Blick auf die Synagoge von Halle/Saale vor einer Sabbat-Feier. | Bildquelle: dpa

Corona und Antisemitismus Alte Feindbilder zurechtgebogen

Stand: 09.04.2020 18:06 Uhr

"Krisenzeiten waren schon immer Hochzeiten des Judenhasses", sagt die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Knobloch. Auch aktuell nutzen Extremisten die Corona-Pandemie für Judenhetze.

Von Joseph Röhmel und Sabina Wolf, BR

Die Corona-Pandemie greift längst um sich, als eine Passantin am 23. März bei einem Spaziergang in der Bamberger Altstadt am Gabelmann-Brunnen ein handgeschriebenes Pappschild entdeckt. Darauf steht unter anderem: "Coronavirus heißt Judenkapitalismus". Der Fall ist inzwischen bei der "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" Bayern (RIAS) gelandet. Zur Anzeige kam es bisher zwar nicht, jedoch werde eines deutlich, sagt die Leiterin von RIAS-Bayern, Annette Seidel-Arpaci, dem BR: "Antisemitismus ist in Zeiten von Corona nicht nur online, sondern auch auf der Straße zu finden."

Wer hinter dem Plakat steckt, ist unklar. Islamisten und Rechtsextremisten nutzen die aktuelle Lage, um Judenhass zu verbreiten - auf der Straße, wie in Bamberg, und auch im Internet. Es sind die gleichen Stereotypen, die dann ins reale Leben schwappen. Es geht um den Kampf gegen Jüdinnen und Juden oder gegen die "Zionisten".

Juden durch Umarmung infizieren

Im Netz tauchen Bilder mit gelben David-Sternen auf, die Juden während der NS-Zeit zur Markierung an der Kleidung tragen mussten. Oder die Karikatur eines Juden in einem trojanischen Pferd, der so das Virus in eine Stadt einschleust. Und: Das Coronavirus wird nur als Probelauf für den echten Virus bezeichnet - "der abartigen jüdisch orthodoxen Freimaurer Sekte alias Zionisten". Zudem wird behauptet, das Coronavirus sei von den "Zionisten" in israelischen Laboren hergestellt worden. Es wird dazu aufgefordert, Juden mit dem Virus anzustecken, indem Infizierte sie umarmen oder anhusten.  

In Jerusalem hat das Middle East Media Research Institute (MEMRI) seit zwei Monaten im Blick, was Islamisten zur Pandemie im Internet veröffentlichen. "Für islamistische Gruppierungen, wie die Muslimbruderschaft, den 'Islamischen Staat' oder Al-Kaida, ist das Coronavirus der Soldat Allahs, er soll alle Feinde bekämpfen. Corona soll als Waffe genutzt werden", sagt MEMRI-Leiter Yigal Carmon über das Ergebnis seiner jüngsten Studie. Er fordert, die sozialen Medien müssten solche volksverhetzenden Posts und Tweet viel schneller löschen.

Psychologe Mansour: Feindbilder sehr beliebt

Bisher hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern nicht beobachtet, "dass antisemitische Verschwörungsmythen zu Corona über die üblichen verschwörungsideologischen Kreise hinaus Gehör finden würden". Trotzdem sieht der Psychologe Ahmad Mansour, der seit Jahren Extremisten beobachtet, eine Gefahr für die Gesellschaft. Alte Feindbilder würden an die aktuelle Situation angepasst, sagt Mansour: "Es wird versucht, ein Feindbild zu verbreiten, das die Menschen schon kennen. Und deshalb sind diese Feindbilder sehr beliebt und sehr verbreitet - online wie auch offline."

Ähnlich sieht das auch Alexander Rasumny vom Bundesverband der Recherche und Informationsstellen Antisemitismus in Berlin: "Das ist etwas, was wir schon aus der Geschichte des Antisemitismus kennen - dass in Zeiten, wo eine Krankheit besonders stark grassiert, sehr häufig Schuldige und einfache Erklärungsmuster gesucht werden, die auf eine angebliche jüdische Allmacht projiziert werden."

Kleine radikale Minderheit

Der Psychologe Mansour sagt: "Ich sehe nicht nur Verschwörungstheorien. Ich sehe Volksverhetzung, Aufruf zur Verletzung von Juden." Die Hetze komme von einer sehr kleinen radikalen Minderheit. Jedoch könne eine sehr kleine Gruppe eine ganze Gesellschaft verunsichern. Das hätten die Terroranschläge in letzter Zeit gezeigt. Der Psychologe ist davon überzeugt, dass viele Menschen durch die Ausgangsbeschränkungen einen Kontrollverlust erleben und sich deshalb auf die Suche nach alternativen Erklärungen machen. Umso gefährlicher sind jetzt antisemitische Verschwörungstheorien.

Sicherheitsbehörden sind alarmiert. "Wir beobachten, dass es Versuche gibt, die Pandemie propagandistisch auszunutzen, insbesondere mit Hilfe der Verbreitung von Verschwörungstheorien und Desinformation", sagt der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, dem BR. "Im neonazistischen Bereich ist die überwiegende Mehrheit der Meinung, hinter der Krise stecke der Jude", heißt es vom bayerischen Verfassungsschutz. Es werde verbreitet, Juden profitierten durch die von der Pandemie ausgelösten Finanzkrise als Geldverleiher.

Die Verfassungsschützer im Freistaat berufen sich etwa auf einen Beitrag auf der Internetseite der Partei "Der dritte Weg". Die Partei suggeriere, der Internationale Währungsfonds und die Europäische Zentralbank (EZB) würden die jetzige Situation ausnutzen, um ein bereits länger beabsichtigtes Motiv umzusetzen - die Abschaffung von Bargeld. In diesem Beitrag wird unter anderem auf die vermeintlich jüdische Abstammung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde angespielt.

Hassobjekt jüdischer Geschäftsmann

Rechtsextreme gehen nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer davon aus, dass jüdische Eliten die Pandemie bewusst hervorgerufen haben. Im Mittelpunkt stehen Unternehmer jüdischer Herkunft, etwa der US-Amerikaner Georges Soros. "Insbesondere die Person Soros wird von Rechtsextremisten häufig als eine Art Codeelement verwendet, um die Elitenkritik mit der Behauptung einer vermeintlich jüdischen Weltverschwörung zu verknüpfen", teilt das Bundesamt für Verfassungsschutz mit.

"Verschwörungstheorien verbreiten sich schneller als der Erreger"

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, macht diese Hetze betroffen. "Krisenzeiten waren schon immer Hochzeiten des Judenhasses." Die Ausbreitung eines Virus, der nach Konfession und Herkunft natürlich nicht unterscheide, erklärten rechtsextreme und islamistische Judenhasser sich und anderen mit abstrusen Ideen, die nur eins gemeinsam hätten: "Sie sehen 'die Juden' oder den Staat Israel hinter der aktuellen Pandemie", sagt sie.

Nach Knoblochs Worten verbreiten sich "absurde Verschwörungstheorien im gegenwärtigen Klima der Unsicherheit fast schneller als der Erreger selbst: Gegen sie hilft keine Ausgangssperre." Das Virus des Antisemitismus müsse politisch und gesellschaftlich eingedämmt werden, "sonst werden wir auch nach Corona immer wieder neue Ausbrüche erleben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. April 2020 um 19:07 Uhr in der Sendung "Kommentare und Themen der Woche".

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