Ein Mann steht auf einem Balkon im East Lorengau Refugee Transit Center, einem Flüchtlingslager in Papua Neuguinea. (Archvibild) | picture alliance/AP Photo

Australiens Internierungslager "Jede Hoffnung im Keim erstickt"

Stand: 20.04.2021 12:18 Uhr

Jahrelang hat Australien Flüchtlinge auf Inseln im Nirgendwo festgehalten. Doch die Zustände waren so desaströs, dass einige Menschen nun doch in Australien untergebracht wurden.

Von Lena Bodwein, ARD-Studio Singapur

"Es gab diesen Schleier der Geheimhaltung um die Insel. Zuhause wusste niemand, was in den Internierungslagern geschah", erzählt Mark Isaacs. Sie durften es niemandem erzählen, sagt der heutige Autor und Journalist. Man habe ihnen gesagt , dass ihre Emails und soziale Medien von der australischen Regierung kontrolliert würden. "Menschen wurden gefeuert, wenn sie sich politisch äußerten."

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Isaacs arbeitete vor acht Jahren für die Heilsarmee im australischen Offshore-Internierungslager auf Nauru, einem kleinen Inselstaat im pazifischen Nirgendwo. Er sah, wie Flüchtlinge aus Sri Lanka oder Iran dort ankamen. Sie waren vor tödlicher Gefahr in ihrer Heimat geflohen. Doch statt Freiheit in Australien erwartete sie Ungewissheit und Hitze.

"Der Zustand der Menschen in den Lagern wurde sehr schnell sehr schlecht, ihre geistige Gesundheit verschlimmerte sich immer weiter, und sie begannen, sich selbst zu verletzen. Sie versuchten sich umzubringen", erzählt Isaacs. Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk und Ärzte ohne Grenzen kritisierten die Zustände als unmenschlich.

Jahrelange Prüfung

Geheimhaltung, Grausamkeit und groteske Verschwendung: Das zeichnet die "Pazifische Lösung" aus, mit der Australien Flüchtlinge davon abhalten wollte, auf illegalem Weg ihr Land zu erreichen. Anstatt sie zu deportieren, wurden sie interniert, während ihr Fall geprüft wurde. Das konnte Jahre dauern. Eine zeitliche Begrenzung für diese Internierung gibt es nicht.

Auf diese Weise wollte Australien die Menschen dazu bringen, in ihre Heimat zurückzukehren. "Deshalb haben sie die Hoffnung im Keim erstickt", sagt Isaacs. Den Menschen sei nicht anderes übrig geblieben, als in dieser hoffnungslosen Situation auszuharren oder nach Hause zurückzukehren.

Literaturpreis für Flüchtling

Die Lager wurden auf Nauru und auf Manus Island, einer Insel Papua Neuguineas, eingerichtet. Die Länder setzten auf die finanzielle Hilfe Australiens und konnten darum schlecht ablehnen, meint Mark Isaacs. Das alles kostete Australien bisher Milliarden von Dollar. Über die Lager auf Manus Island hat vor allem der kurdischstämmige Flüchtling und Autor Behrouz Boochani berichtet.

Er machte mit heimlichen Videoaufnahmen und Textnachrichten, die er hinaussandte, eine breitere Öffentlichkeit auf die unmenschlichen Zustände aufmerksam. Sein Buch "Kein Freund außer den Bergen: Texte aus dem Gefängnis Manus" bekam - absurderweise - einige der wichtigsten Literaturpreise Australiens. Von einem Land, dessen Regierung ihn nicht will.

"Tour des Schreckens"

Nach sechs Jahren in den Lagern bekam Boochani 2019 Asyl in Neuseeland. Der Autor Isaacs schmuggelte sich 2017 in Manus Island ein und traf dort Boochani. "Er und noch ein anderer nahmen mich mit auf die Mitternachtstour durch das Internierungslager". Es sei eine Tour der Schrecken gewesen, erzählt er. "Sie zeigten mir die Orte, an denen Menschen in Einzelhaft gesperrt wurden - in einem Einwanderungslager!"

Boochani und auch Isaacs berichteten von Misshandlungen, von Tötungen, von Tod durch Vernachlässigung. Ein Flüchtling sei an einer Fußinfektion gestorben, weil er nicht zu einer ordentlichen medizinischen Einrichtung gebracht werden durfte.

Vielen Flüchtlingen hat die australische Regierung eine Behandlung in Australien verweigert. Kinder mit Suizidgedanken gehörten dazu, Frauen, die vom Sicherheitspersonal vergewaltigt wurden, Männer, die sich selbst verletzt haben.

Viele sind in Hotels interniert

Inzwischen sind keine Kinder mehr in den Camps. Zwar ist das Lager auf Manus Island offiziell aufgelöst, dennoch verweilen etwa 130 Flüchtlinge in Papua-Neuguinea in einer Art offenem, unbegrenztem Zustand der Ungewissheit. Viele Lagerinsassen von Nauru oder Manus sind dank des so genannten Medevac-Gesetzes nach Australien gekommen, das die Opposition in einer haarscharfen Abstimmung durchsetzte

"Es ermöglicht denjenigen, die medizinische Betreuung brauchen, nach Australien zu kommen", erläutert Isaacs. Das treffe auf fast alle Lagerbewohner zu. Aber als Strafe hat die australische Regierung eine große Zahl von ihnen in Hotels interniert.

6500 Euro pro Insasse

Etwa 80 dieser medizinisch behandelten Flüchtlinge sitzen seit ein oder gar zwei Jahren zu mehreren in Hotelzimmern fest. Auf Nauru, der Insel am Äquator, warten noch 110 Insassen seit Jahren auf ihr Schicksal. Pro Lagerinsasse und Tag kostet das den Steuerzahler 10.000 australische Dollar, rund 6500 Euro.

Immerhin einige Tausend Menschen demonstrierten in Australien vor Ostern für ein Ende der Offshore-Internierung. Denn Menschen auf Inseln im Nirgendwo festzuhalten, um Flüchtlinge fernzuhalten - diese so genannte "Pazifische Lösung" ist so grotesk wie grausam, aber keine Lösung.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. April 2021 um 05:33 Uhr.