Hand hält Smartphone mit Kryptowährungtradingapp vor Monitor | picture alliance / Zoonar
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Betrug mit Kryptowährungen Warnsystem mit Lücken

Stand: 16.02.2022 05:00 Uhr

Die Schäden durch Anlagebetrug mit Kryptowährungen belaufen sich auf Hunderte Millionen Euro. Warnungen könnten Anleger schützen. Doch nach BR-Recherchen gab die Finanzaufsicht Bafin Warnmeldungen nicht weiter.

Von Maximilian Zierer, Hakan Tanriverdi, Kilian Neuwert, Pia Dangelmayer, BR

Ein bisschen Geld anlegen, vielleicht das Auto abbezahlen: Das ging Cornelia Schubert durch den Kopf, als sie sich für eine Investition in die Digitalwährung Bitcoin entschied. Vor zwei Jahren war das. Damals war Cornelia Schubert bei einer Internetrecherche auf die Plattform "Marketrobo" gestoßen. Die Betreiber warben mit gewinnbringenden Anlagen: "Praktisch im Stundentakt" werde man die Bitcoins der Anleger vermehren, hieß es etwa in einem Video.

Später stellte sich heraus, dass es sich um leere Versprechungen handelte: Die Website ist heute aus dem Internet verschwunden, das Geld der Anleger ist weg. Menschen aus ganz Deutschland sind betrogen worden.

Professionelle Betrüger

Cornelia Schubert investierte rund 1000 Euro. Immer, wenn sie Geld übrig hatte, tauschte sie es in die Digitalwährung Bitcoin um - ganz so, als würde sie Euro in Dollar wechseln. Die Bitcoins überwies Cornelia Schubert dann an Marketrobo. Andere legten auf diese Weise Beträge in Höhe von bis zu 60.000 Euro an. Der Internetauftritt der Plattform wirkte professionell. Nach einer Anmeldung auf der Webseite meldeten sich angebliche Anlageberater. Sie überzeugten auch Cornelia Schubert.

Anleger hätten gewarnt sein können

Die letzte Überweisung tätigte Cornelia Schubert am 8. Mai 2020. Heute ist klar, dass sie zu diesem Zeitpunkt längst hätte gewarnt sein können, denn damals gab es bereits eine behördliche Warnmeldung vor Marketrobo. Nur kam diese nicht aus Deutschland, sondern aus Spanien. Die dortige Finanzaufsicht hatte die Warnung veröffentlicht, weil es Hinweise gab, dass die Seitenbetreiber keinerlei Lizenz für Finanzgeschäfte hatten. Mehrere europäische Länder übernahmen die Meldung, um ihre Bevölkerung vor den dubiosen Anlagen zu warnen. Etwa Griechenland, Schweden, Estland, Belgien oder Ungarn.

BaFin warnte nicht

Die hierzulande zuständige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) übernahm die Meldung nicht. Das zeigen BR-Recherchen. Zwar fanden sich auch 2020 allgemeine Warnhinweise zu dubiosen Online-Handelsplattformen auf der Webseite der BaFin, wer Marketrobo in eine Suchmaschine wie Google eingab, landete aber nicht bei der BaFin. Die Meldung aus Spanien war auf der Internetseite der deutschen Aufsichtsbehörde nicht zu finden.

Die BaFin übernehme Meldungen aus anderen Ländern nicht unbesehen, argumentierte eine Sprecherin im BR-Interview. Die BaFin warne nur, "wenn wir Kenntnis davon bekommen, dass das Unternehmen sich an den deutschen Markt und an deutsche Bürger wendet und eben das eigentlich nicht darf, weil es die Erlaubnis nicht hat".

Marketrobo aber wandte sich gezielt an deutsche Anleger. Dafür sprechen unter anderem der deutsche Internetauftritt sowie die Werbevideos. Auch die angeblichen Anlageberater sprachen deutsch. Eine Erlaubnis für Finanzgeschäfte hatte Marketrobo nicht. Doch die BaFin wusste offenbar lange Zeit von nichts.

Internationales Warnsystem ohne deutsche Beteiligung

Auch an einem internationalen Warnsystem beteiligte sich die BaFin nach BR-Recherchen in der Vergangenheit nicht aktiv. Angesiedelt ist es bei der internationalen Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden (IOSCO). Finanzaufsichten aus der ganzen Welt leiten ihre Warnungen an die IOSCO weiter. Die IOSCO sammelt und veröffentlicht sie in einer Datenbank auf ihrer Webseite. So sollen Anleger weltweit über unseriöse Finanzfirmen informiert werden.

Auf diese Weise wurden in der englischsprachigen Datenbank seit dem Jahr 2010 mehr als 15.000 Warnungen veröffentlicht. Österreich leitete 600 Warnungen an die IOSCO weiter, Spanien 1700, das Vereinigte Königreich warnte 5000 Mal. Aus Deutschland ist nur eine einzige Meldung eingegangen: vor gut zwölf Jahren. Auf Nachfrage erklärte die BaFin dazu, dass die Behörde prüfe, ob und wie für deutsche Anleger ein zusätzlicher Nutzen zu erreichen ist, wenn Warnungen zusätzlich zu eigenen Veröffentlichungen an die IOSCO weitergeleitet werden. Wenige Tage nach der BR-Anfrage erscheinen zwei neue Warnmeldungen der BaFin in der IOSCO-Datenbank.

Verbraucherschützer fordern internationalen Austausch

Verbraucherschützer fordern vor diesem Hintergrund einen besseren Austausch der Behörden. Sascha Straub, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Bayern, sprach sich im BR-Interview für ein europäisch koordiniertes Vorgehen aus. Wenn - wie im Falle von Marketrobo geschehen - die spanische Finanzaufsichtsbehörde warne, dann sollte die Warnung weitergereicht werden, sagt Straub. Die BaFin müsse sie übernehmen.

Auch spezialisierte Ermittler argumentieren ähnlich. Ihnen sind Betrugsmaschen wie die von Marketrobo seit langem bekannt. Thomas Goger, leitender Oberstaatsanwalt bei der Bayerischen Zentralstelle für Internetkriminalität, sagte dem BR, es sei nicht nachvollziehbar, "warum in Land A vor Plattform A gewarnt wird, in Land B aber noch nicht." Das mache es für die Opfer schwierig. Goger und sein Team kümmern sich in Bayern schwerpunktmäßig um Internetkriminalität. Von Bamberg aus ermitteln sie in Fällen von Betrug mit Digitalwährungen, bei denen bislang ein Schaden im hohen dreistelligen Millionenbereich entstanden ist. 

BaFin verteidigt sich

Die BaFin-Sprecherin erklärte auf Nachfrage, die Behörde könne erst seit Ende 2020 warnen, wenn es einen Verdacht auf unerlaubte Finanzgeschäfte gäbe. Jeder könne auf der Internetseite der BaFin recherchieren, ob ein Unternehmen eine Erlaubnis habe, seine Dienstleistungen in Deutschland anzubieten. Eine stärkere europäische Zusammenarbeit begrüßt die Behörde.

Marketrobo-Anlegerin Cornelia Schubert sagt heute, hätte sie eine Warnung im Internet gefunden, dann hätte sie nicht investiert.