Ein Mädchen hockt auf einem Friedhof, auf dem Opfer des Giftgasangriffs auf die irakisch-kurdische Stadt Halabadscha von 1988 beigesetzt sind

Weltspiegel-Reportage aus dem Iran Die vergessenen Giftgas-Opfer

Stand: 07.07.2019 05:03 Uhr

Die Angriffe dauerten nur Sekunden, doch die Opfer leiden noch heute. In den 1980er-Jahren griff der Irak den Iran mit Giftgas an. Bis heute ist eine mögliche Verwicklung deutscher Firmen nicht geklärt.

Von Natalie Amiri, ARD-Büro Teheran

Die Sonne glühte noch über den Köpfen der Arbeiter, die auf dem Feld waren. Es war 16 Uhr, als der Himmel über der kurdischen Stadt Sardasht in der iranischen Provinz West-Aserbaidschan plötzlich laut vibrierte. Kurz darauf flogen die Bomben.

Mehrere 250-Kilogramm-Senfgasbomben warf die irakische Luftwaffe auf Befehl Saddam Husseins auf die Menschen in der iranischen Stadt ab. Der Irak drohte damals dem Iran im Radio: "Ihr werdet nicht mehr atmen können." Es roch erst nicht beißend scharf. Eher fast süßlich, nach Äpfeln.

Senfgas tötete mehr als 130 Menschen

Es war der 28. Juni 1987. Der Iran-Irak Krieg tobte damals bereits seit sieben Jahren. Mehr als 130 Menschen wurden innerhalb weniger Stunden durch den Kampfstoff Senfgas getötet, Tausende verletzt. Das Senfgas verätzte die Haut der Menschen, führte zu eiternden Blasen. Augen, Atemwege, Verdauungstrakt und Schleimhäute wurden beschädigt oder zerstört.

Das Senfgas verätzte auch Rasul Molais Bronchien und seine Atemwege. Immer wenn der Sommer beginnt, denkt er besonders intensiv an diesen Nachmittag im Juni 1987. Seit mehr als 30 Jahren schläft er jede Nacht sitzend an ein Sauerstoffgerät angeschlossen. Menschen meidet er, so gut es geht. In seinen Lungen bildet sich immer wieder Flüssigkeit. Ständiger Schleim lässt ihn pausenlos husten und er ist gezwungen, auszuspucken.

Iran: Die vergessenen Giftgas-Opfer
Weltspiegel, 07.07.2019, Natalie Amiri, ARD Istanbul

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Folgen können erst Jahre später eintreten

Eine Vergiftung durch Senfgas hat auf den ganzen Organismus Auswirkungen mit Langzeitfolgen. Im schlimmsten Fall, wenn man nicht daran stirbt, müssen den Opfern Gliedmaßen abgenommen werden. Auch können sie erblinden.

Das Gas kann mitunter einen verzögerten Wirkungseintritt im Körper haben. Ein Soldat, der damals auf iranischer Seite mit erst 16 Jahren im Krieg im Einsatz war, begann nach vier Jahren ganz plötzlich, aus Nase und Ohren zu bluten. Die Wirkung des damals in Sardasht eingeatmeten Giftgases setzte ein.

Seither wird der ehemalige Soldat, der seinen Namen nicht in deutschen Medien lesen möchte, behandelt. Er ist auf Arznei aus dem Ausland angewiesen. Doch die gelangt seit Monaten aufgrund der amerikanischen Sanktionen nicht mehr ins Land. Zwar fällt Medizin unter humanitäre Güter, die aus Europa geliefert werden könnten, doch weil der globale Zahlungsverkehr über US-Dollar abgewickelt wird, gibt es für den Iran keine Möglichkeit die Medizin zu kaufen.

Billige Präparate aus Indien oder China haben nicht dieselbe Wirkung, verschlimmern den Zustand oft noch. Nach einer Atemnot des Soldaten gab ihm seine Schwester ein Ersatzpräparat aus Indien, ein Inhalierungsmittel. Er reagierte darauf allergisch, fiel ins Koma. Auch eine eigene "Medizin-Mafia" im Iran nutzt diesen Mangelzustand aus und treibt die Arzneipreise in die Höhe.

Opfer eines irakischem Giftgasangriff im Iran
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Tausende Menschen wurden beim Senfgasangriff 1987 verletzt.

Kriegsverbrechen ohne Folgen

Hussein kam für den Giftgasangriff auf Sardasht und Dutzende andere iranische Städte ungeschoren davon. Der Westen war damals auf Seiten des Irak. Man unterstützte Hussein mit allen Mitteln. Der Iran zeigte einen Tag nach dem Giftgasangriff internationalen Journalisten den Schauplatz der Angriffe, doch das Interesse der Welt war verhalten.

Bereits seit März 1984 lagen dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen stichhaltige Beweise für den Giftgaseinsatz auf irakischer Seite vor. Doch man wolle die bilateralen Beziehungen nicht gefährden, hieß es aus den USA.

Tausende sterben bei weiteren Angriffen

Sardasht war ein Test für Hussein, der ohne Konsequenzen blieb. Deshalb bombardierte er nur Monate später auch eine kurdische irakische Stadt mit Giftgas - Halabdscha. Bei dem Massaker im März 1988 wurden mehr als 5000 Menschen getötet.

Selbst nach Halabdscha hieß es in einem Memorandum des US-Außenministeriums, dass es "bezüglich des Irak keinen radikalen Politikwechsel geben soll". Die Regierung von Präsident Ronald Reagan verhinderte Sanktionen gegen den Irak. Das Land war damals wichtiger Verbündeter gegen die verhassten Ayatollahs im Iran. Das war Begründung genug.

Chemikalien aus Deutschland?

Das irakische Regime hatte seit Jahren in Laboren an chemischen Waffen wie Senfgas und Sarin gearbeitet. Die Chemikalien sowie die Laborausrüstung dafür sollen größtenteils aus Deutschland gekommen sein, das betont der Iran seit Jahren.

Zahlreiche Firmen wie Karl Kolb, Bayer oder der frühere Industriekonzern Preussag (der später zur TUI umgebaut wurde), sollen dem Irak seit Anfang der 1980er-Jahre Anlagen und Zubehör geliefert haben, mit denen chemische Kampfstoffe produziert werden konnten.

Zwischen 1982 und 1988 lieferten laut dem "Spiegel" deutsche Firmen einer Studie zufolge Waffen im Wert von 625 Millionen Dollar. Die vielfältige Verwendungsmöglichkeit ("Dual Use") kam diesen Lieferungen zugute: Wenn Geräte sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden konnten, wurden sie genehmigt.

Die "taz" veröffentlichte 2002 Details aus einem 12.000-Seiten-Bericht, den das irakische Regime an die UNO geschickt hatte. Darin sollen Namen von mehr als 80 deutschen Unternehmen, Forschungslabors und Personen aufgetaucht sein, die dem Irak bei der Entwicklung seiner Rüstungsprogramme geholfen haben sollen - chemische Waffen inbegriffen.

Irakische Gfftgasbomben
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Nur Monate nach dem Angriff auf Sardasht ließ Saddam Hussein die kurdisch-irakische Stadt Halabdscha mit Giftgas bombardieren.

"Es können keine Vorwürfe gemacht werden"

Auf Nachfrage der Weltspiegel-Redaktion bei TUI antwortete das Unternehmen, "dass eine juristische Klärung bereits in den Jahren 1987 bis 1996 vor den Gerichten in Darmstadt und Frankfurt/Main abgeschlossen wurde. Der Preussag AG, die im Jahre 2002 ihre Firmenbezeichnung in TUI AG änderte, konnten im Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen im Irak im Jahre 1988 keine Vorwürfe gemacht werden."

Bei Bayer hieß es auf unsere Nachfrage: "Geschäftsbeziehungen zum Irak waren damals üblich und auch zulässig. Mit Datum vom 8. Mai 1991 hatte die Bundesregierung in geringem Umfang Genehmigungen für die Einfuhr von Chemikalien erteilt, nachdem die ausschließlich zivile Verwendung der Waren geprüft worden war. Uns liegen derzeit jedoch keine Informationen darüber vor, ob Bayer damals von diesem Recht Gebrauch gemacht hat."

Die Bundesregierung weist eine Mitverantwortung für die Giftgaseinsätze des Irak bis heute zurück. "Illegale Lieferungen deutscher Firmen in den Irak sind, soweit sie zur Kenntnis der deutschen Behörden gelangten, gerichtlich geahndet worden und werden erforderlichenfalls weiterhin zur Anzeige gebracht", hieß es 2010.

Die Menschen leiden noch heute

Die Giftgasangriffe auf Sardasht prägen noch immer den Alltag. Zwei Drittel der Menschen, die damals in der Stadt lebten, waren von den Giftgasangriffen betroffen. Jeder hat mindestens eine Person in der Familie, die immer noch an den Folgen leidet: Fehlgeburten, Krebs, Unfruchtbarkeit.

Eine Entschädigung hat keine der Familien bekommen. Weder von deutschen Firmen, noch aus dem Irak. Auch die iranische Regierung setzt sich nicht besonders für diese Opfer ein. Nur wenige haben eine offizielle Bestätigung über ihre Behinderung, die ihnen staatliche Hilfen zusichern würde.

Die Menschen in Sardasht beklagen, dass sie nur ein Minimum an Aufmerksamkeit und Versorgungsmöglichkeit erhalten. "Einmal im Jahr kommen die Offiziellen aus Teheran hierher und prangern das Ausland an. Dann gehen sie wieder und vergessen uns", sagen die Opfer aus Sardasht.

Der Abwurf der Senfgasbomben habe nur Sekunden gedauert, sagt Rasul - über die Folgen hinwegzukommen, werde Generationen dauern. 

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 07. Juli 2019 um 19:20 Uhr.

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