Menschen stehen Schlange an einem Geldautomaten im westukrainischen Lviv. | REUTERS
Interview

Nothelfer in der Ukraine "In zwei bis drei Tagen Engpässe"

Stand: 24.02.2022 20:22 Uhr

Russland ist in die Ukraine einmarschiert, viele Menschen müssen fliehen. Im Interview erklärt Pavlo Titko von der Malteser-Organisation in der Ukraine, mit welchen humanitären Folgen er rechnet - und wann die Hilfe zusammenbrechen könnte.

tagesschau.de: Herr Titko, wie haben Sie die vergangenen Stunden verbracht? 

Pavlo Titko: Ich war seit heute früh am Telefon. Ich spreche mit Kollegen in allen Landesteilen. An den Grenzen und auch im Osten des Landes. Von dort höre ich von ganz dramatischen Situationen. Es gibt Ortschaften, die sind komplett vom feindlichen Militär umkreist. Es gibt keine Aus- und Einreisemöglichkeiten für Frauen und Kinder. Viele Kollegen arbeiten heute aber auch nicht, weil sie alles für sich und ihre Familien organisieren müssen. Aber die Reisemöglichkeiten sind begrenzt. Selbst von Kiew aus kommt man schon nicht mehr nach Westen durch. 

Pavlo Titko | Pavlo Titko
Zur Person

Pavlo Titko leitet das Team der Malteser-Hilfsorganisation in der Ukraine. Der gebürtige Ukrainer befindet sich derzeit in Lviv, im Westen des Landes. Sein Team leistet unter anderem psychosoziale Hilfe für Vertriebene aus den ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk.

tagesschau.de: Worauf bereiten Sie Ihre Organisation vor?

Titko: Für morgen ist eine mobile Armenküche geplant. Die ist schon vorbezahlt. Wir müssen jetzt auf Soforthilfe ausweichen. Wir versuchen, die Flüchtlingshilfe vorzubereiten und Logistik, Versorgung und Technik zu organisieren. Bis zuletzt hat hier niemand gedacht, dass es so knallen wird - und sogar westlich von Lviv.

Heute haben wir noch einmal versucht, Lebensmittel zu kaufen. Das ging nicht in dem Umfang wie gedacht. Die Schlangen an den Geschäften und Kassen sind riesig. Es gibt wenig Lebensmittel, nur eine Packung pro Person und maximal 20 Liter Benzin pro Auto. Vor den Apotheken wartet man den ganzen Tag. Die Menschen versuchen, auch für das Militär einzukaufen und zu spenden. Auch deswegen gibt es kaum noch Verbandszeug. 

"Feldbetten, Decken, Lebensmittel, Bargeld"

tagesschau.de: Welche humanitären Güter werden am dringendsten benötigt? 

Titko: Wir erstellen derzeit eine Liste an Medikamenten, die Menschen schon im Alltag nötig hatten. Wenn sie die nicht bekommen, dann droht eine Katastrophe. Ansonsten werden Flüchtlingsutensilien gebraucht: Feldbetten, Decken, Lebensmittel und Bargeld. Wir können uns noch nicht vollständig orientieren. Wir hoffen, dass die Wasserversorgung nicht zusammenbricht. Niemand weiß, was als nächstes zerbombt wird.

Wenn die Verletzten in die Krankenhäuser kommen, dann wird alles an Medizin gebraucht, was da ist. Wegen der wirtschaftlichen Situation gab es dort schon in Friedenszeiten Engpässe. Jetzt kommt alles auf einmal. 

tagesschau.de: Was erwarten Sie für die kommenden Tage?

Titko: Ich vermute, dass in zwei bis drei Tagen Engpässe eintreten werden. Und wir erwarten viele Flüchtlinge. Sie sind ja jetzt schon da. Viele wollen weiter nach Westen. An der polnischen und ungarischen Grenze sind riesig viele Menschen. Einige werden aber auch bleiben. Die größte Frage für die humanitäre Hilfe ist, ob die Grenze zu Polen und Ungarn offen bleibt. Wenn Russland diese Grenze zumacht, dann gibt es keine humanitäre Hilfe mehr. Es ist schwierig vorauszusehen, was morgen ist. Hoffentlich bleiben die Menschen, mit denen ich im ganzen Land arbeite, gesund.

"Die Ukraine ist vortraumatisiert"

tagesschau.de: Aus welchen Landesteilen kommen die Flüchtlinge, die Sie sehen?

Titko: Es sind Menschen aus der ganzen Ukraine. Vor einer Woche war Lviv schon voll. Ich habe beinahe mehr Nummernschilder aus diesen Regionen gesehen, als aus Lviv selbst. Alle Hotels und Ferienwohnungen sind voll. Es ist wahrscheinlich wie 2014 und 2015: Je mehr Geld man hat, desto weiter fährt man. 

Viele Menschen sind außerdem traumatisiert, die Ukraine ist vortraumatisiert. Erinnerungen kommen gerade hoch. Psychosozial könnten wir hier fast mit jedem arbeiten. Das kann nicht so einfach bewältigt werden. 

tagesschau.de: Haben Sie selbst auch darüber nachgedacht zu flüchten?

Titko: Nein. Ich bleibe erstmal. Meine Familie, meine Kinder, meine Verwandten sind auch hier. Außerdem hängt die Organisation von mir ab. Das kann man nicht einfach so zurücklassen. Wir bleiben.

Das Gespräch führte Tobias Dammers, ARD-Studio Brüssel.