Taliban auf Patrouille in Kabul. | EPA
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Ehemalige Ortskraft BND-Mann auf der Flucht vor den Taliban

Stand: 19.09.2021 10:20 Uhr

Noch immer sind nach der Machtübernahme der Taliban viele Ortskräfte nicht in Sicherheit. Auch ein Mann, der offenbar jahrelang mit dem BND zusammengearbeitet hat, ist auf der Flucht - und hofft bisher vergeblich auf Rettung.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Auf die bunte Urkunde war Abdul Yusuf Rahman (Name geändert) lange stolz, inzwischen ist sie für ihn Belastung und Hoffnung zugleich. Darauf steht, er habe an einem Kurz-Lehrgang "nachrichtendienstliche Informationsbeschaffung" teilgenommen. "Mit gutem Ergebnis", wurde ihm am damaligen Bundeswehrstandort in Kundus bescheinigt - vom Bundesnachrichtendienst BND.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Er sei Hauptmann gewesen und für das afghanische Verteidigungsministerium tätig. "Ich hatte mehrere Kurse beim deutschen BND und habe bis 2017 mit ihm zusammengearbeitet", sagt er. "Ich habe dem Nachrichtendienst geheime Informationen über Regierungsgegner gegeben. Vier Jahre lang, von 2013 bis Ende 2017, habe ich ihm berichtet."

Nun sei er in akuter Gefahr, sagt er, eben wegen seiner Tätigkeit für den deutschen Auslandsgeheimdienst. Seine Angaben lassen sich nicht vollständig überprüfen. Er belegt sie jedoch mit diversen Dokumenten, unter anderem der BND-Urkunde.

Flucht in ein Nachbarland

In Afghanistan sei er den Taliban schon aufgefallen, glaubt Rahman: "Nach dem Fall von Kabul kamen sie mit Maschinengewehren zu meinem Haus. Das war ein ernsthaftes Signal für mich, das Land mit meiner Familie so schnell wie möglich zu verlassen."

Rahman ist tatsächlich bald darauf aus Afghanistan geflohen, in Sicherheit ist er aber längst noch nicht. Er befindet sich nach Informationen des ARD-Studios Südasien inzwischen in einem Nachbarland, doch er fürchtet entdeckt und nach Afghanistan abgeschoben zu werden - mit fatalen Folgen.

Kritik unter anderem von den Grünen

Sahak Ibrahimkhil ist Deutscher mit afghanischen Wurzeln und engagiert sich in der Europa-Partei Volt. Er wollte dem früheren BND-Kontaktmann helfen. Doch beim Bundesnachrichtendienst sei er auf taube Ohren gestoßen, sagt Ibrahimkhil:

Ich habe seit Mitte August versucht, die Sache diskret zu lösen. Leider blieben alle meine Anfragen so gut wie unbeantwortet und haben zu nichts geführt. Der BND war über Tage hinweg telefonisch nicht erreichbar. Als ich die Pressestelle des BNDs anrief, hieß es nur, dass der Fall an die zuständigen Personen weitergeleitet wurde.

Auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz setzte sich für den BND-Mann ein. Von Notz ist Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums, das die Arbeit der deutschen Geheimdienste überwacht. Er versuchte festzustellen, ob Rahman zumindest auf der Liste der Schutzbedürftigen steht und somit ein Visum für Deutschland bekäme - vergeblich:

Dieser und zahlreiche andere Fälle zeigen exemplarisch, wie verheerend es war, dass die Große Koalition so lange gewartet hat, bis es zu spät war. Die Bundesregierung hat die Ortskräfte, die sich über Jahre für deutsche Interessen, für die Bundeswehr, für Hilfsorganisationen eingesetzt haben, im Stich gelassen und ihre Familien ihrem Schicksal überlassen.

"Wir fühlen uns extrem bedroht"

Der BND wollte sich auf Nachfrage des ARD-Studios Südasien nicht zu dem Fall äußern, ebenso wenig das Auswärtige Amt. Für Abdul Yusuf Rahman bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Deutschen doch noch beim ihm melden. Denn dort, wo er jetzt sei, sei die Polizei schon auf ihn und seine Familie aufmerksam geworden: "Wir fühlen uns extrem bedroht und machen uns Sorgen um unser Leben, insbesondere um das meiner Frau und meiner Kinder. Ich hoffe, dass dieser wahre Albtraum bald ein Ende hat."

Hinweis der Redaktion: Einige Stunden nach Veröffentlichung dieses Artikels hieß es aus Berliner Regierungskreisen, Abdul Yusuf Rahman dürfe sich Hoffnung machen, dass sich die Deutschen bei ihm melden werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. September 2021 um 05:26 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".