Zerstörtes Haus in Stepanakert in Bergkarabach | Bildquelle: REUTERS

Bergkarabach Gefechte treiben Menschen in die Flucht

Stand: 07.10.2020 12:00 Uhr

Fliehende Zivilisten, die Hauptstadt unter Beschuss - die Situation im umkämpften Bergkarabach ist angespannt. Russlands Präsident Putin äußerte sich besorgt. Armenien hofft auf seinen Beistand gegen Aserbaidschan.

Neue Kämpfe in der Konfliktregion Bergkarabach treiben Zivilisten in die Flucht. In der Kaukasusregion verließ laut einem Behördenvertreter rund die Hälfte der Bevölkerung ihre Häuser - darunter etwa 90 Prozent aller Frauen und Kinder. Das sagte der Bürgerbeauftragte der selbsternannten Republik Bergkarabach, Artak Belgarjan. Rund 70.000 bis 75.000 Menschen seien betroffen.

Stepanakert unter Beschuss

In der Nacht war es erneut zu schweren Angriffen auf die Hauptstadt gekommen. Fast stündlich heulten in Stepanakert die Alarmsirenen, wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Kurz darauf waren jedes Mal schwere Explosionen zu hören. Unklar war zunächst, ob es sich um Raketen-, Artillerie- oder Luftangriffe handelte.

Ein Bewohner sagte, es seien zweifellos die schwersten Angriffe auf Stepanakert seit dem Wochenende, als aserbaidschanische Truppen die Stadt mit fast 50.000 Einwohnern erstmals unter Beschuss nahmen. Die Informationen lassen sich nur schwer überprüfen, weil es keine unabhängigen Beobachter in der Konfliktregion gibt.

Putin "besorgt"

Russlands Präsident Wladimir Putin sieht die Lage mit Sorge. "Das ist eine Tragödie. Wir sind sehr besorgt", sagte der Kremlchef im TV-Sender Rossija-24. Auf beiden Seiten würden Menschen sterben, und es gebe Verluste. Nach Putins Angaben leben in Russland etwa zwei Millionen Aserbaidschaner und mehr zwei Millionen Armenier. "Viele russische Bürger haben enge, freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen zu beiden Republiken."

Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan hatte zuvor daran erinnert, dass er Russland auf Seiten Armeniens sieht. Sollte der Konflikt weiter eskalieren, werde sich Russland zugunsten seines Landes in den Konflikt einmischen. "Russland wird seine vertraglichen Verpflichtungen einhalten", sagte der Regierungschef. Gleichzeitig machte er die Türkei für die Eskalation des Konflikts verantwortlich. "Ohne das aktive Eingreifen der Türkei wäre es nicht so weit gekommen", sagte Paschinjan. Aserbaidschans Entschluss, "einen Krieg zu beginnen", sei durch die "volle Unterstützung der Türkei" motiviert gewesen.

Der iranische Präsident Hassan Rouhani warnte vor einem regionalen Krieg. "Wir sollten höllisch aufpassen, dass aus diesem Konflikt kein regionaler Krieg wird, denn von dem würde definitiv keiner profitieren", sagte er. Dies habe er "klar und deutlich" auch dem Präsidenten Aserbaidschans sowie dem armenischen Premierminister mitgeteilt.

Gefechte mit vielen Opfern

Die von Armenien kontrollierte Region Bergkarabach gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan. Beide Länder kämpfen schon seit Jahrzehnten um die bergige Region, in der rund 145.000 Menschen leben. Die jüngsten Gefechte waren heftiger als die Auseinandersetzungen in den Jahren zuvor.

Die Behörden in Bergkarabach sprachen zuletzt von 240 getöteten Soldaten seit Beginn der Kämpfe vor rund anderthalb Wochen. Die aserbaidschanische Seite hat bislang keine Angaben zu Verlusten in den eigenen Reihen gemacht. Sie gab die Zahl getöteter Zivilisten mit zuletzt 27 an. Armenien schätzt, dass bereits mehr als 3700 aserbaidschanische Soldaten starben*.

*Anmerkungung der Redaktion: Zuerst stand hier armenische Soldaten. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Europa als Zuschauer: EU-Parlament ringt um Haltung zu Bergkarabach
Michael Schneider, SR Brüssel
07.10.2020 15:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Oktober 2020 um 05:15 Uhr (Informationen am Morgen) und 10:00 Uhr (Nachrichten).

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