Syrische "Weißhelme" nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff (Quelle: Syria Civil Defence ("Weißhelme") | Bildquelle: dpa

Mutmaßlicher Giftgasangriff Russland präsentiert seine Version

Stand: 05.04.2017 11:13 Uhr

War es ein Giftgasangriff? Und wenn ja: von wem? Russland hat jetzt seine Version der verheerenden Ereignisse im syrischen Chan Scheichun präsentiert. Demnach liegt ein Großteil der Verantwortung bei den Rebellen. Das sehen diese und unter anderem die USA aber ganz anders.

Nach Angaben der russischen Regierung stammt das im syrischen Chan Scheichun ausgetretene Giftgas aus einem Lager der Rebellen. Die syrische Luftwaffe habe dieses bei einem Angriff getroffen, erklärte das Verteidigungsministerium. Aus "objektiven Daten" der russischen Luftraumkontrolle gehe hervor, dass ein "großes Lager von Terroristen" in der Nähe der Stadt bombardiert worden sei. Dort seien "Giftstoffe" gelagert worden.

Die Rebellen erklärten hingegen die Streitkräfte von Machthaber Bashar al-Assad hätten einen Giftsgasangriff verübt. Davon gehen nach eigenen Angaben unter anderem auch die USA und Großbritannien aus.

Die Armee wies dies aber zurück: Man habe niemals Giftgas eingesetzt und werde dies auch künftig nicht tun - vielmehr seien "terroristische Gruppen" verantwortlich. Laut UN-Untersuchungen setzten sowohl die Terrormiliz "Islamischer Staat" als auch die Armee in dem Konflikt Giftgas ein.

Die Zahl Todesopfer stiegt laut Angaben von Aktivisten auf 72. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, waren unter den Toten in der Stadt Chan Scheichun in der nordwestlichen Provinz Idlib auch 20 Kinder. Viele Menschen würden noch vermisst. Ihre Angaben können von unabhängiger Seite allerdings nicht überprüft werden.

Resolution des UN-Sicherheitsrats?

Großbritannien, Frankreich und USA legten dem UN-Sicherheitsrat einen Resolutionsentwurf vor, der den Angriff verurteilt und eine Untersuchung verlangt. Das Gremium soll noch heute darüber abstimmen. Unklar ist, wie sich Russland und China verhalten, die erst im Februar wieder eine Resolution zu Syrien mit ihrem Veto blockierten. Sanktionen - etwa gegen das Assad-Regime - sieht der Resolutionsentwurf nicht vor - diese werden ohne die Nennung des Regimes nur angedroht. Für das mit Syrien verbündete Russland wäre die Resolution damit vertretbarer.

Der Entwurf fordert aber detaillierte Angaben über die Lufteinsätze des syrischen Militärs. Auch die Namen der Kommandeure aller Hubschrauberstaffeln des Regimes werden gefordert. Außerdem müsse Syrien Zugang zu relevanten Militärflugplätzen gewähren, von denen laut UN-Untersuchungsteams und der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) möglicherweise Chemiewaffen abgefeuert wurden. Auch Treffen mit Offizieren müssten rasch ermöglicht werden.

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USA machen Assad verantwortlich

US-Präsident Donald Trump sagte, das Assad-Regime habe erneut ein "abscheuliches Verbrechen" begangen. Er gab seinem Vorgänger Barack Obama gleichzeitig indirekt eine Mitschuld: Der Angriff sei eine Folge der "Schwäche und Unentschlossenheit" Obamas. Er spielte damit auf Obamas Entscheidung nach einem Giftgasangriff 2013 an, nicht militärisch einzugreifen - obwohl er zuvor erklärt hatte, ein Einsatz chemischer Waffen durch Assads Truppen würde eine "rote Linie" überschreiten.

Ein Mitverantwortung trügen aber auch die Verbündeten Assads, Russland und der Iran, sagte US-Außenminister Rex Tillerson: "Als selbsterklärte Garanten des in Astana verhandelten Waffenstillstands tragen Russland und der Iran eine große moralische Verantwortung für diese Toten". Er rief die beiden Länder auf, ihren Einfluss auf die syrische Führung geltend zu machen und "zu garantieren, dass so ein schrecklicher Angriff nie wieder passiert".

Tillerson sagte, der Angriff zeige, wie Assad vorgehe: "mit brutaler, ungenierter Barbarei". "Jeder, der Chemiewaffen benutzt, um sein eigenes Volk anzugreifen, zeigt eine grundlegende Verachtung für menschlichen Anstand und muss zur Verantwortung gezogen werden", erklärte Tillerson, der kommende Woche erstmals nach Moskau reist.

Tillersons Kritik an Assad kommt wenige Tage nach der Erklärung der amerikanischen UN-Botschafterin, Nikki Haley, dass die US-Regierung sich nicht länger darauf konzentriere, "Assad loszuwerden".

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 05. April 2017 um 08:35 Uhr.

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