Eine zerstörte Brücke zwischen den ukrainischen Städten Sewerodonetsk und Lyssytschansk | AFP

Kämpfe im Donbass Entscheidende Tage für Luhansk

Stand: 26.05.2022 13:10 Uhr

Die militärische Lage im Donbass spitzt sich zu. Vor allem das Gebiet Luhansk ist heftigen Angriffen ausgesetzt. Die ukrainische Seite könnte vor dem Verlust der strategisch bedeutsamen Stadt Sewerodonezk stehen.

Von Palina Milling, ARD-Studio Moskau

Die Straße nach Seweredonezk, der aktuell wohl am schwersten umkämpften Stadt im Donbass, wird inzwischen "die Straße des Lebens" genannt. Denn die schmale Verkehrsader - eine Spur pro Richtung - ist zur Zeit die wichtigste Verbindung dorthin. Doch auch sie ist gefährdet.

Palina Milling

Eine einzige Straße als Verbindung nach draußen

Ein Video, geteilt in den ukrainischen Medien, soll die aktuelle Lage dort zeigen. Auf der Aufnahme ist zu sehen, dass der Asphalt teils zugeschüttet ist. Links und rechts steigen immer wieder Staubwirbel hoch in den Himmel auf: Der Beschuss reicht offenbar an die Fahrbahn heran.

"Die Straße steht nicht unter Besatzung, sie ist aber feindlichem Feuer ausgesetzt. Je nach Situation lassen die Militärs keine Zivilisten passieren", erklärt der militärische Leiter der regionalen Verwaltung von Sewerodonezk, Roman Wlassenko, im ukrainischen Fernsehen. "Wir haben noch die Möglichkeit, Menschen über diese Straße in Sicherheit zu bringen und auch humanitäre Hilfe sowie Wasser nach Sewerodonezk zu transportieren. Militärische Logistik findet ebenfalls noch statt."

Sewerodonezk ist strategisch wichtig

Kontakte nach Sewerodonezk sind rar, nur wenige können die Lage in der Stadt überhaupt beschreiben. Etwa 100.000 Menschen lebten vor Ausbruch des Krieges in Sewerodonezk. Nach Schätzungen halten sich circa zehn Prozent von ihnen noch dort auf - unter katastrophalen Bedingungen: kein Gas, kein Strom, kein Wasser. "Dort ist die Hölle, das kann man so sagen. Kommunale Versorgung gibt es gar keine mehr", bestätigt Wlassenko.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/25.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/25.05.2022

"Wenn sie es überhaupt schaffen, verteilen die Rettungskräfte Brauchwasser an die Bevölkerung." Die Menschen lebten praktisch in den Bunkern oder in den Kellern der Hochhäuser: "Sie kochen irgendwie nebenan, draußen oder gehen kurz raus in ihre Küchen. Und in solchen Augenblicken können sie den Angriffen zum Opfer fallen." Die Stadt bestehe praktisch aus Plattenbauten. Kaum einer soll intakt geblieben sein. Bilder zeigen zerbombte Hausfassaden, ausgebrannte Wohnungen und Trümmer in den Höfen.

Sewerodonezk, eine Stadt rund um ein großes Düngermittelwerk, gewann 2014 an Bedeutung. Als die Gebietshauptstadt Luhansk an die Separatisten fiel, zog die Verwaltung kommissarisch dorthin. Doch wie lange die ukrainischen Streitkräfte Sewerodonezk noch halten werden, ist unklar. Die russischen Truppen haben die Stadt in die Zange genommen, sie ist aus drei Richtungen belagert. Die Angaben zum Kriegsgeschehen können nicht unabhängig überprüft werden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Rückzug als Zeitgewinn?

Eine Zange droht sich auch um den ukrainisch kontrollierten Rest des Gebiets Luhansk zu schließen. 95 Prozent seines Territoriums sind nach ukrainischen Angaben mittlerweile unter russischer Kontrolle. Russische Truppen könnten versuchen, die ukrainischen Einheiten im Gebiet Luhansk einzukesseln.

Militäranalysten spekulieren, die Ukrainer könnten sich deshalb zurückziehen, um die Soldaten zu retten und den Waffennachschub aus dem Westen abzuwarten - für eine angestrebte Gegenoffensive etwa ab der zweiten Sommerhälfte. Bis dahin sind weiter erbitterte Gefechte zu erwarten. Im Gebiet Luhansk könnten die russischen Angriffe laut Prognosen des ukrainischen Militärs schon in den nächsten Tagen ihren Höhepunkt erreichen, schätzen einige Militäranalysten.

Der militärische Leiter der Region, Serhij Hajdaj, sprach wörtlich von den entscheidenden Tagen, die nun bevorstünden. Hajdaj meldete am Vormittag einen massiven und lange andauernden Artillerie-Angriff auf die Stadt Lyssytschansk. Der Beschuss der Region höre nicht auf. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist seine Armee im Osten der russischen Seite zahlenmäßig unterlegen - in Mannstärke und in Kampfausrüstung.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 26. Mai 2022 um 14:04 Uhr.