Termitenhügel im Outback von Queensland, Australien | picture alliance / Jochen Schlen

Australien Zurück zur Natur - für Konzernbilanzen?

Stand: 27.05.2021 18:55 Uhr

Um Australiens CO2-Bilanz zu verbessern, übernehmen Konzerne riesige Ländereien und lassen die Vegetation wild wuchern. Landwirtschaft und Viehzucht sind dann nicht mehr möglich - und deshalb regt sich Protest.

Von Christoph Schwanitz, ARD-Studio Singapur

Das Outback wie aus dem Bilderbuch: rote Erde, knorriges Gestrüpp und schier endlose Weiten. Der Bezirk Paroo im Südwesten von Queensland ist so groß wie Niedersachsen und hat eine Bevölkerung von nur knapp 1500 Menschen. Aber die traditionell für ihre Vieh- und Wollwirtschaft bekannte Gegend verändert sich seit einigen Jahren rasant.

Denn für die australische Regierung ist sie zentral für ihren Versuch, die internationalen Klimaschutz-Verpflichtungen des Landes einzuhalten. Sogenanntes "Carbon Farming" erlaubt Grundbesitzern, Emissionszertifikate zu verkaufen, wenn sie ihre Ländereien unter klaren Maßgaben verwildern lassen. Ganze Landstriche in Australien werden im Rahmen des Programms renaturiert: Bäume, Sträucher und Gräser wuchern, CO2 wird aus der Atmosphäre in Vegetation und Boden gebunden. Wo noch vor kurzem Viehherden alles kahl fraßen, erholt sich die Natur.

Angst vor dem Dorfsterben

In kaum einer Gegend down under gibt es so viele "Carbon Farming"-Projekte wie in Paroo. Doch viele Menschen hier sind verzweifelt und klagen über die negativen Auswirkungen für ihre dünn besiedelten Gemeinden.

Großunternehmen übernähmen riesige Ländereien und zäunten sie für bis zu 100 Jahre ein. Den Menschen vor Ort blieben kaum noch Möglichkeiten, das Land zu nutzen. Ohne Viehzüchter würden viele Jobs vor Ort wegfallen, so die Kritiker. Und die fast 26 Millionen Euro, die mit "Carbon Farming" bis Ende 2020 in der Region verdient wurden, flössen großteils an Konzerne mit Sitz in fern gelegenen Metropolen.

Auch die Bezirksbürgermeisterin von Paroo, Suzette Beresford, sagt, von den Profiten käme nur wenig in der Gemeinde an. Und wenn die Viehwirtschaft wegbräche, würde das zudem alle Unternehmen treffen, die vor Ort von dieser abhingen. Zulieferer, Geschäfte und Schulen schlössen, alle seien betroffen. In den letzten Jahren ist die Bevölkerung des Bezirks dramatisch geschrumpft. Bürgermeisterin Beresford denkt, dass "Carbon Farming" der Grund für die Abwanderung der Menschen ist.

Karte: Australien mit den Staaten Queensland und der Region Paroo

"Carbon Farming" als Sündenbock?

Befürworter der Renaturierung sehen das anders. Sie sagen, den ländlichen Gemeinden ginge es schon lange schlecht. Dürren und strukturelle Veränderungen seien der Grund für das Schrumpfen der Orte. Im Gegenteil erlaube das Programm den Landwirten, sich vielfältiger aufzustellen und so die ständige Bedrohung durch Trockenperioden zu mindern.

Tom King, der Manager verschiedener "Carbon Farmen", hat sein ganzes Leben in Paroo verbracht, und er sagt, die Abwanderung sei nichts Neues. King meint, die Menschen wollten Schuld zuweisen - und "Carbon Farming" müsse nun als Sündenbock herhalten.

Kohlemine in Queensland, Australien (Archivbild) | picture-alliance/ dpa

Kein Land exportiert mehr Kohle, als Australien - abgebaut wird sie auch in Queensland. Bild: picture-alliance/ dpa

Regierung drückt sich vor Emissionssenkung

Aber es gibt auch grundsätzlichere Einwände gegen das Programm. Australien hat eine der höchsten CO2-Emissionsraten pro Kopf weltweit und ist der größte Kohleexporteur. Die Regierung unter Premierminister Scott Morrison ist ausgesprochen Kohlebranchen-freundlich und weist eine Verantwortung Australiens im Kampf gegen den Klimawandel weitgehend zurück.

Kritiker bemängeln, dass die Regierung nicht ernsthaft versuche, das Problem anzugehen. Der Handel mit Emissionszertifikaten sei die einzige Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel - ein Tropfen auf den heißen Stein. Um wirklich etwas zu bewegen, müsse Morrisons Regierung tatsächlich den Ausstoß von Treibhausgasen senken.

Für die Menschen in Paroo geht es um etwas Anderes: Es ist ein Auflehnen gegen die "Corporatisation" - die Übernahme ihrer Gemeinden durch gesichtslose Firmen - und für ihre als ur-australisch wahrgenommene Lebensweise.

Über dieses Thema berichtet NDR Info am 28. Mai 2021 um 15:41 Uhr.