Geflüchtete Studierende aus der Ukraine verstauen ihr Gepäck in einem Bus nahe der ukrainisch-ungarischen Grenze. | AFP
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Krieg in der Ukraine Schwarze Menschen an Flucht gehindert?

Stand: 03.03.2022 10:46 Uhr

Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine versuchen viele Menschen, das Land zu verlassen. Im Netz sind Videos zu sehen, wie einigen angeblich aufgrund rassistischer Motive nicht geholfen wird. Was ist da dran?

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau, Attila Poth, ARD-Studio Wien und Pascal Siggelkow, Redaktion ARD-faktenfinder

Es sind erschütternde Videos, die derzeit im Netz kursieren: Schwarze Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine flüchten wollen, werden von ukrainischen Polizisten von den rettenden Zügen ferngehalten, dürfen nicht einsteigen - nur wegen ihres Aussehens. Unter dem #AfricansinUkraine wird den ukrainischen Behörden Rassismus vorgeworfen, ebenso den Behörden in den angrenzenden Ländern wie Polen. Werden schwarze Menschen etwa gezielt an der Flucht gehindert?

Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) sind bereits mehr als 500.000 Ukrainer seit dem russischen Angriff aus dem Land geflohen. Die meisten Nachbarländer zeigten sich hilfsbereit, kündigten die Aufnahme der ukrainischen Flüchtlinge an. Darunter auch Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, der in der Vergangenheit bislang vor allem wegen seiner vehementen Ablehnung einer gemeinsamen EU-Flüchtlingspolitik aufgefallen war.

"Können Berichte weder dementieren noch bestätigen"

In einem Artikel der BBC schildern Studierende aus Nigeria, dass ihnen von Polizisten an der polnischen Grenze gesagt worden sei, dass sie sich um Afrikaner nicht kümmern würden. Die Polizisten hätten die Studenten zudem geschlagen. An den Zügen in Richtung Polen seien nur Ukrainer erlaubt, hätten die Polizisten ihnen gesagt. Auch indische Studierende berichten in den Sozialen Medien von ähnlichen Vorfällen. Der nigerianische Präsident Muhammadu Buhari twitterte daraufhin, dass die Hautfarbe oder der Pass keinen Unterschied machen dürfe bei der Behandlung von Flüchtlingen.

"Wir können die Berichte weder bestätigen, noch dementieren", sagte ein Sprecher der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR gegenüber tagesschau.de. Auch der Deutsche Caritasverband antwortete auf Nachfrage, dass sie die Anschuldigungen nicht verifizieren könnten. "Wir haben dazu von unseren Partnern vor Ort nichts gehört." Das gleiche gilt auch für Amnesty International.

Rassismusvorwürfe am polnischen Grenzübergang

Auch an den Nachbarländern gab es Rassismusvorwürfe gegenüber den Behörden, beispielsweise in Polen. "Südafrikanische Studierende und andere Afrikaner wurden schlecht behandelt an der ukrainisch-polnischen Grenze", schrieb Clayson Monyela vom südafrikanischen Außenministerium auf Twitter. Andere berichteten, dass die polnischen Behörden gezielt schwarze Menschen an der Grenze abgewiesen hätten.

Der Zeitung "Gazeta Wyborzca" erzählten schwarze Studierende gar, sie seien aus Schlangen herausgedrängt und beschimpft worden, Taxifahrer hätten sie betrogen. Und weil sich das alles bisweilen offenbar nicht Stunden, sondern Tage hinzog und die Studierenden ihre verzweifelten Botschaften per Internet in die Welt sendeten, entstand schnell eine Nachricht, die die polnische Führung allerdings als "Fake News" zurückweist.

"Alle Personen, die vor dem Krieg flüchten, werden über die Grenze nach Polen gelassen", sagte der örtliche Grenzschutzsprecher Piotr Zakielarz dem ARD-Studio Warschau. "Bei einigen Ausländern muss der Grenzschutz gemäß seiner gesetzlichen Aufgaben gesondert tätig werden, aber niemand wird zurück in die Ukraine abgeschoben."

Sind die Grenzbeamten überfordert?

Krystina Lesniak-Moczuk von der Universität Rzeszow im Südosten Polens arbeitet mit einigen Hochschulen in der Ukraine zusammen. "Ich habe unmittelbare Informationen bekommen, dass die Studierenden in der Kriegszeit nicht in ihre Heimatländer fliegen können, also begaben sie sich zur nächsten Grenze." Der Andrang dort sei sehr hoch gewesen. Einige Studierende hätten bis zu 40 Stunden an der Grenze warten müssen.

"Bei mir ist jetzt auch eine Gruppe Studierender aus afrikanischen Ländern, die übernachten bei mir. Es gibt so viele Passagiere, dass sie erst heute einen Platz gefunden haben, um nach Warschau zu fahren und abzufliegen", sagte Lesniak-Moczuk. Keiner der Studierenden habe ihr berichtet, dass die Probleme einen rassistischen Hintergrund gehabt hätten.

Sie vermutet, dass sich die Behörden schwer taten angesichts des Andrangs aus der Ukraine - zumal ukrainische Männer gar nicht ausreisen dürfen. "Bei mir ist eine nicht so große Gruppe, aber es war keine Rede davon, dass sie geklagt hätten oder etwas Böses gesagt worden sei. Sie verstehen auch die Kriegssituation und dass es schwierig ist. Und sie sind froh, in Sicherheit in Polen zu sein."

Getrennte Unterkünfte in Ungarn?

Auch am Grenzübergang im ungarischen Záhony konnte ein Reporter des ARD-Studios Wien nicht bestätigen, dass schwarze Menschen an der Flucht gehindert werden. Allerdings gibt es einen Bericht des ungarischen Nachrichtenportals "444.hu", dass Menschen aus sogenannten Drittstaaten offenbar getrennt behandelt werden am Grenzübergang Beregsurány. So sollen sie den Angaben zufolge in ein anderes Unterbringungszentrum gebracht werden. Die Mehrheit dieser Menschen sei aus Afrika und Indien.

Die Anschuldigungen vor allem gegenüber den ukrainischen Behörden wiegen insofern besonders schwer, da es dem Narrativ der russischen Staatsmedien und auch des Präsidenten Wladimir Putin entspricht. Dieser hatte den Angriff auf die Ukraine unter anderem damit begründet, dass er das Land von den "Nazis" befreien wolle. Jedoch lassen sich die Anschuldigungen, dass es eine Anweisung der ukrainischen Behörden oder die der Nachbarländer gibt, gezielt schwarze Menschen bei der Aus- oder Einreise zu behindern, zur Zeit nicht bestätigen. Dennoch sollten die Schilderungen der betroffenen Menschen natürlich ernst genommen und eine mögliche Systematik untersucht werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Februar 2022 um 20:00 Uhr.