Skyline von Doha | dpa
Exklusiv

Katar Bindeglied zu Islamisten?

Stand: 20.09.2022 06:33 Uhr

Katar gibt sich als Verbündeter des Westens. Gleichzeitig hat das Emirat einen guten Draht zu Islamisten. Im Fall der Taliban in Afghanistan scheint das Land nun aber um vorsichtige Distanzierung bemüht.

Von Pune Djalilevand, Markus Pohl (rbb), Benedikt Nabben (BR)

Bröckelt die Beziehung des Golf-Emirats Katar mit den radikal-islamistischen Taliban in Afghanistan? Das zumindest legen Aussagen des katarischen Außenministers gegenüber den ARD-Politikmagazinen Kontraste und report München sowie der Wochenzeitung "Die Zeit" nahe. "Wir sind extrem enttäuscht und frustriert von den jüngsten Maßnahmen der gegenwärtigen afghanischen Regierung", so Außenminister Mohammad Abdulrahman Al Thani bei einem Exklusiv-Interview Ende Juni in Katars Hauptstadt Doha. Al Thani bezieht sich dabei auf Verbote für Mädchen und Frauen in Afghanistan, Schulen zu besuchen oder eine Arbeit anzunehmen.

Mohammed bin Abdulrahman bin Jassim Al Thani | rbb/Kontraste

Im Interview gab sich Außenminister Al Thani kritisch gegenüber den Taliban. Bild: rbb/Kontraste

Sagt Al Thani nur das, was westliche Medien gerne hören wollen, kurz bevor Katar die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet? Oder gibt es tatsächlich Risse im Verhältnis? Eine Abkehr Katars von den afghanischen Machthabern wäre ebenso überraschend wie folgenschwer - denn für die Taliban ist das Wüstenemirat der wohl wichtigste internationale Partner. Bereits 2013 durften die Taliban ihr einziges Auslandsbüro in Doha eröffnen. Für die Radikal-Islamisten war das Büro der Ausbruch aus ihrer internationalen Isolation.

"Brandstifter und Feuerwehrmann"

Demokratische afghanische Kräfte machen deshalb Katar für den Wiederaufstieg der Taliban mitverantwortlich. Hosna Jalil, ehemalige stellvertretende afghanische Innenministerin, derzeit im Exil in Washington, beklagt sich bitter über das offiziell geduldete Auslandsbüro: "Es half den Taliban dabei, ein moderates Image zu kreieren, das von den Taliban verkauft, von Katar vermittelt und von den westlichen Ländern gekauft wurde", sagt sie dem Rechercheteam von Kontraste, report München und der "Zeit". Resigniert fügt sie hinzu: "Der Verlierer dieses Spiels ist das afghanische Volk."

Hosna Jalil | rbb/Kontraste

Jalil sieht im afghanischen Volk den Verlierer internationaler Politik. Bild: rbb/Kontraste

Tatsächlich bot Doha 2020 die Bühne für Verhandlungen zwischen den Taliban und den USA über den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan. Bei der öffentlichkeitswirksamen Unterzeichnung des sogenannten Doha-Abkommens konnte sich Katar als Vermittler präsentieren - als ein Land, das die größte US-Luftwaffenbasis im Nahen Osten und gleichzeitig radikale Islamisten beherbergt.

Es sei ein Muster, das sich in der Außenpolitik des schwerreichen, aber winzigen Emirats immer wieder finde, sagt der US-Politikberater Jonathan Schanzer: "Katar spielt bei so gut wie allem auf beiden Seiten mit. Das verschafft Katar an vielen Orten dieser Welt einen Platz am Tisch der Mächtigen. Sie sind gleichzeitig Brandstifter und Feuerwehrmann."

Als die Taliban-Kämpfer vergangenen Sommer innerhalb weniger Wochen Afghanistan überrannten und die Macht im Land an sich rissen, zeigte sich Katars Doppelstrategie erneut: In einer Militärmaschine ließ Katar Mullah Baradar, den politischen Führer der Radikal-Islamisten, aus dem Exil nach Afghanistan bringen. Gleichzeitig halfen auf dem Flughafen in Kabul katarische Militärs und Diplomaten dabei, Zehntausende Menschen auf der Flucht vor den Taliban aus dem Land zu fliegen, darunter auch viele Deutsche.

Der Flughafen und die Freunde aus Katar

Bis heute ist Katar auf dem Flughafen in Kabul aktiv. "Zeit"-Korrespondentin Lea Frehse bekam im Frühjahr die einmalige Gelegenheit, dort zu filmen und Interviews zu führen. Vom Tower aus blickt man auf Start- und Landebahnen, Hangars und ganze Reihen beschädigter NATO-Kampfhubschrauber. "Im letzten Sommer sah es da unten aus wie auf einem Schlachtfeld", sagt der Tower-Chef. "Jetzt starten hier wieder 20 Flugzeuge am Tag." Dann deutet er auf zwei kräftige Männer, die auf Metallstühlen sitzen: "Und dies sind unsere Freunde aus Katar!"

Etwa 200 Katarer dürften am Flughafen stationiert sein: Soldaten, Geheimdienstler, technisches Personal. Sie halten den Flughafen am Laufen. Er ist das Tor Afghanistans zur Welt. Katar hält den Schlüssel in der Hand.

Lea Frehse mit einem Afghanen

20 Flugzeuge sollen täglich vom Flughafen in Kabul starten, gemanagt auch von Personal aus Katar.

Dass man den aus der Hand gibt, ist bei aller öffentlichen Kritik an den Taliban nicht zu erwarten. Man wolle Kommunikationskanäle offenhalten, sagt Katars Außenminister: "Um sicherzustellen, dass es weiterhin sichere Wege aus Afghanistan gibt, dass humanitäre Hilfe die Bevölkerung erreicht und auch, um Taliban und anderen Afghanen die Möglichkeit zur Versöhnung zu geben." Katars Botschaft ist deutlich: Als Makler ist es unverzichtbar. Am Flughafen in Kabul bekam Katar inzwischen Konkurrenz: Im Mai übernahmen die Vereinigten Arabischen Emirate die Bodenabfertigung am Kabuler Flughafen.

Mehrere hundert Millionen für den Gaza-Streifen

Das Muster des Mittlers und Maklers zeigt sich auch im angespanntesten Konfliktherd des Nahen Ostens. Im Süden Israels, zehn Minuten von Sderot entfernt, steht Shlomo Shpiro, Professor für Sicherheitsstudien und zeigt auf den nahe gelegenen Gaza-Streifen, wo die Islamisten der Hamas das Sagen haben. In der Luft das Surren von Überwachungsdrohnen, im Hintergrund Schießübungen des israelischen Militärs.

Auch im Gaza-Streifen mischen die finanzstarken Kataris mit. In den vergangenen zehn Jahren hätten sie dem Gaza-Streifen mehrere hundert Millionen Dollar zukommen lassen. Einen großen Teil davon sogar in Koffern mit Bargeld, sagt Shpiro. "Man kann diese Transfers nur bis zur Grenze kontrollieren, aber wenn die Koffer mit Bargeld in Gaza sind, dann werden sie genauso benutzt für wohltätige Zwecke wie für Waffenkäufe, Raketenbau, Schmuggelaktivitäten und so weiter."

Mittler zwischen Islamisten und dem Westen

Das Überraschende ist: Die Bargeldspenden Katars wurden von der israelischen Regierung stillschweigend akzeptiert, obwohl beide Länder nicht einmal diplomatische Beziehungen unterhalten. "Die wirtschaftliche Lage in Gaza ist schlimm, und diese Gelder schaffen wenigstens eine Atempause, ein gesichertes Einkommen für einen großen Teil der Bevölkerung", sagt Shpiro.

Inzwischen lässt Israel keine Bargeld-Koffer mehr durch. Katar muss das Geld jetzt über ein Konto der Vereinten Nationen überweisen. Die Geldströme sollen so besser kontrolliert werden können. Gleichzeitig bietet sich Katar als Mittler zwischen Israel und der Hamas an; wie zuletzt im August 2022. So gewinnt das kleine Katar auf der Weltbühne erneut Einfluss.

Mitarbeit: Lea Frehse, "Die Zeit"

Mehr dazu heute Abend, 20.09.2022 um 21.45 Uhr in report München im Ersten. Eine lange Fassung der Recherche "Geld.Macht.Katar." finden Sie auch in der ARD Audiothek und ab 22.09.2022 in der ARD Mediathek.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "report München" am 20. September 2022 um 21:45 Uhr in der ARD.