Auf einer Messe in Chendu (China) probieren Besucher australischen Wein. | AFP
Weltspiegel

Strafmaßnahmen gegen Australien Chinas wirtschaftlicher Rachefeldzug

Stand: 01.08.2021 08:17 Uhr

Seit Jahren ist die Menschenrechtskritik aus Australien China ein Dorn im Auge. Doch als das Land 2020 auch noch eine Untersuchung zum Coronavirus-Ursprung fordert, startet Peking einen wirtschaftlichen Rachefeldzug.

Von Sandra Ratzow, ARD-Studio Singapur

"So ein schöner Hummer!", schwärmt Francis Wong vom australisch-chinesischen Wirtschaftsverband in Adelaide. "Die Schönen und Reichen in China lieben ihn. Allein dieses Rot - wunderbar! Das ist ein Festtagsessen!" Wong ist zu Besuch in der Abfertigungshalle von Hummer-Händler Andrew Ferguson. Für ein einzigen lebenden Hummer zahlen Kunden in Peking oder Shanghai umgerechnet bis zu 220 Euro. Normalerweise.

Sandra Ratzow ARD-Studio Singapur

Denn jetzt suchen die beiden Geschäftspartner verzweifelt nach Neukunden. Aus China heißt es seit November: Der australische Hummer sei zu stark mit Schwermetallen wie Cadmium belastet. Ferguson hat dafür nie Beweise gesehen: "Ich fand das merkwürdig. Alle möglichen Länder importieren diese Art Hummer, aber ausgerechnet der aus Australien wird beanstandet. Obwohl wir selbst immer wieder testen und dorthin seit Jahren liefern."

Strafzölle von mehr als 200 Prozent

Eine Autostunde weiter liegt das Barrosa Valley mit seinen berühmten Rebsorten Shiraz und Cabernet Sauvgnon: 40 Prozent der Exporte gingen bis 2020 ins Reich der Mitte. Seit vergangenem Jahr wirft China aber Australien Preisdumping vor. Die Folge: Strafzölle von bis zu 212 Prozent. "Das ist kompletter Unsinn", sagt John Geber vom Weingut Chateau Tanunda. "Wir in Barossa machen kein Preisdumping - und unser Weingut schon gar nicht. Unsere Weine kosten bis zu 500 Dollar pro Flasche."

Große Weingüter können das verkraften, kleinere treibt diese Politik wirtschaftlich an den Abgrund. Hamish Seabrock hat im Moment sehr viel Zeit für das Mischen seiner Cuvees. Sein Weinvertrieb war ausschließlich auf China ausgerichtet, doch die Strafzölle machen den Wein so teuer, dass er sich nicht mehr verkaufen lässt. Der Weinbauer hat 60.000 Flaschen einlagern müssen.

Fünf Jahre sollen die Strafzölle gelten. Seabrook ist empört, auch über seine eigene Regierung, die Unternehmen wie seines für die Außenpolitik opfert: "Die australische Regierung sollte sich daran erinnern, dass wir nur ein kleiner Fisch in einem großen Teich sind. Wir müssen uns politisch gefasst verhalten und unsere Worte weise wählen und nicht so viel Aufhebens machen."

Über Jahre hochgeschaukelt

Neben Hummer und Wein sind auch Gerste, Rindfleisch und weitere Produkte betroffen. Agrarwissenschaftler Scott Waldron hat im Reich der Mitte studiert und gearbeitet. Und er sah die Probleme kommen: Australiens lautstarke Sympathie für Demokratie und Freiheit in Hongkong und Taiwan. Solch ein Auftreten lasse China nicht ungestraft.

Das Ganze habe sich über Jahre hochgeschaukelt, sagt der China-Experte. Aber als Australien 2020 auch noch offen eine Untersuchungskommission über die Ursprünge des Coronavirus fordert, fühlt sich Peking düpiert und ist entschlossen, ein Exempel zu statuieren - weit über Australien hinaus. "Das Hauptmotiv ist natürlich, durch wirtschaftlichen Zwang die Außenpolitik Australiens zu verändern. Aber es soll auch eine Warnung an andere Länder sein", sagt Waldron. "Im Chinesischen sagt man dazu: 'Töte das Huhn, um den Affen Angst einzujagen.' Australien ist in dem Fall das Huhn und Länder wie Deutschland die Affen, die das beobachten."

Diplomatische Eiszeit

Doch die Regierung in Canberra will nicht klein beigeben. Sie hat den Fall zur Klärung an die Welthandelsorganisation weitergereicht. Diplomatische Eiszeit, aber der Handelsminister Dan Tehan betont: "Wir wollen unbedingt konstruktive Beziehungen. Deshalb habe ich meinem chinesischen Kollegen geschrieben und vorgeschlagen, dass wir das Ganze persönlich miteinander besprechen. Ich habe den Brief im Januar abgeschickt und warte noch auf die Antwort."

Australien könne es sich leisten zu warten, glaubt China-Experte Waldron. Noch sei das Reich der Mitte von Rohstoffen und Produkten aus Australien abhängig, sagt er. Deshalb seien die Exporte nach China 2020 insgesamt nur leicht gesunken. Doch das Land dürfe sich jetzt nicht einschüchtern lassen vom Powerplayer China. "China hält sich seit langem und in vielen Bereichen nicht an internationale Normen. Es ist im Interesse Australiens, dass internationale Gesetze eingehalten werden - ob das nun im Südchinesischen Meer ist, bei den Menschenrechten oder im Handel. Das ist im langfristigen Interesse Australiens." 

Obwohl einzelne Unternehmen im Down Under wirtschaftlich ins Abseits geraten, ist Australien derzeit fest entschlossen, dem Reich der Mitte die Stirn zu bieten.

Über dieses und andere Themen berichtet der Weltspiegel - heute um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Weltspiegel am 01. August 2021 um 19:20 Uhr.