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Christliche Fundamentalisten Sekte sammelt sensible Daten

Stand: 29.04.2020 17:25 Uhr

Eine christliche Sekte aus der Schweiz sammelt seit Jahren private Daten von Tausenden Personen. Nach BR-Recherchen sind auch prominente Politiker aus Deutschland und Österreich betroffen.

Von Sammy Khamis und Ralf Fischer, BR

Die Schweizer Sekte "Organische Christus Organisation" (OCG) hat persönliche Daten von Tausenden Politikerinnen und Politikern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum gesammelt und gespeichert. Nach Informationen des BR-Politikmagazin Kontrovers sind davon mehr als 8000 Personen betroffen. In dem Datensatz, der dem BR exklusiv vorliegt, finden sich sensible Daten wie private Wohnadressen, private Handynummern, Religionszugehörigkeit, Nationalität oder sexuelle Orientierung.

Viele Personen sind mit öffentlich zugänglichen Daten erfasst. Besonders sensible Informationen wurden aber unter anderem von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, dem österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz und dem saarländischen Ministerpräsidenten und CDU-Politiker Tobias Hans gespeichert.

Seit Jahren im Kampf gegen "die Elite"

Die OCG-Sekte betreibt seit Jahren die Onlineplattformen "Anti-Zensur-Koalition" und "Klagemauer TV" (auch "kla.tv"), auf denen sich Verschwörungstheorien zu Themen wie dem Mobilfunkstandard 5G, Impfungen und aktuell zu Corona finden lassen. Darüber hinaus sind Bezüge zum Rechtsextremismus bekannt.

Europaweit hat die Gemeinschaft laut Sektenbeauftragten mehrere Tausend Anhänger. Der Gründer Ivo Sasek betont auf Anfrage des BR, "voller Liebe zu allen Menschen" zu sein. Zugleich sieht er sich seit Jahren in einer Art Krieg gegen eine "dominante Elite", die man stürzen müsse.

Daten für Zwecke der "Weiterbildung"

Der gesamte Datensatz besteht aus rund 8200 Einträgen. Auf der Liste finden sich Vertreter aller Parteien, aller Landesparlamente, des Bundestags, sowie Beamte, Journalisten und Aktivisten. Bereits im Januar berichtete der BR, dass die Anhänger der Sekte aufgefordert wurden, Daten über Politiker und Journalisten zu sammeln und herauszufinden "wer Freund oder Feind" sei.

Das Ausmaß der Sammlung war damals noch nicht bekannt. Auf Kontrovers-Anfrage, weshalb die Sekte eine Liste mit mehr als 8000 Personen führt, schreibt Sektenführer Sasek, die Datensammlung diene der "Weiterbildung" der OCG-Mitglieder, um herauszufinden, "welcher Art und Gesinnung unsere Volksvertreter sind". Die Daten seien nur für den "internen Gebrauch", schreibt Sasek auf Anfrage.

Des Weiteren betont Sasek, dass alleinig öffentlich zugängliche Daten von "Politikern oder Medien" zusammengetragen würden. Nach BR-Recherchen finden sich jedoch auch Personen in der Liste, die keine Politiker oder Journalisten sind. Darunter sind Menschen, die sich in der Vergangenheit kritisch über die Sekte äußerten. Auch mehrere Vorsitzende jüdischer Einrichtungen sind verzeichnet. Nachfragen, weshalb in der Liste zahlreiche Kritiker sowie Jüdinnen und Juden aufgeführt sind und teilweise "jüdische Herkunft" vermerkt ist, beantwortet Sasek nicht.

Extremismusforscher sieht Gefahr

Der Soziologe und Extremismusforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld spricht angesichts der erfassten Kategorien wie Religion, Nationalität und sexueller Orientierung von einer "rassistischen Liste", deren Umfang "ungeheuerlich" sei. Solche Listen seien bisher nur aus dschihadistischen oder rechtsextremen Kreisen bekannt. Zick schätzt die Gefahr solcher Listen grundsätzlich als hoch ein.

"Wir wissen aus der Vergangenheit, aus der hohen Zahl der Hass-Taten gegen Amts- und Würdenträger: Sie kursierten vorher mit den Privatadressen auf Listen. Insofern ist das eine hohe Gefahr."

In Bayern beschäftigt sich seit kurzem der Landtag mit der Sekte. Die Staatsregierung ist beauftragt, die Aktivitäten der Sekte genauer zu beleuchten. Darüber hinaus führt die Generalstaatsanwaltschaft München ein Vorermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Volksverhetzung.

Das Bayerische Innenministerium äußerte sich zu den neuen Recherchen und dem bekannt gewordenen Umfang der Datensammlung auf BR-Anfrage nicht konkret.

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