FSA-Kämpfer im Einsatz | Bildquelle: AP

Freie Syrische Armee Waffenbrüder im Zwielicht

Stand: 02.02.2018 06:49 Uhr

Sie sind für die Türkei in Syrien im Einsatz: die Kämpfer der Freien Syrischen Armee. Doch wer zieht da eigentlich in die Schlacht? Freiheitskämpfer oder Dschihadisten?

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Wenn türkische Soldaten in der syrischen Region Afrin vorrücken, marschieren die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) vorneweg. Ausgerüstet und bezahlt werden sie im Rahmen der sogenannten Operation Olivenzweig von der Türkei.

Sie selbst zahlen aber auch einen hohen Preis. Im Kampf sind bisher nach offiziellen türkischen Angaben mindestens doppelt so viele Kämpfer der FSA getötet worden, wie reguläre türkische Soldaten. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte spricht sogar von fünf Mal so vielen.

Dafür zollt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Anerkennung: "Wir sind Zeugen davon, mit welcher Opferbereitschaft die Freie Syrische Armee während der Operation Euphrat-Schild gekämpft hat. Mindestens 16 Kämpfer der Freien Syrischen Armee sind bislang bei der Operation Olivenzweig gefallen, Hunderte wurden verletzt. Dennoch kämpft sie heldenhaft weiter."

Wer ist die FSA?

Doch wer sind diese Soldaten, die für die Türkei den Kopf hinhalten? Es seien bei weitem nicht die Freiheitskämpfer, von denen Erdogan spreche, so Ayhen Bilgen, ein Abgeordneter der pro-kurdischen Partei HDP: "In der Freien Syrischen Armee befinden sich Kommandanten, die in der Vergangenheit einem 12-jährigen Palästinenser den Kopf abgeschnitten und damit vor Kameras posiert haben", sagt er. Andere Kämpfer hätten vor Kameras die Nieren oder Herzen jener Menschen gegessen, die sie getötet haben.

"Viele islamistische Gruppen sind dabei. Aber das alles wollen wir ja jetzt nicht mehr wissen. Jetzt will man der türkischen Öffentlichkeit weismachen, dass diese Gruppen eine nationale Armee bilden, die Menschenrechte wahrt und für die Türkei ein guter Partner ist", so Bilgen weiter.

Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee | Bildquelle: AFP
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Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee im Einsatz.

Erdogan lobt Kämpfer

Von einer Armee könne man eigentlich gar nicht sprechen, sagt Magdalena Kirchner vom Istanbul Policy Center. Dafür fehlten eine erkennbare Hierarchie und eine Kommandostruktur. Und auch einheitliche Uniformen.

Das  Erscheinungsbild der Soldaten erinnert eher daran, dass Erdogan die Bekleidung kurdischer PKK-Kämpfer stets abfällig als Lumpen bezeichnet. Doch der Geist, der in diesen Lumpen stecke, sei ein anderer als jener der PKKler, meint Erdogan: "Die Kämpfer der Freien Syrischen Armee sind keine Terroristen. Diese Armee setzt sich aus Kämpfern aller Religionen, Konfessionen und Ethnien zusammen", so der Präsident.

Höchst vielfältige Gruppe

Klar ist: Dieses 25.000 Mann starke Gebilde setzt sich aus sehr unterschiedlichen Gruppen zusammen. Vor allem aber aus sunnitischen Arabern und aus Turkmenen. Doch mit dem Begriff Heimat sei das so eine Sache, meint HDP-Mann Ahyen Bilgen. Vielen Kämpfern sei es egal, auf wessen Seite sie stünden: "Seit wann ist ein Uigure in Syrien beheimatet? Die Turkmenen okay, die haben schon immer hier gelebt. Aber seit wann ist Syrien die Heimat derer, die aus Zentralasien für 100 Dollar eingekauft werden, um in Syrien zu kämpfen?"

Selbst die Motivation syrischer Kämpfer ist so unterschiedlich wie ihre ideologische Ausrichtung: So stellt die aus 19 verschiedenen islamistischen Gruppen entstandene Vereinigung Faylak al Sham einen Teil der Kämpfer. Sie stehen den Muslim-Brüdern nahe. Ihr erklärtes Ziel bei der Operation Olivenzweig ist es, 16 arabische Dörfer unter ihre Kontrolle zu bringen. An der Stadt Afrin haben sie kein Interesse.

Mulmiges Gefühl

Eine ebenfalls beteiligte, nach dem osmanischen Sultan Murat II benannte Gruppe, stellt etwa 5000 Kämpfer und war ebenfalls bereits an der Operation Schutzschild Euphrat beteiligt. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, Aleppo zu erobern. Die Vereinten Nationen bezichtigen sie, dort Zivilisten getötet zu haben.

Grund für eine deutliche Warnung an das Parlament, fand der CHP-Abgeordnete Öztürk Yilmaz. Er war türkischer Konsul in Mossul und 2014 von der Terrormiliz Islamischer Staat entführt worden: "Die Freie Syrische Armee wird unserem Staat noch einmal zum Verhängnis werden, ihm größte Probleme bereiten. Ich sehe mich gezwungen, die Wahrheit zu sagen. Die setzen sich aus Gruppen zusammen, die seit Jahren in Syrien Hass verbreiten. Mit diesen dschihadistischen, radikalen Gruppen kann man nichts gewinnen. Diese Gruppen sind mit allen Volksgruppen dort verfeindet; ob Türken, Kurden, Araber, Jesiden oder Armenier. Die kommen aus einer salafistischen Tradition", so der CHP-Agbeordnete.

Ex-IS-Kämpfer dabei?

Dass mit der Freien Syrischen Armee auch ehemalige Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat an der Seite der Türkei gegen die Kurdenmiliz YPG vorgehen, halten Experten wie Magdalena Kirchner für wahrscheinlich. Wer sein Geld bisher als Sölnder beim IS verdient habe, müsse sich nach dessen Zerfall umorientieren.

Dass die Dschihadisten die Oberhand in der Freien Syrischen Armee gewinnen, daran könne aber auch die Türkei kein Interesse haben, meint Kirchner. Nicht zuletzt stammt von Erdogan selbst die Warnung, man dürfe nicht versuchen, Terroristen mit Terroristen zu bekämpfen. Ausgesprochen hatte er sie gegen die USA. Weil sie die Kurdenmiliz YPG bewaffnet hatten, gegen die die Türkei nun kämpft - mit Hilfe der Freien Syrischen Armee.

Türkei diskutiert über Freie Syrische Armee
Christian Buttkereit, SWR Istanbul
02.02.2018 06:11 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 02. Februar 2018 um 05:40 Uhr im Deutschlandfunk.

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