Feuerwehrleute bei Löscharbeiten im Hafen von Odessa | EPA

Nach Beschuss des Hafens Russland räumt Angriff auf Odessa ein

Stand: 24.07.2022 12:20 Uhr

Der Kreml hat den Raketenangriff auf die Hafenstadt Odessa eingeräumt. Als Grund nennt das Verteidigungsministerium die Zerstörung von US-Waffen. Die Regierung in Kiew sieht den Vertrag über die Wiederaufnahme von Getreidelieferungen in Gefahr.

Russland hat bei dem Raketenangriff auf die ukrainische Hafenstadt Odessa nach eigenen Angaben "militärische Infrastruktur" zerstört. Dabei seien "hochpräzise" Kalibr-Marschflugkörper eingesetzt worden, teilte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, auf Telegram mit. Damit sei ein Kriegsschiff der Ukraine getroffen worden.

"Schlag in Odessa galt US-Waffen"

Das Verteidigungsministerium in Moskau begründete den international kritisierten Angriff mit der Zerstörung von US-Waffen. Die Raketen seien auf ein Schiffsreparaturwerk abgefeuert worden. In dem Dock seien ein ukrainisches Kriegsschiff und ein Lager mit von den USA gelieferten "Harpoon"-Raketen zerstört worden, hieß es.

Zudem seien durch die Angriffe Anlagen zur Reparatur und zur Modernisierung des Schiffsbestandes der ukrainischen Seestreitkräfte außer Betrieb genommen worden, hieß es in der Mitteilung des russischen Verteidigungsministeriums.

Der für die ukrainischen Getreidelieferungen wichtige Hafen am Schwarzen Meer war gestern beschossen worden. Nach ukrainischen Angaben wurden dabei zwei russische Raketen von der Flugabwehr abgefangen, zwei weitere sollen im Hafen eingeschlagen sein. Dabei sei Infrastruktur des Hafens beschädigt worden. Eine Pumpstation soll betroffen sein. Außerdem habe es kleinere Brände gegeben und mehrere Verletzte unter den zivilen Mitarbeitern am Hafen.

Welche Folgen der Angriff für das Getreideabkommen hat, ist noch unklar. Offenbar seien die Bereiche, in denen Getreide verladen werden kann und in denen das Getreide gelagert ist, nicht betroffen, berichtete ARD-Korrespondent Oliver Feldforth.

Die Regierung in Kiew sieht den Vertrag über die Wiederaufnahme von Getreidelieferungen in Gefahr. Mit dem Getreideexport soll der weltweite Anstieg von Lebensmittelpreisen eingedämmt werden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Selenskyj spricht von "russischer Barbarei"

Russland hatte laut der Türkei zunächst seine Beteiligung an den Luftangriffen bestritten. "Die Russen haben uns gesagt, dass sie mit diesem Angriff nichts zu tun haben und dass sie die Angelegenheit sehr genau untersuchen", hatte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar versichert. Sacharowa reagierte nun auf Äußerungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Dieser hatte erklärt, die Angriffe hätten die Möglichkeit eines Dialogs oder einer Verständigung mit Moskau zerstört.

Selenskyj hatte den Beschuss des Hafens als Akt "offensichtlicher russischer Barbarei" bezeichnet. Auch US-Außenminister Antony Blinken reagierte in scharfer Form. Es gebe "ernste Zweifel" an der Glaubwürdigkeit Moskaus. Nur einen Tag nach der Vereinbarung über die Ausfuhr von ukrainischem Getreide über das Schwarze Meer habe Russland seine Verpflichtungen gebrochen, so Blinken.

Blinken kritisierte, der Beschuss untergrabe die Arbeit der Vereinten Nationen, der Türkei und der Ukraine, um wichtige Nahrungsmittel auf die Weltmärkte zu bringen. Russland trage die Verantwortung für die Verschärfung der weltweiten Nahrungsmittelkrise. Moskau habe der Vereinbarung zur Ausfuhr von Getreide zugestimmt und stehe nun in der Pflicht, sie vollständig umzusetzen.

Getreideabkommen am Freitag unterzeichnet

Russland hatte am Freitag in einem Abkommen zugesichert, Schiffe für den Export über einen Seekorridor fahren zu lassen und nicht zu beschießen. Auch die drei beteiligten Häfen dürfen demnach nicht angegriffen werden. Es geht dabei unter anderem um die Ausfuhr von Millionen Tonnen Getreide. Die Einigung sieht vor, die Exporte von einem Kontrollzentrum in Istanbul überwachen zu lassen.

Die UN und die Europäische Union verurteilten den Beschuss. UN-Generalsekretär Guterres, der am Freitag der Unterzeichnung beigewohnt hatte, betonte, alle Parteien hätten sich klar verpflichtet, den sicheren Export ukrainischen Getreides zu gewährleisten. "Die vollständige Umsetzung durch die Russische Föderation, die Ukraine und die Türkei ist zwingend erforderlich", erklärte er. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schrieb bei Twitter, der Beschuss des Hafens zeige "erneut Russlands völlige Missachtung des Völkerrechts und der Verpflichtungen".

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/23.07.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/23.07.2022

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Juli 2022 um 10:00 Uhr.