Beispiel: Die EU-Kommission meldete im Januar 2019 über das Online-Schnellwarnsystem Rapex zahlreiche Honda-Modelle mit folgendem Problem: "Ein Defekt im Gasgenerator des Beifahrerairbags […] führt zu unkontrollierter Inflation und zum Lösen von Metallfragmenten beim Auslösen des Airbags. Dies kann dazu führen, dass die Fahrzeuginsassen verletzt werden."

In den USA hat die US-Verkehrsüberwachungsbehörde NHTSA zahlreiche Fälle dokumentiert, bei denen ein vergleichbarer Airbag ungewollt explodiert, Metallteile herauskatapultiert und dadurch Menschen verletzt wurden.

Meldungen über gefährliche Produkte auf den Seiten der EU-Kommission
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Meldungen über gefährliche Produkte auf den Seiten der EU-Kommission

"Praxis gefährdet Verkehrsteilnehmer"

Zwar rief Honda die Fahrzeuge zurück, doch noch im vergangenen Juli, so räumt der Hersteller auf Anfrage ein, waren noch 20.507 Fahrzeuge mit dem gravierenden Risiko auf den Straßen. Trotz des Rückrufs haben demnach 31 Prozent aller betroffenen Fahrzeuge nach wir vor einen Risiko-Airbag.

Verkehrsexperte Axel Friedrich hält Deutschlands Rückrufpraxis für skandalös: "Das Kraftfahrtbundesamt ist zuständig für die Bürger. Es muss diese Fahrzeuge sofort zurückrufen. Diese Praxis gefährdet die Verkehrsteilnehmer."

Verkehrsexperte Axel Friedrich
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Verkehrsexperte Friedrich kritisiert die Rückrufpraxis des KBA.

Tausende Fälle auch bei BMW und Audi

BMW 1, 3, M3, X1, Z4 - 16.000 Fahrzeuge sind mit Gefahr des Komplettausfalls der Elektronik ein Jahr nach der Rapex-Meldung noch immer auf der Straße. "In einzelnen Fällen kann es zum Liegenbleiben während der Fahrt kommen", so BMW auf Anfrage von Plusminus. Welche und wie viele Fahrzeuge von diesen 16.000 noch nicht reparierten Autos das Risiko betreffen könnte, ist nicht bekannt.

Beim Audi Q5 sind 25 Prozent der mit einem unter Umständen nicht intakten Wandbremszylinder ausgestatteten Fahrzeuge am 23. Juli 2019 noch nicht repariert. Ein "Versagen der hydraulischen Bremsanlage über die ganze Lebensdauer kann nicht ausgeschlossen werden". Eine Notbremsfunktion könne das Fahrzeug dann bis zum Stillstand verzögern, so Audi.

So ist die Rückrufpraxis in Deutschland geregelt

Meldungen aus der Rapex-Liste gehen an die zuständigen nationalen Behörden für Kraftfahrtzeugsicherheit, in Deutschland das Kraftfahrtbundesamt, kurz KBA. So erfahren das KBA und auch alle anderen zuständigen nationalen Behörden in den EU-Ländern über ernste Risiken. Umgekehrt melden alle nationalen Behörden an Rapex.

Das KBA geht nach eigenen Angaben so vor: "Sofern ein ernstes Risiko besteht, werden die Fahrzeughalter in der Regel im Rahmen einer Halterbenachrichtigung des Herstellers über den Rückruf informiert." Auch das KBA listet Rückrufe in einer eigenen Datenbank auf, die allerdings nicht mit der Rapex-Liste referenziert. Die Rückrufe würden, so das KBA, "fahrzeuggenau anhand der Fahrzeugidentifizierungsnummer überwacht".

Obwohl die zuvor als "ernst" klassifizierten Mängel Gefahren für Leib und Leben darstellen können, gibt das KBA den Herstellern bis zu 18 Monate Zeit die Rückrufe abzuwickeln. Fahrzeuge, die der Hersteller in der vorgegebenen Frist nicht reparieren würde, meldet das KBA der zuständigen Zulassungsbehörde, die in eigener Zuständigkeit dann weitere Maßnahmen prüft.

Verstoß gegen EU-Richtlinie?

Plusminus hat einige aktuelle Bespiele von Risiken bei Pkw, Lkw und Bussen zusammengetragen. Darunter sind Mängel wie Blockieren der Bremsen, Lösen der Räder, Abfallen des Bremspedals, Schmorschäden durch defekte USB-Anschlüsse, Durchrutschen von Lenksäule und Lenkspindel, oder Kurzschluss und Brandgefahr.

Der Fachmann für Verwaltungsrecht an der Hochschule Eberswalde, Remo Klinger, weist auf die EU-Richtlinie für Produktsicherheit hin. Unverzüglich müssten gefährliche Produkte vom Markt: "Das ist ein ganz klarer Verstoß gegen die Richtlinie. Sie besagt ausdrücklich, dass die Rückrufe unverzüglich zu erfolgen haben, damit eben Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger nicht zu gefährden."

Es könne nicht sein, so Klinger, "dass man mal miteinander redet und dem anderen dann monatelang Zeit gibt, um so etwas umzusetzen". Hier müsse die Aufsicht durchgesetzt werden, die das KBA gegenüber dem Hersteller habe.

Verwaltungsrechtexperte Remo Klinger
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Für Verwaltungsrechtsexperte Remo Klinger ist die Rückrufpraxis ein Verstoß gegen die EU-Richtlinie.

Fahrer müssen Defekt nachweisen

Wenn es durch defekte Fahrzeugteile zu Unfällen kommt, haftet zwar der Hersteller. Autofahrer müssen aber beweisen, dass ein Defekt zum Unfall geführt hat. Auf Anfrage erklärte das Bundesministerium für Justiz und für Verbraucherschutz: "Den Mangel muss derjenige nachweisen, der sich gegenüber dem Produkthersteller darauf beruft."

Friedrich hält diese Regelung für äußerst unfair: "Denn der kleine Eigentümer eines Autos ist im Vergleich zu der Macht eines großen Konzernes nicht in der Lage, so etwas nachzuweisen."

In den USA sind die Bürger wesentlich besser geschützt: Rechtsanwalt Paul Zukerberg in Washington erklärt die Rechtslage: "Wir haben die Nationale Transport-Behörde. Sie überwacht die Rückrufe, und die Menschen haben noch ein robustes Zivilrecht."

Man müsse nur zeigen, dass es ein mangelhaftes Produkt gab, das auf dem Markt war. Und wenn das gelinge, so Zukerberg, könne man einen Schadenersatzprozess gegen den Autohersteller führen.

Der Nachweis, dass ein Unfall wegen eines Defekts am Fahrzeug erfolgte, ist in Deutschland nicht nur deshalb schwierig, weil Gutachter eher selten involviert sind. Die 16 Innenministerien in Deutschland bestätigten Plusminus, dass es in der Regel nach einem Unfall nicht zu einem Abgleich verunfallter Fahrzeuge mit Rapex-Daten oder denen aus der Rückrufdatenbank des KBA kommt.

Zahl der Rückrufe nimmt tendenziell zu

Die Auswertung der Datenjournalisten von BR Data zeigt, dass Mercedes-Benz von 2014 bis Mitte Juli 2019 der Hersteller mit den meisten Rückrufen war - 198 an der Zahl. Mit über hundert Einträgen weniger steht VW an zweiter Stelle, am dritthäufigsten ist der Omnibushersteller Evobus verzeichnet, ein Tochterunternehmen der Daimler AG.

Insgesamt nimmt die Zahl der Rückrufe tendenziell zu. 2017 und 2018 gab es jeweils mehr als doppelt so viele Rückrufe wie 2014. Mercedes verzeichnete im Jahr 2018 sogar mehr als fünfmal so viele Rückrufe wie im Jahr 2014. Die am häufigsten betroffenen Modelle seit 2017 waren Mercedes E-Klasse, Evobus Citaro und Mercedes Sprinter.

Im Juli meldete VW für den T6 und im August Ford für die Modelle KA und Figo Brandgefahr. Opel meldete für den Zafira, die Rückscheibe könne herausfallen und den nachfolgenden Verkehr behindern.  Das Kraftfahrtbundesamt gab den Herstellern wieder Monate lang Zeit, Tausende betroffene Fahrzeuge zu reparieren.

Über dieses und weitere Themen berichtete das Magazin Plusminus um 21:45 Uhr im Ersten.

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