Eine Transportmaschine der Luftwaffe landet auf dem Flughafen in Taschkent. | Bundeswehr/Marc Tessensohn

Bundeswehr-Evakuierungseinsatz Bisher mehr als 900 Menschen ausgeflogen

Stand: 19.08.2021 08:14 Uhr

Auch in der Nacht hat die Bundeswehr ihre Evakuierungsflüge aus Kabul fortgesetzt - insgesamt sind nun mehr als 900 Menschen ausgeflogen worden. Am Flughafen der afghanischen Hauptstadt sind die Zustände weiter chaotisch.

Die Bundeswehr hat bislang mehr als 900 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Gegen drei Uhr nachts landete ein A400M mit 211 Personen an Bord in der usbekischen Hauptstadt Taschkent, teilte das Einsatzführungskommando der Bundeswehr auf Twitter mit. Von dort sollen sie weiter nach Deutschland gebracht werden. Im Laufe des Tages werde die Evakuierung mit weiteren Flügen fortgesetzt.

In Frankfurt am Main landeten am frühen Morgen zwei Maschinen aus Taschkent mit Hunderten Menschen an Bord, die zuvor aus Afghanistan in Sicherheit gebracht worden waren. Insgesamt beförderten die beiden Flieger von Lufthansa und Uzbekistan Airways rund 500 Menschen.

Weiter Chaos am Flughafen Kabul

Nach ihrer Landung berichteten Passagiere von schlimmen Erlebnissen und chaotischen Verhältnissen am Flughafen in Kabul. Ein Mann sagte, er habe Tote gesehen und Schüsse gehört. "Es ist schrecklich. Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Nur Chaos." Am Flughafen müsse man auch durch eine Barriere der Taliban durchgehen. Afghanische Sicherheitskräfte hätten geschossen. Er habe mitbekommen, wie Menschen gestorben seien.

Dem ARD-Studio Neu-Delhi gegenüber berichteten Ortskräfte, die eigentlich ausgeflogen werden sollten, dass sie nicht zu den Bundeswehrflugzeugen kämen. Vor dem Eingang des Flughafens herrsche Chaos, auch in der Nacht. Es gebe immer wieder Warnschüsse, Tränengas werde eingesetzt.

"So viele Menschen wie möglich ausfliegen"

Nach den ersten Rettungsflügen hatte Bundesaußenminister Heiko Maas gestern gesagt, dies könne nur der Anfang sein. Deutschland wolle so viele Menschen wie möglich ausfliegen. Laut Auswärtigem Amt waren unter den Passagieren der ersten vier deutschen Flüge 189 Deutsche sowie 202 afghanische Staatsangehörige - beispielsweise Familienangehörige von deutschen Staatsbürgern und Ortskräfte deutscher Organisationen.

Die sogenannte Luftbrücke soll, solange es die Sicherheitslage zulässt, fortgesetzt werden. Die Flugzeuge würden so gut es geht ausgelastet. "Wir müssen davon ausgehen, dass das Zeitfenster begrenzt ist", sagte Maas vor der Presse. Die Beteiligten bemühten sich, den Zeitraum voll auszuschöpfen.

Der deutsche Botschafter Markus Potzel soll inzwischen in Doha eingetroffen sein, wo er erste Gespräche mit Vertretern der Taliban geführt hat. Diese blieben jedoch bislang ohne Ergebnisse. "Wir haben bisher keine belastbaren Sicherheitszusagen, dass die Taliban afghanische Staatsangehörige frei zum Flughafen passieren lassen", so Maas. Die Gespräche würden heute fortgesetzt. Der Diplomat wolle darauf hinwirken, "dass auch Ortskräfte sich an den Flughafen begeben können und auch ausgeflogen werden können". Bisher gelingt dies offenbar nur wenigen Ortskräften.

Bundeswehrverband: "Politisches Desaster"

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, André Wüstner, sprach im ARD-Morgenmagazin angesichts der Situation und dem späten Start der Evakuierungen von einem "politischen Desaster". Der Generalinspekteur der Bundeswehr habe schon vor Monaten Evakuierungspläne ausarbeiten lassen. Man sei rund um die Uhr vorbereitet. "Aber es ist immer eine Frage der politischen Lagebewertung, der politischen Entscheidung. Und die ist sehr spät gefallen."

Viele Bundeswehrsoldaten treibe die Frage um, ob der Verlust an Menschenleben, gescheiterte Ehen und Traumatisierungen den Einsatz in Afghanistan Wert waren. Es gehe Vertrauen verloren in die Politik. "Über das Thema Verantwortung muss noch gesprochen werden."

Biden: Soldaten am Flughafen bleiben notfalls auch länger

Das US-Militär hat unterdessen nach Angaben aus Regierungskreisen fast 6000 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen. Ziel ist eigentlich, täglich 5000 bis 9000 Menschen in Sicherheit zu bringen. Doch die chaotischen Zustände rund um den Flughafen von Kabul erschwerten nach wie vor die Evakuierungsaktion, hieß es.

US-Präsident Joe Biden versicherte in einem Interview mit dem Sender ABC, die US-Soldaten am Flughafen Kabul könnten notfalls auch über den geplanten Abzugstermin am 31. August hinaus bleiben, falls bis dahin noch nicht alle ausreisewilligen Amerikaner evakuiert worden seien. "Wenn dort noch amerikanische Bürger sind, werden wir bleiben, bis wir sie alle rausgeholt haben."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. August 2021 um 07:50 Uhr.