Polizeiwagen stehen vor einer Moschee in Baerum nahe Oslo | Bildquelle: AP

Attacke auf Moschee in Norwegen Im "Rassenkrieg"

Stand: 12.08.2019 15:26 Uhr

Der Angriff auf eine Moschee in Norwegen ist im Netz offenkundig angekündigt worden. Der mutmaßliche Täter bezieht sich auf andere Terrorattacken und sieht sich demnach in einem "Rassenkrieg".

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Acht Jahre nach den Anschlägen von Oslo und Utöya wird Norwegen erneut von einer Terrorattacke erschüttert. Allerdings konnte der Angreifer in einer Moschee gestoppt werden, bevor er Menschen erschießen konnte. Der Attentäter war laut Zeugen mit zwei Schrotflinten und einer Pistole bewaffnet in die Al-Noor-Moschee in Baerum bei Oslo eingedrungen. Dort hielten sich zu dem Zeitpunkt drei Gläubige zum Gebet auf. Zwei der Männer seien sofort in Deckung gesprungen, doch ein Mann habe den Angreifer überwältigt, sagte der Moschee-Vorstand dem Sender TV2.

Der mutmaßliche Täter steht zudem in Verdacht, vor dem Angriff auf die Moschee seine 17-jährige Halbschwester getötet zu haben.

Bislang schweigt der Mann zu den Vorwürfen. Ermittlungen hätten aber ergeben, teilte die Polizei mit, dass der Täter rechtsextremistische Ansichten gehabt habe. Zudem habe er mit dem norwegischen Nazi-Kollaborateur Vidkun Quisling sympathisiert, der im Zweiten Weltkrieg eine von den deutschen Besatzern abhängige Regierung führte. Sein Name ist zum Synonym für Kollaborateure geworden. Der Festgenommene habe auch eine feindselige Haltung gegen Einwanderer, so die Polizei.

Attacke offenkundig angekündigt

Im Netz hatte der Angreifer etwa zwei Stunden vor der Attacke eine Nachricht veröffentlicht. In einem Forum auf der Seite "Endchain" schrieb er: "Kumpels, meine Zeit ist gekommen." Er sei von dem rechtsextremen Attentäter von Christchurch auserwählt, den "Rassenkrieg" weiterzuführen. Zudem rief er andere Nutzer dazu auf, sich diesem Krieg anzuschließen. Außerdem versuchte der norwegische Attentäter angeblich, seine Tat im Netz zu streamen. Der Attentäter von Christchurch hatte seinen Anschlag live übertragen.

In Christchurch hatte der Attentäter zwei Moscheen attackiert, darunter eine Al-Noor-Moschee. Dies ist auch der Name des islamischen Zentrums in Baerum, das nun angegriffen wurde. Seinen kurzen Text beendet der mutmaßliche Attentäter mit dem Hinweis, dass Walhall auf ihn warte. Walhall ist in der nordischen Mythologie der Ruhesaal von besonders tapferen in der Schlacht gefallenen Soldaten.

Menschen versammeln sich zu einer Solidaritätsaktion in Oslo | Bildquelle: AP
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Vor vielen Moscheen kam es zu spontanen Solidaritätskundgebungen.

Neben der kurzen Ankündigung verbreitete der mutmaßliche Täter von Baerum auch noch eine Grafik, die sich auf rechtsextreme Attentäter bezieht und sie als Vorbilder darstellt. Dabei geht es nicht ausschließlich um Anschläge gegen Muslime, sondern auch um den Angriff auf eine Synagoge in Kalifornien im April 2019. Auf Instagram teilte der Norweger Bilder von dem norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik.

Außerdem verbreitete der norwegische Attentäter Fotos, die ihn seit seiner frühen Kindheit zeigen. Verschiedene Medien veröffentlichten diese Fotos. Norwegische Medien berichteten zudem, der Hauptverdächtige sei 21 Jahre alt, habe sein ganzes Leben in Baerum gelebt, sei wohlhabend und zuvor nicht als kriminell aufgefallen.

Serie von rechtsextremen Anschlägen

Angesichts der Indizien scheint die Tat aber in einer Reihe von Angriffen in den vergangenen Monaten zu stehen, die auf das Konto von jungen Männern gehen: Der Anschlag in Christchurch mit 50 Todesopfern, das Blutbad in El Paso an der Grenze zu Mexiko mit mehr als 20 Toten, der Anschlag auf eine Synagoge in Poway, bei dem ein 19-jähriger Weißer eine Frau erschoss und unter anderem einen Rabbi verletzte.

Gemeinsam haben die Fälle, dass die Täter mutmaßlich aus rechtsextremen Motiven handelten. Der Hauptverdächtige des Angriffs von Poway veröffentlichte einen antisemitischen und rassistischen Brief auf "8chan", darin war von einem angeblichen "Genozid an der weißen Rasse" die Rede.

Auf diese Verschwörungstheorie bezog sich der Angreifer von El Paso in einem "Manifest" ebenfalls, das Papier verbreitete er ebenfalls über "8chan". Seitdem ist die Seite nicht mehr erreichbar. Der mutmaßliche Angreifer von Baerum veröffentlichte seine Ankündigung nun auf "Endchan", wo nun offenbar viele ehemalige Nutzer von "8chan" aktiv sind.

"Systematisch unterschätzt"

Der Attentäter von Christchurch hatte in seinem Manifest betont, er habe durch seine Tat andere potenzielle Täter "inspirieren" wollen. Offenbar ist die Saat des Hasses aufgegangen. Experten warnen seit Längerem vor jungen Männern, die sich auf Seiten wie "8chan" zusammenfinden und weiter radikalisieren. Neben antisemitischen und rassistischen Motiven spielt auch der Hass auf Frauen in diesem Kontext eine zentrale Rolle.

Die Forscherin Julia Ebner vergleicht die rechtsextremen Täter mit IS-Terroristen: Es handele sich nicht einfach um Einzeltäter, sondern die jungen Männer seien Teil einer toxischen und extremistischen Subkultur. Politik und Behörden hätten die Gefahren, die sich aus der gewalttätigen rechtsextremen Ideologie ergeben, systematisch unterschätzt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. August 2019 um 13:10 Uhr.

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